Entführung
und Ermordung von Elisabeth Käsemann
Der Fall Elisabeth Käsemann, eine deutsche Sozialarbeiterin, Symbol der Generation 1968, die mehr als sechs Jahre der Arbeit mit Randgruppen und Unterdrückten in der Region Río de La Plata widmete und von Militärs entführt und ermordet wurde, enthüllt sowohl die argentinische Armeegrausamkeit als auch die Nachlässigkeit des deutschen diplomatischen Dienstes im Argentinien jener Jahre.
Die Sozialarbeiterin Elisabeth Käsemann wurde am 11. Mai 1947 in Gelsenkirchen geboren. Ihre Eltern waren der bekannte Universitätsprofessor und lutherische Theologe Ernst Käsemann und Margrit Wizermann. Sie wurde am 24. Mai 1977 im Alter von 30 Jahren in Argentinien ermordet, nachdem sie mehr als acht Wochen lang Gefangene der argentinischen Militärs war. Sie wurde am 17.Juni 1977 in Lustnau, Tübingen, beerdigt.
Elisabeth begann in den Jahren 1954 bis 1966 ihre schulische Ausbildung in Göttingen und Tübingen und machte in Tübingen ihr Abitur. Da sie ein stark ausgeprägtes soziales und politisches Empfinden hatte, organisierte Elisabeth in ihrer Tübinger Schule einen „Club der politischen Diskussion“.
Im Anschluss studierte sie an der Freien Universität Berlin (FUB) Soziologie, wo sie sich in Kreisen deutscher und lateinamerikanischer intellektueller Sozialisten bewegte. Sie nahm zusammen mit Rudi Dutschke und anderen sozialistischen Intellektuellen an Seminaren teil. Sie beteiligte sich auch an antifaschistischen Organisationen und an Bewegungen gegen den Krieg in Vietnam. Das Soziologieinstitut Otto-Suhr der FUB gründete eine Solidaritätsorganisation mit der Dritten Welt, der sie ebenfalls beitrat. Elisabeth besaß neben ihrer deutschen Muttersprache perfekte Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch.
Ende 1968 reiste Elisabeth Käsemann nach Lateinamerika. Sie blieb in Argentinien, in Buenos Aires, wo sie die politische Bewegung ihres Stadtviertels sowie die Arbeiter in ihren Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit unterstützte. Während der 70er Jahre half Elisabeth Menschen, die vom Tod bedroht waren, aus Argentinien zu fliehen, indem sie ihnen gefälschte Papiere besorgte und sie aus dem Land brachte.
Am
8. März 1977 traf sich Elisabeth mit ihrer Freundin Diana Houston (Engländerin),
der sie berichtete, dass sie sich überwacht fühle und von unbekannten Personen
verfolgt werde. Elisabeth Käsemann wurde in der Nacht vom 08. auf den 09. März
1977 in Buenos Aires verhaftet. Danach wurde Elisabeth in das als „EL Vesubio“ bekannte Konzentrationslager gebracht. Dieses befindet
sich in der Zone La Tablada, in der Provinz von Buenos Aires. Es befand sich
unter der Befehlsgewalt des Militärmajors Pedro Duran Saenz. Dort wurde sie
ununterbrochen gefoltert. Einige Tage später wurde Diana Houston ebenfalls von
Polizei- und Militäragenten verhaftet, die sie über die Aktivitäten Elisabeth
Käsemanns verhörten.
Zwei
Wochen später wurden in Deutschland einige Stimmen laut, die ihre körperliche
Unversehrtheit und einen Haftprüfungstermin forderten, bei der ihre rechtliche
Lage untersucht werden sollte. Am 31.3.1977 informierte die Deutsche Botschaft
in Buenos Aires: ”Eine Dame [sic] Käsemann in Argentinien ist nicht bekannt
und dort seit 8 Jahren auch nicht gemeldet", obwohl diese zuvor bei der
Deutschen Botschaft in Buenos Aires einen Paß beantragt hatte.
Elisabeth Käsemann wurde mehrere Male innerhalb der geheimen Verhaftungszentren ”Campo Palermo” und ”El Vesubio” von einigen Personen gesehen, unter diesen die Gefangenen Elena Alfaro und Ana Di Salvo, welche die Diktatur überlebten. Elisabeth erhielt keine medizinische Versorgung, obwohl sie sich aufgrund der bei ihr angewandten Folterungen in schlechtem Gesundheitszustand befand. Als Anfang Mai 1977 der Vater von Elisabeth, der Theologe Ernst Käsemann, das Auswärtige Amt informierte, dass es Anzeichen gebe, dass seine Tochter in dem geheimen Verhaftungszentrum ”Campo Palermo”, Sitz des 1. Armeekorps in Buenos Aires, gefangen gehalten werde, und er ein schnelles Eingreifen zu ihrer Befreiung forderte, erhielt er zur Antwort: ”Ein Lager dieses Namens ist uns nicht bekannt”.
Mitte jenes Monats erhielt die Deutsche Botschaft in Buenos Aires die Bestätigung, dass Elisabeth Käsemann Gefangene der Militärischen Streitkräfte sei, sie sich ”wohlauf” befände und dass die Möglichkeit bestünde ”sie könne eventuell gegen eine Kautionszahlung freigelassen werden”. Dies wurde von der Staatsministerin im AA Dr. Hamm-Brücher in einem anschließendem Brief, der an den MdB K.D. Vogt gerichtet war, bestätigt. Man handelte nicht mit der Tatkraft, die erforderlich gewesen wäre, um das Leben von Elisabeth zu retten.
Die Militärs hielten Elisabeth Käsemann bis zur Nacht des 23. Mai 1977 gefangen, in der sie mit 15 anderen Personen aus dem Konzentrationslager abgeholt und an einen unbekannten Ort verlegt wurde, um am folgenden Tag in einer angeblichen Auseinandersetzung mit mutmaßlichen Guerilleros an einem Ort, der ”Monte Grande” heißt, erschossen zu werden. Dies war die Version, die General Suarez Mason anschließend bekannt gab und die in den folgenden Tagen mit einer Liste von Namen angeblicher "Terroristen", darunter eine "Isabella Kasermann" in den Tageszeitungen veröffentlicht wurde. Elisabeth wurde durch Schüsse aus nächster Nähe in den Rücken getötet. Die Kugeln führten den Herzstillstand herbei, wie Tübinger Gerichtsmediziner feststellten.
Die Leiche von Elisabeth Käsemann wurde nach der Ermordung zwei Wochen lang verborgen gehalten. Erst am 6. Juni 1977 bestätigte die Militärregierung offiziell den Tod Elisabeth Käsemanns. Einige Tage zuvor, am 4. Juni, hatte der argentinische Amtsinspektor Carlos Eulogio Castro einen „rechtsmedizinischen Totenschein“ für die Leiche Elisabeth Käsemanns unter militärischem Druck ausgestellt und unterzeichnet, ein falscher Bericht, den er selbst nicht ausgearbeitet hatte. Bei einer späteren behördlichen Ermittlung erklärte der Beamte Castro, dass er so verfahren habe, weil er sich unter militärischem Druck befand und außerdem habe er die medizinische Untersuchung unter denkbar ungünstigsten Umständen vollzogen, da weder ausreichend Licht noch Röntgengeräte vorhanden waren. Darüber hinaus gab er an, dass er über keine geeigneten medizinischen Gerätschaften verfügt habe, um Überprüfungen durchführen zu können.
Am 4. Juni stellte ein Vertrauensarzt der deutschen Botschaft in Buenos Aires fest, dass die Leiche von „Isabella“ Schusswunden im Rücken hatte und dass es sich bei ihr um Elisabeth Käsemann handelte.
Nicht genug, dass die deutsche Botschaft in Buenos Aires untätig blieb, was den Schutz des Lebens von Elisabeth Käsemann anbelangte, sie hielt auch zwei Tage lang die Nachricht über die Bestätigung ihrer Ermordung geheim, um nicht das Ereignis eines der Weltmeisterschaft vorhergehenden Fußballspiel zwischen der deutschen und der argentinischen Mannschaft zu beeinträchtigen.
Auch die führenden Köpfe der deutschen Gemeinschaft in Buenos Aires, die Industriellen und Unternehmer ebenso wie einige religiöse Oberhäupter zogen es vor, das Stattfinden dieses „Freundschafts-Fußballspieles zu unterstützen, anstatt der Vorschläge, diesen sportlichen Wettbewerb aus Protest an der Ermordung Elisabeth Käsemanns[1] abzusagen. Einige deutsche Vereine in Argentinien zeigten eine große Gleichgültigkeit gegenüber den Fällen von Entführungen und Verschwindenlassen, ohne die es möglich gewesen wäre, manche Leben zu retten.
Zuverlässigen Informationen belegen die Nachlässigkeit der Beamten des Auswärtigen Amts, welche die dringlichen Bitten von Menschenrechtsorganisationen und der Evangelischen Kirche Elisabeth Käsemann aus den Klauen der argentinischen Diktatur zu befreien, ignorierten. Der Vater Elisabeths, der Theologe Ernst Käsemann, würde darauf bezogen die eindeutige Aussage machen: ”Ein verkaufter Mercedes wiegt zweifellos mehr als ein Leben. Wer diese Feststellung zynisch nennt, wird vielleicht zu realistischem Denken zurückfinden, wenn er einmal als Bittsteller unsere auswärtigen Dienste bemühen muss.”[2]
Im Oktober 1977, als das Verschwinden von deutschen Staatsbürgern in Argentinien weiterging, wurde der Botschafter in Buenos Aires, Jörg Kastl, durch den Botschafter Joachim Jaenicke ersetzt. Dieser Wechsel wurde als Missbilligung durch das Auswärtige Amt der Art und Weise, wie Kastl mit dem Entführungsfall und der anschließenden Ermordung Elisabeth Käsemanns umgegangen war, interpretiert. Trotzdem verbesserte sich die Lage für Angehörige von verschwundenen Deutschen nicht, die sich weiterhin von Diplomaten und der deutsche Regierung im Stich gelassen und ungeschützt fühlten.
Die deutsche Justiz hat nun 24 Jahre nach dem Verbrechen die Möglichkeit, ihrer unumgänglichen Pflicht nachzukommen, die Wahrheit herauszufinden und all jene ausfindig zu machen, die in diesen skandalösen Fall von Entführung und Ermordung verwickelt sind. Das wird keine sehr schwere Aufgabe werden. Bereits 1988 befand Lowell Jensen, Richter am Gericht des Regierungsbezirks Nordkaliforniens, USA, General Suarez Mason rechtlich schuldig des Mordes und der Entführung von 39 Personen, unter ihnen die uruguayischen Abgeordneten Zelmar Michelini und Héctor José Gutierrez Ruiz, und die Frauen verschiedener Herkunft Rosario Barredo de Schoeder, Leticia Akselman, Ana María Perdighe, Elena Kalaidjian und die deutsche Elisabeth Käsemann. (Esteban Cuya)
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[1] Trotz der schweren Straftat der Entführung und Ermordung von Elisabeth Käsemann
behielten 1978 die Beamten der deutschen Botschaft ihre freundschaftliche Haltung der
Militärdiktatur gegenüber bei. Der Präsident der deutschen Fußballvereinigung Neuberger gab an, dass er sich mit dem Botschafter in Argentinien unterhalten habe. “Diesem seien keine Fälle von gefolterten (!) Deutschen bekannt gewesen.”
[2] (Der Spiegel 8.8.1977)