Eine Wahrheitskommission an den Graswurzeln

Jun 25th, 2015 | By | Category: Aktuelles, Weltregionen, Amerika, Vergangenheitspolitik

von Sara Fremberg

Erinnerungsarbeit auf dem Engenho Galiléia, der Wiege der brasilianischen Bauernbewegung

Am Abend des 1. April 1964 gegen 18 Uhr fuhren mehrere Dutzend schwerbewaffneter Soldaten auf das Engenho Galiléia, eine ehemalige Zuckerrohrfarm im Westen des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco. Sie trieben die ansässigen Bauernfamilien zusammen, verhörten sie und begannen, das 500 Hektar große Gelände zu durchkämmen. Die Militärs waren auf der Suche nach den Anführern der ligas camponesas. Diese Bauernvereinigungen setzten sich seit Mitte der 1950er Jahre für die Rechte von Kleinbauern und Landarbeitern ein. Die erste liga war 1955 im Galiléia gegründet worden.
„Sie standen auf dem Lastwagen, die Gewehre im Anschlag. Sie zielten auf uns. Als wären wir im Krieg,“ erzählt José Joaquim da Silva. Der heute 67-jährige, der von allen nur Zito da Galiléia genannt wird, ist einer der wenigen Zeugen jener Ereignisse. Einigen Männern gelang es rechtzeitig, in den Wald zu fliehen – so auch Zitos Großvater, Zezé da Galiléia, einem der wichtigsten Sprecher der ligas. Zuerst versuchten die Militärs, die Versteckten mit Decken und Nahrungsmitteln hervorzulocken. Dann versprachen sie den Familien Sicherheit. „Soldaten kamen zu meiner Großmutter und sagten ihr, sie solle meinen Großvater rufen, er würde auch nicht verhaftet werden. Sie sagten: ‚Wir wollen ihn nur kurz mit aufs Polizeirevier in Vitória de Santo Antão mitnehmen und bringen ihn dann gleich wieder zurück.‘ – Meine Großmutter glaubte ihnen und rief meinen Großvater. Sie brachten ihn in ihren Jeep. Aber an der Kreuzung, wo das Auto nach Vitória de Santo Antão hätte abbiegen müssen, nahmen sie plötzlich die Straße nach Recife.“ Zezé da Galiléia wurde, wie andere mutmaßliche oder tatsächliche Unterstützer der ligas in die Folterzentren der Militärs gebracht.
Mit Unterstützung zivil-konservativer Kräfte stürzten die Streitkräfte an jenem 1. April den demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart, und rissen die Macht in Brasilien an sich. Wichtigstes Ziel waren dabei die Großstädte des Landes, aber auch kleinere mögliche Widerstandszentren wie das Galiléia. In Recife, der Hauptstadt Pernambucos, umstellten sie den Regierungssitz mit Panzern, verhafteten den amtierenden Gouverneur Miguel Arraes und gingen mit brutaler Gewalt gegen Studenten und Schüler vor, die sich mit Arraes solidarisierten.
Zezé da Galiléia wurde nach seiner Verhaftung erst nach Recife und dann ins Gefängnis nach Olinda gebracht. „Er bekam nur Brot, ohne Wasser. Der Abfluss am Boden seiner Zelle war kaputt. Er musste sich auf den Boden legen und sich das Abwasser mit der Hand nach oben in den Mund schaufeln, um überhaupt etwas zu trinken,“ erzählt Zito. Sechs Monate später erlitt Zezé einen Schlaganfall, nach dem er nicht mehr sprechen konnte. Als gebrochener Mann wurde er aus der Haft entlassen. „Er kehrte ins Galiléia zurück, doch so sehr wir uns auch bemühten, es gelang uns nicht, ihn wieder aufzurichten.“ 1969 starb Zezé da Galiléia.

„Wir müssen an diese dunkle Vergangenheit erinnern. Damit die neuen Generationen die Wahrheit darüber erfahren, was damals passiert ist.“ Zito da Galiléia

Zusammen mit dem Anthropologen Anacleto Julião sieht Zito da Galiléia seine Lebensaufgabe darin, an die Geschichte des Galiléia und insbesondere den Kampf der ligas zu erinnern. Die beiden Männer erhalten die wenigen baulichen Spuren aus der Zeit der ligas auf dem Gelände. Sie sammeln Bücher und Dokumente zum Thema, führen Schüler und Studenten über den historischen Ort und beraten Wissenschaftler und Journalisten, die zum Thema forschen. Zito lebt seit 2001 wieder an dem Ort, an dem seine Familie einst für ihre Rechte und die der anderen Bauern eintrat und dafür so brutal verfolgt wurde. Direkt neben seinem kleinem Bauernhaus steht die Zezé da Galileía-Bibliothek.
In dem Flachbau mit drei kleinen Räumen stehen in großen Regalen Biographien und Historiographien, die von der Gründung und vom Kampf der ligas camponesas erzählen, neben politische Schriften und Gedichtbände aus jener Zeit. Dazwischen werden in Alben und Folien alte Zeitungsausschnitte, Fotos und andere Original-Dokumente archiviert. „Wir wollen die Erinnerung an all jene wach zu halten, die im Kampf um die Rechte der Bauern verfolgt, gefoltert oder ermordet wurden“, sagt Zito da Galileía. „Wir müssen an diese dunkle Vergangenheit erinnern. Damit die neuen Generationen die Wahrheit darüber erfahren, was damals passiert ist.“
Die Wand des mittleren Raumes, über den man die Bibliothek betritt, ist zugehängt mit gerahmten Fotos und Zeichnungen von Anführerinnen und Anführers der ligas camponesas. Dona Marieta, eine Lehrerin, die den erwachsenen Galiléia-Bauern das Lesen und Schreiben beibrachte und dafür von den Militärs nach Recife verschleppt, gefoltert und vergewaltigt wurde, João Virgínio, der schon vor dem Putsch keinen Hehl aus seiner Begeisterung für Kuba und Fidel Castro gemacht hatte und den man im Gefängnis nach Elektroschocks und anderen Folterungen zwang, 24 Stunden in einer Tonne mit Fäkalien zu stehen ohne sich festhalten zu dürfen, Zezé da Galiléia, Maria Celeste Vidal, Luiz Serafim dos Santos…

Die Gründung der ersten liga camponesa

Bauern und Landarbeitern in Brasilien war es in den 1950er Jahren nicht erlaubt, sich zu organisieren. Arbeitnehmerrechte waren zwar durch die Verfassung garantiert, wurden jedoch auf Druck der mächtigen landbesitzenden politischen Klasse nur in den großen Städten tatsächlich angewandt und geachtet. Auf dem Land und damit insbesondere im agrargeprägten Nordosten entschied die feudale Willkür der Großgrundbesitzer. Überhöhte Pachtabgaben, Zwangsarbeit und brutale ‚Disziplinarmaßnahmen‘ machten den Bauern das Leben zur Hölle und trugen maßgeblich zu ihrer Verarmung bei. Die Menschen hungerten, Lebensmittel, die Bestattung Verstorbener oder eine Schulausbildung waren unbezahlbar. Eine angemessene medizinische Versorgung gab es nicht. „Die Frauen bekamen ihre Kinder damals zu Hause,“ erzählt Zito. „Viele Mütter und Kinder starben bei der Geburt. Die Babys mussten dann oft unter dem Torpfosten begraben werden.“
Und so beschlossen die Familien des Galiléia, einen Verein zu gründen, aus dessen gemeinsamer Kasse eine Hebamme bezahlt werden sollte. Sie schrieben einen Brief an den örtlichen Großgrundbesitzer des Geländes, Oscar Arruda Beltrão, und baten ihn um Erlaubnis. Sie boten ihm sogar den Ehrenvorsitz ihrer geplanten Gesellschaft für Land- und Viehwirtschaft der Bauern von Pernambuco (port. Sociedade Agrícola e Pecuária de Plantadôres de Pernambuco, SAPPP) an. Beltrão gab ihrem Anliegen statt, ließ sich jedoch kurz darauf von seinem Sohn davon überzeugen, dass eine solche wie auch jede andere Form der bäuerlichen Selbstorganisation nur seine eigene Position im Galiléia schwächen würde. Er verbot den Verein nachträglich. Als die Familien dies nicht akzeptieren wollten, forderte Beltrão sie auf, das Galiléia umgehend zu verlassen. Mit Unterstützung des Rechtsanwalts und späteren Abgeordneten Francisco Julião, dem Vater von Anacleto Julião, zogen sie daraufhin vor Gericht. 1959 gelang es tatsächlich, die Vertreibung abzuwenden und die staatliche Enteignung des Galiléia durchzusetzen. Der Großteil des Landes wurde den dort ansässigen Familien überschrieben.

Plakette: An diesem Ort wird das Denkmal für die ligas camponesas in Brasilien und Francisco Julião aufgestellt

Francisco Julião wurde in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Sprecher und Unterstützer der ligas camponesas. „Wenn ich nach Hause kam saßen da Hunderte Bauern in unserem Haus, im Hof, auf der Terrasse und warteten geduldig, bis sie mit meinem Vater sprechen konnten,“ erinnert sich Anacleto. „Meine Mutter verarztete ihre Wunden von den Folterungen und Quälereien der Großgrundbesitzer.“
Für ihre politischen Aktivitäten zahlte die Familie einen hohen Preis. Nach massiven Morddrohungen und mehreren Attentaten ging Juliãos damalige Ehefrau, die Frauenrechtlerin Alexina Lins Crêspo de Paula, 1962 mit den vier Kindern nach Kuba. Dann machte der Putsch in Brasilien jegliche Rückkehrpläne vorerst zunichte. Nach einer Odyssee über Chile, wo die Familie während des dortigen Militärcoups nur knapp den Schergen Pinochets entkam, und Schweden, kamen sie erst mit dem Amnestiegesetz 1979 wieder in ihre Heimat zurück. Julião selbst wurde 1964 in Brasilien festgenommen und ein Jahr lang inhaftiert. Danach ging er ins Exil nach Mexiko und wurde 1979 ebenfalls amnestiert.

Pernambuco vor dem Putsch: Die “kommunistische Gefahr”

Der gerichtliche Erfolg Juliãos war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen in Pernambuco. Die Gouverneure Cid Sampaio und Miguel Arraes waren nacheinander mit Unterstützung progressiver linker Kräfte gewählt worden und nahmen deren Vertreter und ihre Positionen in ihre Regierung auf. Sie förderten unter anderem die Gründung von Gewerkschaften, kommunalen Interessenverbänden und Bauernvereinigungen und unterstützten und initiierten bildungs- und sozialpolitische Projekte, um die Armut im Bundesstaat zu bekämpfen.
Die Enteignung des Galiléia wurde brasilienweit als Pilotprojekt einer neuen Agrarpolitik wahrgenommen. In anderen Gemeinden und Bundesstaaten schöpften die Bauern Hoffnung, und bis 1964 entstanden in ganz Brasilien insgesamt 14 ligas. Aus den kleinen Bauernvereinen mit regionalen Interessen wurde eine Bewegung, die keiner der etablierten politischen Richtungen angehörte und deren Anführer mit Fidel Castro und dem kubanischen Sozialismus sympathisierten. Die Bezeichnung ligas camponesas stammte dabei keineswegs von den Anhängern der Bewegung. Vielmehr assoziierte die konservative Presse die Vereinigungen bewusst mit gleichnamigen verbotenen kommunistischen Gruppierungen der 1940er Jahre und schürte im In- und Ausland die Angst vor einer kommunistischen Revolution im brasilianischen Nordosten. Die Radikalisierung einzelner ligas, die sogar zu den Waffen riefen, verstärkte diesen Eindruck.
Ein hellgrünes eisernes Ungetüm, das noch heute in einem Steinschuppen des Galiléia konserviert wird, erinnert an diese Zeit. Die Angst vor einem Aufstand der armen Bauern im Nordosten Brasiliens, einer kommunistischen Revolution, ergriff zu Zeiten des Kalten Krieges auch die USA. Und nachdem in der amerikanischen Presse einige Artikel über die Bauern des Galiléia erschienen waren, schickte Präsident John F. Kennedy 1961 seinen Bruder, Senator Edward Kennedy, persönlich vorbei, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Dieser sprach mit den Familien, ließ sich über das Gelände führen und fragte dabei, was die Bauern eigentlich am dringendsten benötigen würden. „Strom,“ antworteten diese, und wenige Wochen später schickte Kennedy ihnen einen dieselbetriebenen Generator. “Das Geschenk war zwar nett gemeint. Aber leider hatten wir kein Geld für Leitungen, die den Strom in die Häuser gebracht hätten“, erinnert sich Zito schmunzelnd.

Der Traum von der Gedenkstätte

Die Zezé da Galileia-Bibliothek und der Generator sind jedoch nur ein Teil des Traums, den Zito und Anacleto seit Jahrzehnten teilen und vorbereiten: den Bau einer Gedenkstätte für die ligas camponesas und Francisco Julião. Neben der Bibliothek soll unter anderem ein Auditorium entstehen, mit Raum für Konferenzen und Studienplätzen. „Dieser Ort hat eine große historische Bedeutung für die Landlosenbewegung und für die Agrarreform. Nicht nur in unserem Bundesland, sondern in ganz Brasilien,“ begründet Anacleto Julião die Initiative. “Die Gedenkstätte soll über einen wichtigen Teil der brasilianischen Geschichte aufklären.” In der casa da farinha, wo sich die Galiléia-Bauern einst versammelten, steht seit April 2013 ein Provisorium. An diesem Ort wird das Denkmal für die ligas camponesas in Brasilien und Francisco Julião aufgestellt, steht auf einer Plakette. Doch die Verwirklichung des Projekts ist nicht nur aus finanziellen Gründen ungewiss.

Anacleto und Zito an der Stelle, an der später im Rahmen der Gedenkstätte einmal ein Auditorium stehen soll

DSCF6843DSCF6843DSCF6843Mit dem Abschlussbericht der Nationalen Wahrheitskommission hat der brasilianische Staat im Dezember 2014 erstmals umfassend Verantwortung für die massiven Menschenrechtsverletzungen übernommen, die während der Diktatur begangen wurden. Zu den Menschenrechtsverletzungen an der Landbevölkerung zitiert der Bericht Zahlen der Comissão Camponesa da Verdade (CCV), nach deren Recherchen mindestens 1.196 Kleinbauern und Landarbeiter während der Diktatur ermordet wurden. Doch wo die Wahrheitskommission bei ihrer Arbeit zur Verfolgung des parteipolitischen Widerstands auf der Vorarbeit zivilgesellschaftlicher und seit Mitte der 1990er Jahre auch staatlicher Institutionen aufbauen konnte, standen für die Aufklärung der Verbrechen auf dem Land mit Ausnahme der Recherchen der CCV kaum aufbereitete Zahlen und Fakten zur Verfügung. Auch schriftliche Belege, die solche Fakten liefern und das Unrecht dokumentieren gibt es kaum. Einige Mitglieder der Nationalen Wahrheitskommission bestanden jedoch darauf, dass die aktive Beteiligung staatlicher Funktionäre durch schriftliche Dokumente belegt sein muss, um Verbrechen als Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen, während gleichzeitig mündliche Überlieferungen und Zeitzeugeninterviews nicht berücksichtigt wurden.

Die nur zögerliche Aufarbeitung der Diktaturverbrechen an der Landbevölkerung, aber auch an den indigenen Völkern, zeigt ihre besondere politische Brisanz: Denn wo der militärische Einmarsch im Galiléia der Symbolkraft des Ortes für die Bauernbewegung zuzuschreiben war, verließen sich die Militärs in den meisten anderen ländlichen Gemeinden auf die Großgrund- und Plantagenbesitzer, die eine Rückkehr zur Diktatur begrüßten und den Putsch für ihre persönlichen Säuberungen nutzten. Sie schickten ihre capangas, bezahlte Milizen, die ganze Bauernfamilien bedrohten und vertrieben und insbesondere die Mitglieder und Anführer der ligas, aber auch Menschen, die ihren wirtschaftlichen oder politischen Interessen im Weg waren folterten und ermordeten. Auch während der Diktaturjahre waren sie es, die die Repressionen auf dem Land ausführten und ihre Interessen mit brutaler Gewalt durchsetzten – oft mit Duldung oder sogar Unterstützung des Staates.
Die Aufarbeitung dieser Verbrechen würde eine zivile Beteiligung am Putsch und Kollaboration mit den Militärs offiziell belegen. Eine unangenehme Wahrheit in einem Land, das fast dreißig Jahre gebraucht hat, um die staatliche Verantwortung für die Diktaturverbrechen öffentlich zu akzeptieren und in dem feudalistische Machtstrukturen in vielen ländlichen Regionen die Diktatur überdauert haben und nach wie vor Politik und Alltag bestimmen.
Trotzdem thematisierte die Kommission die Menschenrechtsverletzungen an der Landbevölkerung und auch den indigenen Völkern überraschend deutlich. Sie empfahl in ihrem Abschlussbericht, dass staatlicher Folgeinstitutionen eingesetzt werden sollen, die ihre Arbeit fortführen und, dass es den Opfern und ihre Familien erleichtert wird, Entschädigungszahlungen zu beantragen, zu denen sich der Staat 1995 bereit erklärte. Von den Familien der 1.196 namentlich bestätigten Toten erhielten bislang nur 29 Entschädigungen. Viele konnten den Kontext der politischen Verfolgung, an den die Zahlungen gebunden sind, nicht ausreichend beweisen.
Die Reaktion der Regierung von Dilma Rousseff auf den Abschlussbericht ist bislang verhalten. Mit keinem Wort ging die brasilianische Präsidentin, die als ehemaliges Widerstandsmitglied selbst gefoltert wurde, bei der Übergabezeremonie und danach konkret auf die Empfehlungen der Kommission ein. Und so scheinen Initiativen einzelner Aktivisten wie Zito und Anacleto derzeit die einzige Hoffnung, die Erinnerung an die ligas und das Leid der Bauern während der Diktatur für die zukünftigen Generationen zu bewahren und ein Bewusstsein zu schaffen, um weitere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, die im Rahmen aktueller Landkonflikte in vielen Regionen Brasiliens nach wie vor an der Tagesordnung sind, zu verhindern. „Vielleicht werden erst unsere Enkel die Gedenkstätte bauen, aber eines Tages wird es sie geben,“ sagt Anacleto beim Abschied und lächelt siegessicher.

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