Die NSU Mordserie – Gedenken in Nürnberg

Jul 23rd, 2015 | By | Category: Aktuelles, Strafgerichtsbarkeit

von Felix Sippel 

Ismail Yasar war das sechste Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds. Vor zehn Jahren wurde der Nürnberger in seiner Imbissbude erschossen. Nun erinnert eine Bronzeplatte in der Scharrerstraße an den grausamen Mord, die im Zuge einer Gedenkveranstaltung verlegt wurde – es ist nicht die einzige Form des Erinnerns an die NSU-Morde in Nürnberg.

Die Taten von Nürnberg

Am 9. September 2000 wurde Enver Simsek in Nürnberg von rechtsextremen Terroristen erschossen. Zwei Tage darauf erlag er den Verletzungen. Simsek gilt als erstes Mordopfer des NSU. Es war der Beginn einer siebenjährigen Mordserie, in der die Zwickauer Terrorzelle vermutlich neun weitere Personen ermordete – dreimal hieß der Tatort Nürnberg. Der Blumenhändler Enver Simsek, der Siemens-Arbeiter Abdurrahim Özüdogru sowie der Imbissbuden- Besitzer Ismail Yasar – sie alle waren türkischstämmige Mitbürger und fielen den rassistischen Mordmotiven des NSU zum Opfer.

Nun wurde in der Scharrerstraße im Zuge einer Veranstaltung eine Gedenkplatte verlegt, die an Ismail Yasar erinnern soll. Zum 10. Jahrestag seines Todes wurde sie in den Gehweg eingelassen – in unmittelbarer Nähe zum Tatort. Der 50-Jährige, der in seinem „Scharrer-Imbiss“ in St. Peter, schräg gegenüber der Scharrer-Schule, Döner, Eis und Süßigkeiten verkaufte, war beliebt. Seinen Imbiss hatte Yasar, der seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebte, auf dem Parkplatz des Edeka-Geschäfts an der Ecke Scharrer-/Velburger Straße aufgebaut. Organisiert wurde die Gedenkveranstaltung, an der rund 300 Personen teilnahmen, vom Arbeitskreis „Kinder im Stadtteil“ gemeinsam mit der Scharrerschule. Die Kinder machten sich mit kurzen Ansprachen und Gesangseinlagen für ein friedliches Miteinander stark. Die Gedenkplatte ist aus Bronze und wurde von Manuela Dilly gestaltet. Sie zeigt eine Weltkugel mit dem Satz „Wir alle sind Kinder dieser Erde“ und trägt des weiteren die Inschrift: „In Gedenken an unseren Mitbürger Ismail Yasar – Er wurde an diesem Ort am 9. Juni 2015 aus rassistischen Gründen ermordet.“ Die Platte ist ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen dieser Gewalttaten und ein weiterer Ort der Erinnerung an die NSU-Morde in Nürnberg.

Erinnern in Nürnberg

2013 bereits wurde am Kartäuser Tor ein Gedenkort errichtet. An einer Stele in direkter Nachbarschaft zur „Straße der Menschenrechte“ wird über die NSU-Morde in Nürnberg informiert. Dahinter wurden Gingko-Bäume gepflanzt. Drei Bäume erinnern an die drei Nürnberger Opfer der rechtsextremen Terrorzelle, einer steht stellvertretend für alle Opfer rechtsradikaler Gewalt.

Mit dem Mosaik-Preis kam in diesem Jahr ein weiteres Symbol des Gedenkens hinzu. Es werden Jugendprojekte ausgezeichnet, die sich gegen (Alltags-)Rassismus und für einen respektvollen Umgang aller Menschen einsetzen sowie interkulturellen Dialog fördern. Im Zuge der fünf NSU-Morde in Nürnberg und München wurde dieser Preis ins Leben gerufen und soll ein kraftvolles Zeichen der gesellschaftlichen und politischen Ächtung von neo- nazistischer Gewalt und alltäglichen Formen von Diskriminierung setzen. Den ersten Preis gewann zum einen das Projekt „Yallah – junge Flüchtlinge aktiv!“ des Münchner Vereins „heimaten e.V.“.Bei diesem Jugendprojekt lernen junge Menschen verschiedener Herkunftsländer und Religionen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. So unterstützen sie zum Beispiel junge Flüchtlinge, die neu in Deutschland sind, oder informieren Jugendverbände über die Situation junger Flüchtlinge. Zum anderen gewann auch die Initiative „Nein zur Grauzone“ des Nürnberger Radiosenders Radio Z. Das Projekt setzt sich mit Musik aus rechten Lebenswelten auseinander, die weder das Label „Nazi“ trägt noch das Label „unpolitisch“. Dennoch tauchen in dieser Musik häufig Muster und Werte auf, die politisch dem rechten Lager nahestehen. Über diese „Grauzone“ in der Musik machen junge Redakteure in einer Radiosendung aufmerksam und sensibilisieren somit andere Jugendliche für diese Problematik. Diese Zeichen des Erinnerns wurden auch in Absprache mit den Verbliebenen der Mordopfer ins Leben gerufen. Unter anderem Enver Simseks Tochter Semiya musste erst jahrelang gegen die Vermutung ankämpfen, dass der Mord auf Verbindungen ihres Vaters ins kriminelle Millieu zurückzuführen sei.

Zahlreiche Personen erinnerten sich gemeinsam an Ismail Yasar

Zahlreiche Personen erinnerten sich gemeinsam an Ismail Yasar

Das Versagen der Behörden

In Enver Simseks Fall – wie auch in vielen darauffolgenden – suchten die Behörden zunächst nach Verbindungen zum Rauschgifthandel. Über elf Jahre kamen die Sicherheitsorgane den NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe nicht auf die Spur. Erst im Anschluss an die Ereignisse vom 4. November 2011 kam endlich Licht ins Dunkle. Nach einen Banküberfall fand die Polizei die zwei Männer tot in einem Wohnmobil auf, vier Tage später stellte sich dann Beate Zschäpe. Sowohl im Wohnmobil als auch in einem Zwickauer Wohnhaus wurden mehrere Waffen sichergestellt. Darunter war auch die Dienstwaffe des letzten NSU- Mordopfers, der Polizistin Michele Kiesewetter – sowie eine Ceska 81, die Tatwaffe unter anderem bei den Nürnberger Morden. Aus diesen Ermittlungsergebnissen wurde klar, dass die Opfer im Zuge einer rechtsextremen Mordserie, und nicht etwa aufgrund eigener krimineller Machenschaften, ums Leben kamen. Nach dem Auffliegen der Terrorzelle traten mehrere Verfassungsschutzchefs aufgrund der gravierenden, jahrelangen Ermittlungsfehler zurück. Mehrere Parlamente beschäftigen sich bis heute in Untersuchungsausschüssen mit den Ereignissen und zeigen sich über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Behörden empört. Große Empörung löste diese jahrelange Blindheit der Behörden auf dem rechten Auge auch in der Bevölkerung aus. Darum ist es wichtig, an die NSU- Mordserie weiter zu erinnern. Mittlerweile geschieht dies an vielen Tatorten, nicht nur in Nürnberg. So wurde in Kassel sogar ein Platz nach Halit Yozgat, dem neunten Mordopfer, benannt. Die juristische Aufarbeitung ist dagegen noch voll im Gange. Der Prozess um Beate Zschäpe erregt dabei große öffentliche Aufmerksamkeit.

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