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	<title>Nürnberger Menschenrechtszentrum &#187; Book Reviews</title>
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		<title>Lisa Ott: Enforced Disappearance in International Law</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 08:27:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Lisa Ott befasst sich in der von ihr vorgelegten Dissertation mit dem internationalen Rechtssystem zum Schutze und zur Verhinderung des Verschwindenlassens. Das erzwungene Verschwindenlassen von Personen, insbesondere von mutmaßlichen Regimegegnern, welches sich aus Freiheitsentziehung, Folter und oftmals der Ermordung der Gefangenen zusammensetzt, spielt bis heute eine erhebliche Rolle. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lisa Ott: <em>Enforced Disappearance in International Law</em>, Cambridge, Antwerpen, Portland (Intersentia) 2011</p>
<p>Lisa Ott befasst sich in der von ihr vorgelegten Dissertation mit dem internationalen Rechtssystem zum Schutze und zur Verhinderung des Verschwindenlassens. Das erzwungene Verschwindenlassen von Personen, insbesondere von mutmaßlichen Regimegegnern, welches sich aus Freiheitsentziehung, Folter und oftmals der Ermordung der Gefangenen zusammensetzt, spielt bis heute eine erhebliche Rolle. Bekannt geworden durch die Militärdiktaturen in Lateinamerika, handelt es sich jedoch um ein weltweites Phänomen, dem jährlich tausende Menschen zum Opfer fallen.</p>
<p>Das Buch „Enforced Disappearance in International Law“ zählt zu den wenigen juristischen Büchern die sich ausschließlich mit dem erzwungenen Verschwindenlassen von Personen beschäftigen und dadurch dieses immer noch verhältnismäßig unbekannte Verbrechen in den Mittelpunkt rücken. Auf rund 300 Seiten stellt die Autorin die existierenden Regelwerke unter Einbeziehung des internationalen Menschenrechtsschutzes, des humanitärem Völkerrechts und des internationalen Strafrechts detailliert dar, um darauf aufbauend die Bestimmungen des 2010 in Kraft getretenen Internationalen Übereinkommens zum Schutze aller Personen vor dem Verschwindenlassen zu untersuchen.</p>
<p>Im ersten Kapitel stellt die Autorin die historischen Hintergründe des Verschwindenlassens und der internationalen Instrumente zur Verhinderung vor. Anschließend nähert sie sich dem Phänomen in einer ausführlichen Analyse der Definitionen in den verschiedenen internationalen und regionalen Konventionen und Deklarationen. Politische und soziale Zusammenhänge werden hingegen nur marginal behandelt, wodurch der spezielle Unrechtsgehalt des Verschwindenlassens, seine Zielrichtung und seine Auswirkungen für Opfer und Angehörige nur unzureichend dargestellt werden.</p>
<p>Im darauf folgenden Kapitel werden die Rechtsprechung des UN-Menschenrechtskommitees, des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, des Inter-Amerikanischen Gerichtshofes für Menschenrechte, der Menschenrechtskammer für Bosnien-Herzegowina und der Afrikanischen Kommission der Menschenrechte und der Rechte der Völker analysiert und einander gegenübergestellt. Dabei unterscheidet die Autorin zwischen den Rechten der Verschwundengelassenen, deren Angehörigen und verschwundenen Kindern und kategorisiert die Urteile nach jeweils verletzten Rechten wie beispielsweise dem Recht auf Leben oder dem Folterverbot. Dies ermöglicht, die einzelnen Rechte in einer besonderen Tiefe auf ihre Anwendbarkeit auf das Verschwindenlassen hin zu untersuchen. Allerdings lässt die Autorin prozessrechtliche Fragen sowie die Befolgung und Umsetzung der Urteile unberücksichtigt. Dies ist insbesondere im Hinblick darauf, dass der Inter-Amerikanische und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bis heute die effektivsten Organe für Opfer dieses Verbrechens darstellen, bedauerlich.</p>
<p>Das dritte und vierte Kapitel widmet sich dem Verschwindenlassen im humanitären Völkerrecht und im internationalen Strafrecht. Die Untersuchung des humanitären Völkerrechts auf seine Verletzung durch das Verschwindenlassen und die damit verbundene Darstellung präventiver Reglungen stellt eine sehr selten gewählte Perspektive auf dieses Verbrechen dar. Diese detaillierte Analyse in einem bisher unterbelichteten Bereich in der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bietet womöglich den größten Erkenntnisgewinn dieser Arbeit. Die Untersuchung im Bereich des internationalen Strafrechts beschränkt sich hingegen im Wesentlichen auf die Beschreibung der konstituierenden objektiven und subjektiven Elemente des Verbrechens gegen die Menschlichkeit des Art. 7 des Rom-Statuts unter besonderer Berücksichtigung des Verschwindenlassens.</p>
<p>Das Kernstück der Arbeit stellt Kapitel fünf dar, in dem auf rund 100 Seiten die einzelnen Vorschriften der Internationalen Konvention gegen das Verschwindenlasssen vorgestellt werden. Die Konvention ist das erste universell geltende Rechtsinstrument gegen das Verschwindenlassen. Die Bestimmungen des ersten Abschnittes der Konvention, welcher materiell-rechtliche Regelungen enthält, werden wie bei einem juristischen Kommentar dargestellt: Nach dem Abdruck des jeweiligen Artikels wird dessen Entstehungsgeschichte nachgezeichnet und die jeweilige Norm interpretiert und evaluiert. Für den Leser besteht so die Möglichkeit, sich gezielt mit einem Artikel der Konvention auseinander zu setzen oder auch die Konvention im Ganzen zu erfassen. Bedauerlich ist, dass der Abschnitt über die Aufgaben des Ausschusses zur Konvention gegen das Verschwindenlassen knapp gehalten wurde. Auch wenn der Ausschuss zum Erscheinungstermin der Publikation noch nicht konstituiert war, erscheint es gerade im Hinblick darauf, dass er eine der ersten Anlaufstellen für Opfer des Verschwindenlassen darstellt, wichtig, dessen Aufgaben und Zuständigkeiten genauer aufzuzeigen.</p>
<p>Die Autorin hat alle verschiedenen Bereiche des Verschwindenlassens im internationalen Recht mit großer Detailtreue zusammengestellt und so ein umfangreiches Werk zum Verschwindenlassen vorgelegt. Auch für juristische oder völkerrechtliche Laien ist die Arbeit durch ausführliche Darstellungen der Grundlagen des Völkerrechts gut verständlich. Es ist sehr erfreulich, dass die Thematik des Verschwindenlassens in einem Buch so umfangreich behandelt wird, auch wenn es aufgrund der thematischen Breite an einigen Stellen an wissenschaftlicher Tiefe mangelt.</p>
<p>Nina Schniederjahn</p>
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		<title>Walther Rauff – eine Biografie und eine Aktenöffnung</title>
		<link>http://www.menschenrechte.org/lang/en/rezensionen/biografie-aktenoeffnung-walther-rauff-%e2%80%93-eine-biografie-und-eine-aktenoffnung</link>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 15:53:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<p align="justify">Walther Rauff, während des zweiten Weltkriegs Organisator der Gaswagenmorde an Juden in Osteuropa, macht wieder von sich reden. Im September 2011 gab der Bundesnachrichten- dienst zu, dass Rauff einer seiner Agenten war. Die Frage ist, ob diese Enthüllung nicht zugleich etwas verdeckt. Zeitgleich erschien die erste Biografie zu Rauff. [...]</p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinz Schneppen: <em>Walther Rauff: Organisator der Gaswagenmorde</em>: eine Biografie. Reihe ZeitgeschichteN Bd. 7. Berlin, Metropolverlag 2011</p>
<p>Mit <em>Walther Rauff: Organisator der Gaswagenmorde</em> hat Heinz Schneppen, Historiker und deutscher Botschafter a.D., im September 2011 die weltweit erste Biografie des Mannes veröffentlicht, der für die Ermordung von mehr als Hunderttausend Juden in von Hitlerdeutschland besetzten osteuropäischen Ländern verantwortlich war. Die Opfer wurden in geschlossene LKWs gezwungen und während der Fahrt durch Abgase ermordet. Es war ein grausamer Tod durch Ersticken. Die von Schneppen benutzten Unterlagen sind fast alle seit langem zugänglich, aber noch niemand hatte sich die Mühe gemacht sie durchzuarbeiten. Ähnliches gilt für die beiden vorigen Bücher Schneppens, der sich als Pensionär zügig an die Arbeit machte: eines zu <a href="http://www.menschenrechte.org/lang/de/lateinamerika/odessa-arbeit-am-mythos">ODESSA </a> (der angeblichen Fluchtorganisation der SS nach 1945, deren Existenz Schneppen zum ersten Mal widerlegt), das zweite zu <a href="http://www.menschenrechte.org/lang/de/rezensionen/das-bild-vom-tater">Eduard Roschmann</a>, dem Judenmörder in Riga. Solche Bücher<sup><a id="anker1" title="Fußnote" href="#fn1">[1]</a></sup> sind erste Schritte, das Leben von NS-Tätern auch nach 1945 zu erforschen. Zusammengenommen zeichnen sie –bisher nur fragmentarisch, da die Historikerzunft das Thema lange verschlafen hat – die Nachgeschichte des einzigartigen Verbrechens an den Juden.</p>
<p>Auch Zeitgeschichte bedarf der Distanz zu ihrem Gegenstand. Aber musste das Jahrhundert, in dem das Verbrechen geschah, erst zu Ende sein, ehe diese Nachgeschichte bearbeitet werden konnte? So schwierig die Antwort auf diese Frage ist, sie hat in jedem Fall etwas mit Erinnerungspolitik zu tun. Schneppens Buch erschien fast am selben Tag, an dem der Bundesnachrichtendienst (BND) seine Akten zu Rauff freigegeben hat. Rauff war, was Schneppen bereits vermutete, Agent des BND. Die Gleichzeitigkeit der Veröffentlichung mag Zufall gewesen sein, die Informationspolitik des BND hat System und ist selektiv. Schneppen und Andere<sup><a id="anker2" title="Fußnote" href="#fn2">[2]</a></sup> haben beim BND seit langem Akteneinsicht zu Rauff beantragt und erst aus der Zeitung erfahren, dass diese Akten nun verfügbar sind, aber vom BND-Sitz Pullach ans Bundesarchiv in Koblenz abgegeben worden waren, wodurch sie einige Wochen lang eben nicht verfügbar waren. Der BND hat zu einem Wochenende (24.-25.9.2011, ein gefundenes Fressen für<em> Bild am Sonntag</em> und <em>Spiegel online</em>, die der BND vorab telefonisch informiert hat<sup><a id="anker3" title="Fußnote" href="#fn3">[3]</a></sup>) und damit ohne Rückfragemöglichkeit für Journalisten seine Version der Zusammenarbeit mit Rauff an die Presse gegeben. Diese Version ging breit durch die Presse. Wer die 900 Dokumente im Bundesarchiv durcharbeitet, mit anderen Daten vergleicht und zu neuen Schlussfolgerungen gelangt, hat danach Mühe, Abnehmer für seine Analyse zu finden. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht enttäuscht die Aktenfreigabe, denn der BND hat derart viele Seiten weiterhin gesperrt, dass nicht einmal klar wird, worum es dabei geht und welche Spionageergebnisse Rauff lieferte. Eine Bundestagsanfrage<sup><a id="anker4" title="Fußnote" href="#fn4">[4]</a></sup> der Partei „Die Linke“ ergab, dass darüberhinaus ein Bestand an vertraulichen Rauff-Akten im Verschlusssachenarchiv des Bundesarchiv Koblenz liegt, das nicht zugänglich ist.</p>
<p>Ähnlich verfuhr der BND mit Informationen zu Adolf Eichmann, dessen Aufenthaltsort er früher wusste als bisher zugegeben. Er nahm der Journalistin Gaby Weber, die den Zugang zu diesen Akten gerichtlich erstritten hatte, durch eigene Veröffentlichung die Butter vom Brot. Dann fand ein Historiker seine in Pullach gewonnen Rechercheergebnisse zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, der auch im Dienst des BND stand, in der Presse. Auch diese beiden Fälle waren 2011. Die Erklärung dürfte sein, dass 2011 eine Unabhängige Historikerkommission begonnen hat, die Vergangenheit des BND zu erforschen, und der BND nun auf seine Weise Leichen aus dem Keller schafft. Wenn die Kommission ihre Ergebnisse vorlegt, kann der BND darauf verweisen, dass er seit Jahren Akten freigibt.</p>
<p>Rauff (geb. 1906) war Offizier der deutschen Kriegsmarine, musste aber wegen seiner Ehescheidung den Dienst quittieren. Als Alternative bot sich ihm wie vielen seiner Generation die SS. Er wurde Leiter der „Gruppe Technik“ im Reichsicherheitshauptamt in Berlin. In dieser Funktion war er für den Einsatz der Gaswagen verantwortlich. Nachdem die SS die Gaswagen auf die effektiveren Gaskammern umgestellt hatte, schickte sie Rauff ins deutsch besetzte Tunesien, um die dortigen Juden zu deportieren. Dazu kam es nicht, da das deutsche Afrikacorps die Juden als Arbeitskommandos einsetzte, die Befehlshaber der mit Deutschland verbündeten Truppen und wohl auch Offiziere der Wehrmacht sich querstellten und offenbar Transportkapazitäten fehlten.</p>
<p>1943 ging Rauff nach Italien, das gerade von der Wehrmacht besetzt worden war, um Streiks niederzuschlagen und andere Widerstandformen zu bekämpfen. 1945 nahmen ihn die Alliierten gefangen. 1946 floh er aus dem Lager. Er versteckte sich mit Hilfe der katholischen Kirche und ging 1948 nach Syrien, um den dortigen Geheimdienst aufzubauen, wozu er allerdings nicht qualifiziert war. Dort hat er für den israelischen Geheimdienst gearbeitet<sup><a id="anker5" title="Fußnote" href="#fn5">[5]</a></sup>. Dem gerade gegründeten Staat Israel ging es ums pure Überleben, da waren alle Mittel recht. Sein Geheimdienst warb wissentlich Judenmörder an, um den syrischen Sicherheitsapparat auszuspionieren.</p>
<p>Nach einem Putsch in Syrien ging Rauff nach Italien zurück und floh mit Frau und zwei Söhnen mit falschen, von Israel besorgten Papieren<sup><a id="anker6" title="Fußnote" href="#fn6">[6]</a></sup>) nach Ecuador. Dort freundete er sich mit dem späteren chilenischen Diktator Pinochet an, der in Ecuador <a href="http://www.menschenrechte.org/lang/de/lateinamerika/ss-standartenfuhrer-rauff-chile">als Militärberater tätig war</a>. 1958 ging die Familie Rauff nach Chile, wo ihn, wie wir nun wissen, der BND im selben Jahr als Agent V-7410 anwarb, um ein Spionagenetz in Lateinamerika aufzubauen. Wahrscheinlich wollte der BND von Rauffs Geheimdiensterfahrung profitieren. Sie wussten, wer er war, wenn sie auch  &#8211; nach Aktenlage -  nichts von den Gaswagenmorden wussten. Offenbar richtete sich der BND nach der Faustregel, dass, wer in Hitlerdeutschland gegen den Bolschewismus gut war, auch die Nachkriegskommunisten ausspionieren konnte. Auch der Fall des vom BND in Bolivien rekrutierten GESTAPO-Mannes Klaus Barbie („Henker von Lyon“) und Rauffs Rekrutierungsversuche neuer Agenten<sup><a id="anker7" title="Fußnote" href="#fn7">[7]</a></sup> zeigen dieses Schema. Dass der Sicherheitsdienst (SD) der SS eine krude Mischung aus Repression und Bespitzelungen betrieb und unter demokratischen Bedingungen andere Arbeitsmethoden geboten waren, störte den BND offenbar nicht.</p>
<p>Rauff sollte das revolutionäre Cuba ausspionieren, bekam aber keine Einreiserlaubnis. Er kassierte gut, lieferte schlecht und wurde 1963 vom BND abgehängt. Hierfür liefern die BND-Akten zwei unterschiedliche Begründungen: „Unergiebigkeit“ seiner Berichte (Blatt 272, s.a. 91) und Rauffs Verhaftung 1963 in Chile (s.u., Bl. 297).</p>
<p>Rauff besuchte während seiner Agententätigkeit zwei Mal die Bundesrepublik und blieb trotz eines am 13. März 1961 erlassenen, aber nicht veröffentlichten Haftbefehls unbehelligt. Die Frage, ob der BND von diesem Haftbefehl wusste, ist aus den freigegebenen Dokumenten nicht zu klären, denn sie enthalten zu viele Lücken. Immerhin machte der Dienst Routineanfragen bei der Zentralstelle in Ludwigsburg (Bl. 29). Sollte er aber nichts von dem Haftbefehl gewusst haben, wäre das sträflich. 1962 schulte der BND Rauff in Deutschland (was Schneppen noch nicht wissen konnte). Dass eine hohe deutsche Bundesbehörde einen Massenmörder anheuert und womöglich einen Haftbefehl gegen ihn ignoriert, gehört zum großen moralischen Versagen der Wirtschaftswunder-BRD. Prof. Jost Dülffer, Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission für den BND, geht in seinem ganzseitigen Artikel in der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> am Dienstag nach dem erwähnten Wochenende (27.9.2011) über diesen entscheidenden Punkt hinweg.</p>
<p><em></em>Die BRD stellte einen Auslieferungsantrag an Chile. Im Dezember 1962 wurde Rauff dort verhaftet. Seine Briefe aus dem Gefängnis, die der BND abfing, zeugen von einem strammen Offizier, für den Rauff sich immer noch hielt, mit ebensolcher deutscher Gesinnung und mit Seitenhieben gegen „die Juden“ (später bezeichnete er sich als „staatlich geprüften Kriegsverbrecher“). Im Auslieferungsverfahren stellte das chilenische Gericht verwundert fest, dass Deutschland einen Mann haben wollte, den es kurz zuvor noch auf eigenem Staatsgebiet hätte festnehmen können. Die deutsche Justiz hielt das für eine Schutzbehauptung, und musste dann kleinlaut eingestehen, dass es stimmte. Da Rauffs Taten nach chilenischem Recht verjährt waren, verließ er Anfang 1963 die Auslieferungshaft als freier Mann. Einen Versuch, über seinen ebenfalls für den BND arbeitenden Sohn Walter neuen Kontakt zum Dienst herzustellen, wies der BND strikt ab (Bl. 239). Mit dem Jahr 1963 endete (bis auf ein paar spätere Dokumente zur Einschätzungen des Vorgangs) die BND Akte zu „V-7410“.</p>
<p>Rauff ging nach Punta Arenas und Porvenir im schwer zugänglichen Süden Chiles und betrieb ein Fischereiunternehmen. Er verhielt sich unauffällig. Als ihm ein jüdischer Emigrant das Gesicht blutig schlug, verzichtete er auf Anzeige. Er gab ein Fernsehinterview, in dem er keinerlei Reue zeigte und einen Holocaustleugner zitierte. 1972, während der Regierung des Sozialisten Salvador Allende, gab es eine von Simon Wiesenthal ausgehende Initiative, Rauff auszuliefern oder auszuweisen. Schneppen rückt hier Wiesenthals Schilderung und die irrige Interpretation von Victor Farías zurecht. Die Initiative scheiterte, als 1973 Rauffs alter Freund Pinochet putschte.</p>
<p>Unter der Militärdiktatur war Rauff endgültig sicher. Er spielte eine noch nicht genügend aufgeklärte, aber belegbare Rolle in Pinochets Foltergeheimdienst DINA und der deutschen Foltersiedlung Colonia Dignidad, die wiederum mit dem BND zusammenarbeitete<sup><a id="anker8" title="Fußnote" href="#fn8">[8]</a></sup>. Rauff starb 1984 kurz nach einem weiteren Auslieferungsbegehren der BRD in Santiago. Miguel Serrano, chilenischer Hitler-Esoteriker und Freund der Colonia Dignidad, schickt ihm ein „Heil Hitler“ mit ins Grab.</p>
<p>Schneppens Buch <em>Walther Rauff : Organisator der Gaswagenmorde</em> hätte in der Substanz durch eine vorige Einsicht in die BND-Akten durch den Autor wenig gewonnen. Längst zugängliche Akten des CIA deuteten ohnehin auf eine BND-Tätigkeit Rauffs hin. Das Buch ist auch so gewichtig genug. Es schildert einen NS-Täter, der auch nach seiner Flucht nicht aufhören konnte, zu spionieren und der Macht zu dienen. Es erlaubt eine differenzierte Beurteilung der unterschiedlichen bundesdeutschen Akteure bezüglich Rauff. Die Justiz hat getan, was ihre Pflicht war, und einzelne Staatsanwälte haben es an Nachdruck nicht fehlen lassen. Auswärtiges Amt und Deutsche Botschaft in Santiago haben Auslieferungsbegehren teils energisch – etwa durch Beauftragung eines weiteren Rechtsanwalts, da der erste das Begehren für aussichtslos hielt –, teils mit vermeidbaren Verzögerungen und Fehlern betrieben.</p>
<p>Der BND benutzte und deckte Rauff, wie er jetzt zugab. Rauff wurde zwei Mal nicht aus Chile ausgeliefert mit der Begründung, dass er die Gesetze des Landes nicht verletzt habe. Das hatte er aber, denn er hat für einen ausländischen Staat spioniert. Die BRD hätte ihn beim Auslieferungsverfahren 1963 und sicher auch 1972 haben können, wenn sie 1962/63 die Agententätigkeit des „staatlich geprüften Kriegsverbrechers“ offengelegt hätte. Das ist aus der Sicht eines Geheimdienstes eine völlig irreale Vorstellung, aber warum siegte in einer Demokratie automatisch der Geheimdienst, wenn er mit der Justiz konkurriert? Warum wiegt der Schutz eines reuelosen Massenmörders und ineffektiven Agenten mehr als die Gerechtigkeit? War damals das Bundeskanzleramt als Aufsichtsbehörde des BND involviert? Weitere Fragen bleiben nach Schneppens Buch und vor allen der BND-Veröffentlichung offen. Beging der BND Strafvereitlung im Amt, indem er Rauffs Verhaftung bei seinen Aufenthalten in Deutschland verhinderte? Was wussten deutsche Behörden von Rauffs Arbeit für die Pinochet-Diktatur? Und warum veröffentlicht ein Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zeitgleich mit dem BND eine Vorabversion eines Teilergebnisses der gerade erst angelaufenen wissenschaftlichen Aufarbeitung?</p>
<p>Dieter Maier</p>
<ol>
<li id="fn1"><a href="#anker1">[1]</a> Zu erwähnen ist hier auch Bettina Stangneth: <em>Eichmann vor Jerusalem: das unbehelligte Leben eines Massenmörders</em>. Zürich 2011</li>
<li id="fn2"><a href="#anker2">[2]</a> Ich selbst ein Jahr vor der Aktenfreigabe, benachrichtigt wurde ich Wochen danach.. Zürich 2011</li>
<li id="fn3"><a href="#anker3">[3]</a> Bundestags-Drucksache Nr. 17/7271. Zürich 2011</li>
<li id="fn4"><a href="#anker4">[4]</a> Bundestags-Drucksache Nr. 17/7271. Zürich 2011</li>
<li id="fn5"><a href="#anker5">[5]</a> Nach Schneppen besteht der „begründete Verdacht“, dass Rauff dort für den israelischen Geheimdienst gearbeitet hat. Elam, Whitehead und Segev halten das für erwiesen (Shraga Elam, Dennis Whitehead: In the Service of the Jewish State.<a href="www.haarez.com"> www.haarez.com</a>, 27.9.2011. Segev in: Tom Segev: Simon Wiesenthal : die Biografie. München, Siedlerverlag 2010).</li>
<li id="fn6"><a href="#anker6">[6]</a> (Elam / Whitehead a.a.O.)</li>
<li id="fn7"><a href="#anker7">[7]</a> Ehemalige Mitglieder der rumänischen „Eisernen Garde“ und ein Deutscher, der „zu meiner Zeit eine sehr hohe Stellung in Berlin innehatte“ (Bl. 34)</li>
<li id="fn8"><a href="#anker8">[8]</a> Hierzu findet sich in den freigegebenen Akten nichts.</li>
</ol>
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		<title>Die Judenretter</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 13:43:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt wenige Bücher, von denen gesagt werden kann, dass sie geschrieben werden mussten. Arno Lustigers <em>Rettungswiderstand</em> ist ein notwendiges Buch. Die Überlieferungen zu diesem Thema sind vor allem mündlich, und oft gibt es nicht einmal die. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lustiger, Arno: Rettungswiderstand: über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit. Göttingen, Wallstein 2011, 462 S. mit Index</p>
<p>Es gibt wenige Bücher, von denen gesagt werden kann, dass sie geschrieben werden mussten. Arno Lustigers <em>Rettungswiderstand</em> ist ein notwendiges Buch. Die Überlieferungen zu diesem Thema sind vor allem mündlich, und oft gibt es nicht einmal die. „Selbst die Gerechten (die Retter, D.M.) wollten nicht über ihre Taten sprechen. Und auch ein großer Teil der Geretteten wollte es nicht. Denn die Gerechten wussten nur zu gut, dass sie einen isolierten und nicht allzu beliebten Teil der (polnischen, D.M.) Gesellschaft darstellten. Die Geretteten wiederum wollten sich gegen den Alptraum der Vernichtung abschotten. Und ein Teil von ihnen hat aus diesem Grund lange Zeit oder nie Kontakt mit ihren Rettern aufgenommen. Wie immer man diese Haltung beurteilen mag, man sollte sie im Zusammenhang mit den durch den Holocaust hervorgerufenen Traumatisierungen sehen… Die Mehrheit der Gerechten schwieg nach dem Krieg, weil sie gelähmt war von der Stille, die dieses Thema umgab, und der mangelnden öffentlichen Anerkennung für ihre Taten.“ (Felix Tych in Lustigers <em>Rettungswiderstand</em>). Viele haben, was sie getan haben, nur ihresgleichen erzählt, und da Lustiger ein Überlebender und Angehöriger von Geretteten ist, hatte er Zugang zu dieser mündlichen Überlieferung. Sie wird in ein paar Jahren, wenn keine Zeitzeugen mehr leben, endgültig abgebrochen sein. Lustiger, 1924 geboren, hat nun ein Kompendium seiner mühsamen Recherchen vorgelegt, und dafür kann man ihm nicht dankbar genug sein.</p>
<p><em>Rettungswiderstand</em> beschreibt Judenrettungen durch Einzelne und organisierte Gruppen vor allem in Europa. Lustiger kommt auf eine Zahl von 100.000 Menschen, die an Rettungen beteiligt waren. Gastautorin Beate Kosmala geht von einem Durchschnitt von sieben Rettern pro geretteter Person aus, wobei der Anteil der Frauen unter den Rettern sehr hoch ist, wenn auch überwiegend die Namen von Männern überliefert sind. Es gibt keine verlässliche Zahl von Geretteten. Formulierungen wie „relevante Zahl“ oder „unzählige“ deuten auf einen hohen Grad an Ungenauigkeit hin.</p>
<p>Die Rettungsaktionen beginnen bei einfachen Hilfeleistungen für Juden und steigern sich zu Freikäufen, Passfälschungen, Schmuggeln einzelner und kleiner Gruppen über die Grenze und organisierten Massenfluchten. Solche disparaten Aktivitäten systematisch darzustellen, die oft schwer zugänglichen Archive einzusehen und die noch lebenden Zeitzeugen zu befragen setzt eine Infrastruktur und eine Finanzierung voraus, die es für solche Zwecke nicht gibt. Deshalb ist <em>Rettungswiderstand</em> nicht nur ein notwendiges, sondern auch ein unmögliches Buch: Es leistet, was nicht zu leisten ist. Eine einundneunzigjährige Retterin, die in einem wohlgepflegten Inkognito lebt, erzählte mir, dass sie kürzlich die noch erhaltenen Briefe zu ihren Rettungen verbrannt hat. Das sind Umstände, die Lustigers narrative und subjektive Behandlung des Themas erzwingen und den Verzicht auf Fußnoten und die allzu pauschalen Literaturhinweise verständlich machen. Was Lustiger erzählt, revidiert das Bild von den Juden, die sich willenlos zur Schlachtbank führen ließen, und ergibt in immer neuen Einzelschilderungen eine seit langem ausstehende Ergänzung zum Verhalten der Bevölkerung im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten. Es war möglich, den Verfolgten zu helfen, und manche dieser Helfer kamen, wenn sie erwischt wurden, mit glimpflichen Strafen davon.</p>
<p>Eine auffällige Schwäche des Buches ist, dass es sich an Schlussfolgerungen kaum heranwagt. Gibt es ein gemeinsames Muster der Rettungen? Was haben ein namhafter Diplomat, der Pässe ausstellt, ein „Retter in Uniform“ und „Striaupis (litauischer Bauer)“, mit unbekanntem Vornamen, gemeinsam? Wie verhalten sich Rettungswiderstand und „allgemeiner Widerstand“ (Lustiger) zu einander? Wie verhalten sich ethische, religiöse und politische Motivation von Rettern zueinander? Lustigers lexikalisches Verfahren, das hochdramatische Lebensläufe auf wenige Zeilen verdichtet, und die Beiträge zahlreicher Gastautoren in <em>Rettungswiderstand</em> lenken diese Untersuchung in eine quantitative Richtung. Lustiger will das Gegenteil, die Würdigung jeder einzelnen Tat. Deshalb spricht das Buch viel zu oft von „Helden“. Raoul Wallenberg, Retter vieler ungarischer Juden, wird zu „einem der größten Helden des zweiten Weltkriegs“. Aber die oben erwähnte Retterin sagte zu mir: „Ich war zu feige“, sie hätte mehr tun können. Helden retten Prinzessinnen vor Drachen, gegenüber der SS würden sie versagen. Judenrettungen mussten emotionslos organisiert werden, sonst konnten sie auffliegen. Diese realen Bedingungen müssten dargestellt werden,- stattdessen ist Lustiger kurz davor, den Wald der Gerechten bei der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vaschem zum Heldenhain zu machen.</p>
<p>Solche Schwierigkeiten sind objektiver Art und werden in <em>Rettungswiderstand</em> auch erwähnt. Es gehört zu Lustigers Verdiensten, das Buch dennoch vorgelegt zu haben. Nehmen wir es als Aufforderung zur Weiterarbeit.</p>
<p>Dieter Maier</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Cherif Bassiouni: The Institutionalization of Torture by the Bush Administration – Is Anyone Responsible?</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Mar 2011 10:04:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.menschenrechte.org/?p=4888</guid>
		<description><![CDATA[<p align="justify">Cherif Bassiouni ist einer der anerkanntesten Experten auf dem Gebiet des internationalen Strafrechts. Seine Bücher über Verbrechen gegen die Menschheit, den Kampf gegen die Straflosigkeit oder universelle Gerichtsbarkeit sind Standardwerke in aller Welt. [...]</p>

<strong>von Rainer Huhle</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Cherif Bassiouni: <em>The Institutionalization of Torture by the Bush Administration – Is Anyone Responsible?</em>, Mortsel (Intersentia) 2010</p>
<p>Cherif Bassiouni ist einer der anerkanntesten Experten auf dem Gebiet des internationalen Strafrechts. Seine Bücher über Verbrechen gegen die Menschheit, den Kampf gegen die Straflosigkeit oder universelle Gerichtsbarkeit sind Standardwerke in aller Welt. Er war aktiv an der Gründung sowohl des Jugoslawiengerichtshofs als auch des Internationalen Strafgerichtshofs beteiligt. Auch an der Erarbeitung der UN-Konvention gegen die Folter hatte er großen Anteil. Umso erfreulicher, dass der amerikanische Rechtsprofessor mit ägyptischen Wurzeln in seinem neuen Buch sich nicht nur von seiner gelehrsamen Seite – das auch! – zeigt, sondern in beißender Deutlichkeit der US-Regierung und vor allem auch ihren juristischen Beratern die ebenso unethischen wie rechtsbeugenden Maßnahmen vorhält, mit denen sie Folter und andere Verbrechen rechtfertigten. Den Hauptteil des Buches macht eine umfassende Bestandsaufnahme der Folterpraktiken – über 100 Personen starben unter der Folter &#8211; und der politischen, administrativen und juristischen Vorgehensweisen aus, mit denen sie unter der Bush-Regierung zur ständigen Praxis wurden. Ein besonderes Kapitel geht dabei auch detailliert auf die sogenannten „Extraordinary renditions“ ein, mit denen Verdächtige durch Überstellung an ausländische um jede Chance rechtlichen Beistands gebracht wurden. Dabei zerpflückt Bassiouni auch gründlich einen der beliebtesten Rechtfertigungsgründe für die illegalen Praktiken, dass nämlich die US-Verfassung außerhalb des Landes, also z.B. in Guantánamo, nicht gelte. Im letzten Kapitel hält Bassiouni dann den Verantwortlichen in der nüchternen Sprache des Juristen, aber ohne jede Verklausulierung den Spiegel vor. Auf keiner Ebene sei in irgendeiner bedeutungsvollen Weise Rechenschaft über diese Verbrechen gelegt worden. „Das Ergebnis ist, dass die USA den Test ihrer politischen, ethischen und strafrechtlichen Verantwortlichkeit nicht bestanden haben, die die Verfassung und die Gesetze des Landes verlangen.“ Auf der Basis nicht von politischen Vorurteilen, sondern einer umfassenden Bestandsaufnahme der Fakten will Bassiouni, dass die Verantwortlichen für diese Rechtsverstöße vor Gericht gestellt werden – und dort die rechtsstaatlichen Garantien haben, die sie anderen verweigerten. Andernfalls gebe Amerika eine Beispiel dafür, dass das Gesetz eben doch nicht für Alle gelte, wo doch die Gleichheit vor dem Gesetz und die Rule of Law zum ehernen Selbstverständnis der politischen Kultur der USA gehöre. Bei der Frage, in wie weit die Regierung Obama zur Aufklärung oder gar Ahndung der Verbrechen aus der Bushregierung beigetragen hat, kommt Bassiouni zu äußerst ernüchternden Ergebnissen. Offenbar gilt weiterhin das Primat politischer Interessen über die Geltung des Rechts, so sein Fazit. Bassiouni appelliert daher auch an die Zivilgesellschaft, insbesondere die Standesorganisationen, aber auch die Justiz selbst, diese Mauer des Beschweigens zu durchbrechen. Ein überfälliges und ein mutiges Buch.</p>
<p>von Rainer Huhle</p>
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		<title>Jan Wouters / Eva Brems / Stefaan Smis /Pierre Schmitt (eds.): Accountability for Human Rights Violations by International Organisations</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Mar 2011 10:02:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bilder sind noch in guter Erinnerung: Im Juli 1995 eroberten bosnisch-serbische Truppen die kleine Stadt Srebrenica, trennten Frauen und Kinder von den Männern und verschleppten in Bussen rund 7600 Männer, die sämtlich ermordet wurden. [...]

<strong> von Rainer Huhle</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jan Wouters / Eva Brems / Stefaan Smis /Pierre Schmitt (eds.): Accountability for Human Rights Violations by International Organisations, Antwerpen/Oxford/Portland (Intersentia) 2010</p>
<p>Die Bilder sind noch in guter Erinnerung: Im Juli 1995 eroberten bosnisch-serbische Truppen die kleine Stadt Srebrenica, trennten Frauen und Kinder von den Männern und verschleppten in Bussen rund 7600 Männer, die sämtlich ermordet wurden. Dieses größte Verbrechen gegen die Menschheit in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg schockierte die Welt, genauso aber die auf den Bildern ebenfalls zu beobachtende Tatsache, dass UNO-Friedenstruppen taten- und/oder machtlos zusahen. Welche Handlungsmöglichkeiten die UNO-Truppe damals hatte, und damit welche Verantwortung sie zu tragen hatte, darüber wurde und wird gestritten, vor Gericht, innerhalb der Vereinten Nationen und in der Öffentlichkeit. Dabei geht es um juristische und politische Verantwortung, aber auch um ethische Dimensionen. Angehörige der Opfer von Srebrenica versuchten, die beteiligten UN-Militärs wegen ihrer Untätigkeit vor Gericht zu bringen – in Holland, da es sich um ein niederländisches Kontingent handelte. Doch der Rechtsweg blieb ihnen vorerst versperrt. Die Gerichte urteilten, dass die holländische Regierung keine Verantwortung trüge, sondern die UN. Diese aber genössen Immunität. Im Hintergrund steht somit eine völkerrechtliche Frage, die relativ neu ist, mit der zunehmenden Bedeutung von internationalen Organisationen aber nach einer Antwort verlangt: Nach welchen rechtlichen Normen sind internationale Organisationen bzw. ihre personalen Repräsentanten eigentlich rechenschaftspflichtig? Das klassische Völkerrecht hatte darauf kaum Antworten, weil es die Rechte von Staaten untereinander und in jüngerer Zeit die Rechte von Menschen gegenüber Staaten im Blick hat.</p>
<p>Dies ist nur eines von vielen Problemen, die in <em>Accountability for Human Rights Violations by International Organisations</em> angesprochen werden. Der umfangreiche Band enthält weitere Beiträge zur Verantwortlichkeit im Rahmen von Friedensoperationen und humanitärer Hilfe, bei der in jüngster Zeit wieder häufiger vorkommenden Gebietsverwaltung durch die Vereinten Nationen, und nicht zuletzt zur menschenrechtlichen Verantwortlichkeit des Handelns von internationalen Wirtschafts- und Finanzorganisationen wie der Weltbank, dem IWF, der WTO und den Entwicklungsagenturen. Ungeklärt sind in vieler Hinsicht auch die Rechte der Bediensteten dieser internationalen Organisationen gegenüber ihren Arbeitgebern. Im allgemeinen Teil des Bandes stellen verschiedene Autoren völkerrechtliche Ansätze dar, wie die mit dem Handeln der internationalen Organisationen verbundenen Rechtsfragen zu verstehen und künftig zu lösen wären. Ansätze existieren auf einigen Feldern, aber sie sind Flickwerk. Wie eine Verantwortlichkeit internationaler – oder besser zwischenstaatlicher – Organisationen grundsätzlich  institutionell organisiert werden könnte, darüber bietet der vorliegende Band wenig Perspektiven. Schade, dass z.B. die von Manfred Nowak in den letzten Jahren mehrfach vorgetragene Idee eines internationalen Menschenrechtsgerichtshofs, den er u.a. im Blick auf diese Verantwortlichkeitslücke als geeignetes Instrument sieht, von keinem Autor des Buches diskutiert wird. Dennoch ist es zu begrüßen, dass hier erstmals ein Problem aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, das mit Sicherheit in den nächsten Jahren an Bedeutung und vielleicht auch Brisanz gewinnen wird.</p>
<p><strong> von Rainer Huhle</strong></p>
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		<title>Hermann G. Abmayr (Hg.): Stuttgarter NS-Täter : vom Mitläufer bis zum Massenmörder</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Mar 2011 09:56:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Buch <em>Stuttgarter NS-Täter</em> berichtet von einem breiten Spektrum kleiner und großer Stützen des Hitlerstaates. Es geht um Wirtschaftsbosse, Mediziner, Juristen, kommunale Beamte, Parteifunktionäre, Denunzianten, Kirchenleute, Polizeibeamte und KZ-Aufseher. [...]

<strong>von Dieter Maier</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hermann G. Abmayr (Hg.): Stuttgarter NS-Täter : vom Mitläufer bis zum Massenmörder. 2. Aufl. Stuttgart, Schmetterlingsverlag 2009, 383 S.</p>
<p>Das Buch <em>Stuttgarter NS-Täter</em> berichtet von einem breiten Spektrum kleiner und großer Stützen des Hitlerstaates. Es geht um Wirtschaftsbosse, Mediziner, Juristen, kommunale Beamte, Parteifunktionäre, Denunzianten, Kirchenleute, Polizeibeamte und KZ-Aufseher. Die<br />
Autoren stammen aus der Stuttgarter Stolperstein-Initiative, darunter Historiker, Journalisten und Filmemacher, aber auch ein Oberstudienrat und ein Kabarettist. <em>Stuttgarter NS-Täter</em> enthält auch Beiträge von Kindern und Enkeln von Tätern.</p>
<p>Die Firma Porsche präsentierte nach 1945 Stromlinienform ohne Dellen und Kratzer. Ein gut recherchierter Beitrag von Ullrich Viehoever bringt in Erinnerung, dass Firmengründer Ferdinand Porsche, ein Stuttgarter, und Hitler sich gegenseitig bewunderten, wie auch auf zeitgenössischen Fotos zu erkennen ist. VW und Porsche wurden mit Geldern der Gewerkschaften aufgebaut, die nach Hitlers Machtanritt an die Deutsche Arbeitsfront gefallen waren. Hier blitzt für einen Augenblick auf, wie Nachkriegsdeutschland bei einer weniger restaurativen Lösung hätte aussehen können: Porsches von den Alliierten gesperrtes und 1949-50 entsperrtes Vermögen hätte z.B. den Gewerkschaften zugesprochen werden können statt Porsche. Porsche beutete Sklavenarbeiter aus. So weit, so schlecht. Der Artikel ist aber aktueller: Porsche brachte sein Kapital kurz vor Kriegsende in Österreich in Sicherheit, sodass die Arbeiter in Zuffenhausen um ihren Lohn betrogen wurden. Es war betrügerischer Bankrott. Als die Alliierten ihn schuldlos befunden hatten, holte er sein Geld wieder zurück, um das deutsche Unternehmen wieder aufzubauen.</p>
<p><em>Stuttgarter NS-Täter</em> schildert fünf Denunzianten. Die Denunzianten sind eine kaum erforschte Spezies; sie haben nach dem Krieg wohlweislich geschwiegen, und sie standen nicht vor Gericht. Ein Aktivist der Untergrund-KPD kippte um und denunzierte seine früheren Parteigenossen. Nach dem Krieg kam er gut weg, denn der neu erwachende Antikommunismus gab ihm Rückenwind. Die Zeugen gegen ihn waren Kommunisten, und denen konnte er leicht eins auswischen. Und hatte er nicht genau den Kampf geführt, den die Westmächte jetzt auch führten? Ein Denunziant der Weißen Rose traf nach dem Krieg einen von denen, die er denunziert hatte, und ihm entfuhr ein „Du bist ja noch am Leben!“ Offenbar war der gutmütige Schwabe (der Denunziant) darüber nicht erleichtert. Wenn sein damaliger Gang zur Gestapo bekannt werden würde, wäre seine Nachkriegskarriere gefährdet gewesen, seine Frau hätte sich von ihm getrennt. Das Opfer verzichtete darauf ihn anzuschwärzen, der Täter übte sich in Verleugnung. So entstand das Schweigen nach 1945, das <em>Stuttgarter NS-Täter</em> aufbricht, zu spät für die Gerechtigkeit, gerade noch rechtzeitig für die aktive Erinnerung. Nur noch die jetzige Generation kann dem überlieferten Aktenmaterial durch Interviews mit Zeitzeugen Kontext und Kolorit hinzufügen.</p>
<p>Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung hält sich an Epochen; Bücher wie <em>Stuttgarter NS-Täter</em> beruhen auf Biografien, und die gingen nach dem Epochenbruch 1945 weiter. Der Arzt Karl Mailänder, der mit seiner Unterschrift „Zigeuner“ und „Asoziale“ ins KZ schickte, wurde wegen seiner übrigen Honorigkeit nach dem Krieg rehabilitiert und mit Verdienstkreuzen ausgezeichnet. Ein Arzt, der Zwangssterilisatinonen und die Ermordung behinderter Kinder mitzuverantworten hatte, behauptete nach dem Krieg, nie „innerlich“ Nationalsozialist gewesen zu sein. Sein Enkel will dies heute nicht wahrhaben und geht<br />
seit Erscheinen des Buches immer wieder juristisch gegen Herausgeber, Autor und Verlag vor.</p>
<p>Oder Paul Binder, der an der Arisierung jüdischer Vermögen beteiligt war. Nach dem Krieg ging er in die CDU, gehörte zum Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz formulierte, setzte seine Bankkarriere fort, wurde einer der Wirtschaftsweisen und bekam das Bundesverdienstkreuz. Nach dem Krieg… 1945 ist die Zeitachse, an der sich der Nationalsozialismus und seine misslungene Aufarbeitung spiegeln. <em>Stuttgarter NS-Täter</em> dokumentiert die Hitlerzeit in der Perspektive der Erinnerung der dritten Generation.</p>
<p>Bei Büchern wie <em>Stuttgarter NS-Täter</em> stellt sich die Frage: Was haben Porsche und der HJ-ler, der die Weiße Rose denunzierte, gemeinsam? Ohne das Spektrum von Tätern, das das Buch entfaltet, hätte Hitler nicht so gründlich und lange herrschen können. Die Fokussierung auf Stuttgart hat etwas willkürliches, aber nur so geht es. Regionalstudien wie diese (es gibt eine ganze Anzahl davon) bedeuten viel örtliche Recherchearbeit, die für das damalige deutsche Reichsgebiet nicht zu leisten ist. Sie erhellten das Allgemeine durch die Beschränkung aufs Besondere und zeigen plastisch Sachverhalte auf wie den, dass die Hierarchie von Mitläufer und Massenmördern Züge eines Kontinuums trägt.</p>
<p><strong>von Dieter Maier</strong></p>
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		<title>Verschwunden &#8211; Das Fotoprojekt &#8220;ausencias&#8221; von Gustavo Germano mit, Texten zur Diktatur in Argentinien 1976-1983</title>
		<link>http://www.menschenrechte.org/lang/en/rezensionen/verschwunden</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:25:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Argentina]]></category>
		<category><![CDATA[Forced Disappearance]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Idee ist so einfach. Links ein Foto (fast immer Schwarz-Weiß), rechts ein Farbfoto. Der Ort der Aufnahme ist derselbe, die Personen ebenso, nur sind sie auf dem rechten Bild ein paar Jahrzehnte älter. Doch entscheidend, und sofort beunruhigend, ist, was auf dem zweiten Foto nicht zu sehen ist. [...]

<strong>von Rainer Huhle</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Münchner Frühling Verlag, München 2010, 128 Seiten Großformat</p>
<p>Die Idee ist so einfach. Links ein Foto (fast immer Schwarz-Weiß), rechts ein Farbfoto. Der Ort der Aufnahme ist derselbe, die Personen ebenso, nur sind sie auf dem rechten Bild ein paar Jahrzehnte älter. Doch entscheidend, und sofort beunruhigend, ist, was auf dem zweiten Foto nicht zu sehen ist. Von den ursprünglich fotografierten Menschen fehlt mindestens einer, auf einem Foto ist sogar eine leere Landschaft zu sehen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.menschenrechte.org/wp-content/uploads/2010/11/Germano-.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-4437" title="Germano" src="http://www.menschenrechte.org/wp-content/uploads/2010/11/Germano-.jpg" alt="" width="634" height="479" /></a></p>
<p>Eine einfache Idee also, und doch so eindringlich. Zu sehen, was „Verschwunden“ durch die argentinische Diktatur bedeutet, ist etwas anderes als es zu wissen. <em>Ausencias</em>, „Abwesenheiten“ heißt der Titel dieser Fotoserie, und auch dieser Titel bringt gerade durch seine Schlichtheit die Dramatik des Geschehenen ins Bewusstsein.</p>
<p>Der argentinische Fotograf Gustavo Germano hat viele Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Das verweist darauf, dass das Vorhaben in Wirklichkeit keineswegs einfach, sondern höchst kompliziert war. Germano arbeitete daran als professioneller Fotograf, aber auch als Betroffener. Seine eigene Geschichte ist Teil des Projekts, und tatsächlich steckt sie mitten in der Ausstellung und dem Buch drin. Neben einem Foto von vier Jungen sehen wir eines von drei nachdenklichen Männern. Einer der vier Brüder fehlt, der „verschwundene“ Eduardo Germano. Im Interview mit der Zeitung „Página 12“ schilderte Gustavo Germano, wie sich die Idee zu seinem Projekt allmählich herausbildete, wie er die teilnehmenden Familien fand, wie schwierig es war, die emotionalen und die professionellen Anforderungen zusammen zu bringen. Die Rückkehr an den Ort eines alten Familienfotos bedeutete die Rückkehr in die Vergangenheit, ein unberechenbarer Weg für die Teilnehmenden wie für den Fotografen. Mit der Gegenüberstellung der rund dreißig Jahre auseinander liegenden Fotos wird die „ständige Anwesenheit der Abwesenden“, wie Germano seine Mutter zitiert, schmerzhaft sichtbar. Das Fehlen eines Kindes, eines Geschwisters, eines Elternteils, eines Ehepartners auf diesen Fotos, das Fehlen also von Teilen elementarer menschlicher Bindungen wird als etwas Schreckliches allerdings erst erfahrbar durch etwas Weiteres, was auf den Fotos fehlt und nicht gesehen werden kann, sondern gewusst werden muss: die Repression der Diktatur. Erst das Wissen darum, dass das Fehlen der Personen auf den heutigen Bildern nicht dem Zufall, sondern den Mördern eines politischen Systems geschuldet ist, macht das Unheimliche dieser Familienfotos aus.</p>
<p>Dieses Wissen vermitteln die Herausgeber des Münchner Frühling im zweiten Teil des Buches mit einer Reihe von Texten, die von der Erfahrung der Diktatur handeln. Mit Sachkenntnis und Sensibilität haben sie gewichtige Texte so bekannter Autoren wie Juan Gelman oder Rodolfo Walsh, die selbst Opfer der Diktatur wurden, aber auch weniger bekannte einprägsame Zeugnisse, Gedichte und Szenen zusammengetragen, die zusammen ein bewegendes literarisches Echo der Zeit der Diktatur geben. Form und Gehalt dieser Texte sind durchaus unterschiedlich &#8211; von Borges etwa stehen mehrere kurze Statements nebeneinander, die seine zögerliche Abwendung von der Diktatur beleuchten &#8211; , doch in der Gesamtheit sind sie wie ein Prisma, das je nach Blickwinkel neue Einsichten erlaubt. Da ist jeder belehrende Kommentar überflüssig, stattdessen geben die Herausgeber die nötigen Sachinformationen zu den Autoren und dem Entstehungszusammenhang der Texte. Die gleiche Sorgfalt gilt auch den Biografien der im Fototeil abgebildeten Personen, die im letzten Teil des Bandes zusammengestellt sind und damit den Kreis der Gesamtkomposition dieses Buches schließen.</p>
<p>Die äußere Gestalt des Buchs entspricht diesem hohen Niveau. Vielleicht kann nur, wenn Verleger als Herausgeber selbst Hand anlegen, ein Buch entstehen, bei dem Typografie und Layout so perfekt auf den Inhalt abgestimmt sind. Auch darin zeigt sich der Respekt nicht nur vor dem Werk von Gustavo Germano und den versammelten AutorInnen, sondern vor denen, um die es in diesem Werk geht, den „Abwesenden“. „Ohne Gesicht, ohne Grund sahen sie durch das Fenster ihrer Abwesenheit“, schrieb Mario Benedetti 1984 in einem Gedicht von den Verschwundenen. Das vom Münchner Frühling Verlag so fürsorglich gestaltete Buch lässt diese Gesichter wieder aufscheinen.</p>
<p><strong>von Rainer Huhle</strong></p>
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		</item>
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		<title>Der doppelte Wiesenthal</title>
		<link>http://www.menschenrechte.org/lang/en/rezensionen/der-doppelte-wiesenthal</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:04:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei der öffentlichen Kritik an jüdischen Repräsentanten ist Sensibilität geboten. Man kritisiert sie <em>als </em>diese Repräsentanten und damit <em>als </em>Juden. Das aber ist ein Einfallstor für Antisemitismus, und sei es für dessen unbewusste Spielart. [...]

<strong>von Dieter Maier</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Tom Segev: Simon Wiesenthal: die Biografie. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. München, Siedlerverlag 2010.<br />
Guy Walters: Hunting Evil: How the Nazi Criminals Escaped and the Hunt to Bring Them to Justice. Bantam Press, London 2009</p>
<p>Bei der öffentlichen Kritik an jüdischen Repräsentanten ist Sensibilität geboten. Man kritisiert sie <em>als </em>diese Repräsentanten und damit <em>als </em>Juden. Das aber ist ein Einfallstor für Antisemitismus, und sei es für dessen unbewusste Spielart. Aber wen hat Wiesenthal repräsentiert? Unser schlechtes Gewissen? Wiesenthal war der Lückenbüßer für die Unfähigkeit der Österreicher und Deutschen, die Judenvernichtung aufzuarbeiten. Es war entlastend, dass es diesen Juden gab, der die Defizite der deutschen (BRD und DDR) und österreichischen Justiz bei der Strafverfolgung von NS-Verbrechen ausglich. Wiesenthal stand für einen moralischen Anspruch, auf den das ganze Gewicht der Judenvernichtung als Gravitationsfeld einwirkte. Das blockierte bis vor kurzem eine Kritik an ihm. In Deutschland gab es Ansätze dazu (vgl. Artikel <a href="http://www.menschenrechte.org/lang/de/lateinamerika/odessa-arbeit-am-mythos"><em>&#8220;ODESSA: Arbeit am Mythos&#8221;</em></a>), die aber kaum durchdrangen. Hier wäre eine banale Geschichte abgelehnter Rezensionen, ignorierter Kritik und gewundener Klappentexte zu erzählen. Lassen wir´s. Es kam, wie es kommen musste: Die Kritik an Wiesenthal kam aus dem Ausland, und ebenso der Versuch seiner Rehabilitierung.</p>
<p>Der britische Journalist Guy Walters hat in einem Buch ausgeführt, was Kenner der Materie schon wussten: Simon Wiesenthal ist keine saubere Quelle. Er war, so Walters starke Worte, ein Lügner und Angeber, der rücksichtslos und unverantwortlich vorging. Walters Buch ist keine Wiesenthal-Biografie, aber je weiter der Autor recherchierte, desto stärker geriet Wiesenthal in seinen Fokus und ist zum Thema von <em>Hunting Evil</em> geworden.</p>
<p>Walters Abrechnung mit Wiesenthal beginnt bei dessen autobiographischen Schilderungen, in denen vieles nicht stimmt. Das wäre nicht das Schlimmste, denn Dichtung und Wahrheit liegen bei Autobiographien nahe beieinander. An die Autobiografien von Überlebenden der KZs können nicht die üblichen Maßstäbe angelegt werden. Ob sie sich als Juden gefühlt hatten oder nicht: Die NS-Herrschaft machte sie ohne Unterschiede zu Mitgliedern einer „jüdischen Rasse“. Diese Rasse gibt es nicht, aber was machten diejenigen, denen der Judenstern aufgezwungen worden war, nach 1945? Sie mussten sich ihre Identität neu aufbauen. Die zahlreichen autobiografischen Schriften Wiesenthals, auf die Segev hinweist, zeugen davon. Das Überleben wird zu einer lebenslangen Last, auch wenn die Verfolgung aufgehört hat. Wiesenthals Leben und Arbeit ist imprägniert von dieser Mühe des Weiterlebens. Dass Überlebende Schrullen haben, auch die von Walters diagnostizierte Eitelkeit Wiesenthals, muss eine Biografie über ihn im Blick haben.</p>
<p>Walters‘ Kritik zielt unmittelbar auf das Lebenswerk Wiesenthals, die Jagd nach Naziverbrechern. An einigen Stellen hat er fraglos recht. Wiesenthal hat Fakten erfunden und sich Verdienste zugerechnet, die ihm nicht zukamen. Von den zahlreichen Beispielen seien die beiden bekanntesten erwähnt. Die legendäre SS-Fluchthilfeorganisation ODESSA gab es nicht, sie ist ein von Wiesenthal (und der Stasi!) geschaffenes Phantom<sup><a id="anker1" href="#note1">[1]</a></sup>. Auch die Entdeckung Eichmanns in seinem argentinischen Unterschlupf war nicht Wiesenthals Werk, wie er behauptet. Seine Initiativen zur Auslieferung des nach Chile geflohenen Gaswagen-Organisators Walther Rauff waren öffentlichkeitswirksam und politisch sinnvoll, aber Akten des Auswärtigen Amtes (die Walters nicht kennt) relativieren seine Rolle erheblich (vgl. Artikel <a href="http://www.menschenrechte.org/lang/de/lateinamerika/ss-standartenfuhrer-rauff-chile"><em>&#8220;Eine lange Nachgeschichte – Der Fall des SS-Standartenführers Walther Rauff nach 1945 in Chile&#8221;</em></a>). Ein israelischer Diplomat hat es auf eine schlüssige Formel gebracht: Wiesenthal war ein Nazijäger, aber kein Nazifänger.</p>
<p>Der israelische Historiker Segev greift in <em>Simon Wiesenthal: die Biografie</em>, was Wiesenthal und Rauff betrifft, ganz und gar daneben. „Danach (1962-72) war er [Rauff] für einige Zeit verschwunden“. Vielleicht für Wiesenthal, aber nicht für den Rest der Welt. Rauff wurde 1962 in Chile wegen eines deutschen Haftbefehls verhaftet, und es begann ein Auslieferungsverfahren, das der Oberste Gerichtshof in Santiago stoppte. Das ging breit durch die Presse. Rauff lebte unter seinem richtigen Namen in Chile. 1966 fand ihn ein Team des US-Senders NBC-TV und strahlte ein Interview mit ihm aus.</p>
<p>Solche Schnitzer können Segev nur passieren, weil er sich fast ausschließlich auf Wiesenthals Archiv und dessen ausführliche Korrespondenzen stützt. Segevs Kronzeuge zu Wiesenthal ist allzu häufig Wiesenthal, und das führt zu einem Verlust an kritischer Distanz. Segev kritisiert an Wiesenthal in etwa dieselben Punkte wie Walters, wenn auch mit mehr Einfühlung, aber er nimmt Wiesenthal zu sehr beim Wort. Der ständige Bezug auf Wiesenthal als Quelle führt notwendigerweise zu Rückkopplungen, bei denen Wiesenthals Selbststilisierungen ohne kritische Sichtung in „Die Biografie“ (so Segevs Untertitel) eingehen.</p>
<p>Wiesenthal war unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg einer der wenigen, die auf das Versagen der Justiz gegenüber Naziverbrechern hinwiesen und handelten, wenn er sah, dass Judenmörder unbehelligt lebten. Es gab viele Nazijäger damals, die so anonym wie möglich arbeiteten; Wiesenthal exponierte sich, und deshalb kamen Informanten zu ihm. Je besser die diskreten Nazijäger sich tarnten, desto sichtbarer wurde Wiesenthal. Er war die Kehrseite eines unauffälligen oder unsichtbaren Netzwerks, das zu erforschen weit mehr Mühe machen würde als die immerhin gründliche und lange, mit vielen Reisen verbundene Recherche von Walters. Gewiss, Wiesenthal gefiel sich in dieser Rolle, aber für Kritik oder Lob seiner Figur sollte deren Prominenz zweitrangig sein. Wiesenthal durfte sein Netzwerk und seine Konkurrenten nicht nennen, und er musste sich exponieren, um als politische Autorität Druck ausüben zu können.</p>
<h3>Der Nestbeschmutzer</h3>
<p>Wiesenthal war in Österreich verhasst und galt als Nestbeschmutzer, denn das Land beanspruchte, das erste Opfer Hitlers gewesen zu sein. Während in Deutschland das schlechte Gewissen die antisemitischen Impulse unterdrückte, kamen sie in Österreich recht ungeschminkt zum Vorschein. Segev bringt Beispiele genug. In dieser Umgebung wurde Wiesenthal zur Hassfigur. Unbewusste Schuldgefühle produzierten, wie die Wiener Zeitschrift <em>Profil </em>schreibt, das Bild des jüdischen Racheengels, der dem großen Verbrechen die große Strafe folgen lässt.</p>
<p>Segev nennt Wien „das ideale Betätigungsfeld für Spione aus aller Welt“ (S. 142). Und hier begann der in einem Kronland der K.u.K. geborene Altösterreicher Wiesenthal als eine Art Privatspion. Die Unmöglichkeit, als prominenter Jude in Wien zu leben, wo Hitler zum Antisemiten wurde, wie er in <em>Mein Kampf</em> schreibt, und wo in Laufnähe von Wiesenthals Büro eine Straße nach einem antisemitischen Bürgermeister benannt ist, den Hitler in seinem Buch lobend erwähnt, löste Wiesenthal durch ein bewusst gechaffenes, scharfes Eigenprofil auf. Wien war der Ort, wo jeder, der nicht ins Heimatmilieu hineingeboren ist, um seine Selbstdefinition kämpfen muss. Der hässliche Streit Wiesenthals mit Bruno Kreisky (Jude und Sozialdemokrat), wer denn Jude und wer Österreicher sei, die kleinlichen Machtkämpfe innerhalb der Wiener jüdischen Gemeinde sind auf diesem Nährboden gewachsen. Auch die unerfreuliche Konkurrenz zwischen Beate und Serge Klarsfeld und Wiesenthal wird im Kontext innerjüdischer Fraktionierungen verständlich. Es gehört ohnehin zu den interessantesten Aspekten von Segevs Buch, seine Figuren aus der ungewohnten Perspektive eines israelischen Juden gedeutet zu sehen. <em>Simon Wiesenthal: die Biografie</em> ist ein sehr jüdisches Buch, nicht einmal die Witze fehlen.</p>
<h3>Das Spionagemilieu</h3>
<p>Wiesenthal hat sein Dokumentationszentrum aus dem Nichts geschaffen. Er war Autodidakt ohne nennenswertes Mitarbeiterteam. Wo es kein Vorbild gibt, entstehen Eigenwilligkeiten, selbst geschaffene Kanonisierungen, ohne die die Arbeit keine Struktur bekäme. Dann nahm seine Jagd nach Nazis Dimensionen an, die er organisatorisch und infrastrukturell nicht bewältigen konnte. „Das hier ist das letzte Büro!“, sagte er einmal, Briefmarken ausschneidend, zu mir, als er vor seinem Schreibtisch, auf Augenhöhe mit seinen Besuchern, auf den Kabelsalat verwies, der über die Regale lief.</p>
<p>Das Milieu, in dem Wiesenthal arbeitete und seine Informanten hatte, war obskur. Es gab Nazis, die ihm Informationen über frühere Freunde steckten, um alte Rechnungen zu begleichen. Wilhelm Höttl etwa, ein hoher österreichischer Funktionär des Reichssicherheitshauptamts, spielte nach dem Krieg die Rolle eines Doppelagenten zwischen Ost und West und lebte zudem von seinen revisionistischen Schriften. An solchen Figuren führte für Wiesenthal kein Weg vorbei. Geldzahlungen gegen Informationen sind heikel, aber in konkreten Situationen eine logische Option. Aber auch die Zeugnisse von KZ-Überlebenden sind gelegentlich von Traumata und Suggestionen getrübt. Wiesenthal mag hier manchmal zu gutgläubig gewesen sein, aber es ging ihm um Einzeltäterschaft, und um die zu beweisen haben sich gut ausgestattete Gerichte schwer getan.</p>
<p>Auch Segev merkt getreulich an, dass Wiesenthal immer wieder die Fantasie durchging. Wenn Wiesenthal einmal sagt, dass er in Auschwitz war, und dann wieder, dass er nicht da war, sind Zweifel an seiner Seriosität geboten. Segev kommt zu Schlussfolgerungen wie der, dass „ Wiesenthal zumindest den eigentlichen Kern der Geschichte nicht erfunden hat“ (S. 129 im Zusammenhang der Eichmann-Entführung, s.a. S. 136). Damit mogelt er sich um das Problem herum. Wiesenthal hat ODESSA erfunden oder ist auf Fehlinformationen reingefallen. Statt die Anfangsversion zu korrigieren, hat er sie ausgeschmückt und einen Mythos geschaffen, an den die Welt bereitwillig geglaubt hat und der erst in den letzten Jahren widerlegt wurde. Die Widerlegung kommt bei Segev nicht vor. Allerdings zitiert er aus dieser Literatur, wenn es seine Lesarten stützt (S. 137, Fußnote 21, es gibt weitere pauschale Quellenhinweise, die eher verdunkeln als erhellen). Statt auf die Diskussion zum Thema einzugehen, munkelt er, die ganze Wahrheit sei noch nicht ans Licht gekommen und zitiert pauschal ein Buch, das immerhin einiges Licht in die Sache bringt. Aber um das zu merken, muss man es gelesen haben. Segev zieht sich lapidar und ohne Begründung auf Unbeweisbarkeit zurück (S. 137). Sein Buch besteht aus diesem schwer fassbaren „Wahrheitskern“ und einer Unzahl von Anekdoten, die sich darum herum ranken.</p>
<h3>Auf dem Sockel</h3>
<p>Als die zeitliche Distanz zum Hitlerreich groß genug war, hievte man Wiesenthal auf einen Sockel. Nun stocherte er nicht mehr in einer unverheilten Wunde, sondern war Vorkämpfer der Gerechtigkeit. Die Öffentlichkeit war der Motor dieser Erhöhung. Wiesenthal selbst benutzte die Presse wie ein Pianist die Klaviatur. Ich sprach ihn einmal auf eine Information an, die ich nicht glauben konnte, und er antwortete seelenruhig, das habe er gesagt, um den Feind aus der Reserve zu locken. Eine ähnliche Episode erwähnt Segev: Wiesenthal setzte in die Welt, Eichmann lebe in Kairo, und verfolgte dann gutgelaunt die Meldung in der Presse. Er glaubte, er habe damit „der jüdischen Sache propagandistisch gedient“ (S. 144). Er gab, wie ihn Walters zitiert, der Presse das Fressen, das sie wollte. Wenn Wiesenthal auf falscher Spur war oder gar einen Unschuldigen verdächtigte und die Behörden nicht gleich reagierten, vermutete er Komplizenschaft und gab ein Zeitungsinterview. Damit überreizte er ein Mittel, das alle MenschenrechtsarbeiterInnen routinemäßig benutzen, weil sie kaum ein anderes haben. Äußerste Diskretion, um die Nazijagd nicht zu gefährden, und offensive Pressearbeit, um sie voranzutreiben, das verträgt sich auf die Dauer nicht. Die Zwiespältigkeit Wiesenthals geht auf die Rolle zurück, die er übernahm, als es damit nichts zu gewinnen und viel zu verlieren gab. Diese objektiven Bedingungen übersieht Walters.</p>
<p>Man könnte meinen, die List der Vernunft sei am Werk gewesen, als die beiden Bücher gleichzeitig geschrieben wurden wie These und Antithese. Vielleicht ging es nur kontrovers und ein wenig parteiisch. Für emotionsfreie Studien zu diesem Thema ist es noch zu früh. Dass die Bücher nun so vorliegen, ist eine produktive Herausforderung. Biografien von Menschen, die den Holocaust überlebt haben, müssen die völlig verschiedenen Kontexte vor und nach 1945 methodisch reflektieren. Die meisten laden die Jahre der Verfolgung dramatisch auf und flachen für die Zeit danach ab. Die Zeit nach „45“ ist die lange Nachgeschichte. Bei Wiesenthal geht das nicht. Segev hat ein Gespür für diese Herausforderung.</p>
<p>Die beiden Bücher sollten im deutschen Sprachraum Anlass für argumentativen Austausch sein. Doch die deutsche intellektuelle Provinz scheint Wiesenthal für einen Teil ihrer Museumskultur zu halten. Segevs Buch erschien zeitgleich in Hebräisch und Deutsch und wurde breit und wohlwollend rezensiert. Das hat es verdient; es ist über weite Passagen solide gearbeitet, gut geschrieben und zeigt bei alle Sympathie des Autors mit seinem Gegenstand einen versachlichten und vielschichtigen Wiesenthal. Bei allem Presselob ist aber die Kritik Walters an Wiesenthal, auf die Segev immerhin eingeht, unter den Tisch gefallen. Im englischen Sprachraum ist Wiesenthal von seinem Sockel gehoben, im deutschen steht er noch drauf. Diese Schieflage ist nicht das Ergebnis gebotener deutscher Sensibilität gegenüber dem Thema, sondern deutscher Verklemmtheit. Wenn österreichische und deutsche Intellektuelle sich ihrer Einstellung gegenüber den Juden und dem Staat Israel sicher wären, könnten sie sich guten Gewissens auf die Kritik der Bücher und öffentlichen Äußerungen Wiesenthals einlassen. Solange eine sachlich fundierte Kritik an einem jüdischen Autor reflexartig unter den Verdacht gerät, er könne der falschen Seite dienen, werden Menschen wie Wiesenthal zu Alibi-Juden, auf die man verweist, um die eigene politische Korrektheit zu belegen. Vom Nestbeschmutzer zum Vorzeigejuden – das hat Wiesenthal nicht verdient.</p>
<p>Man entmündigt Wiesenthal, wenn man ihn unter Naturschutz stellt, statt ihm das Recht zuzugestehen, in seinen Lebenserinnerungen zu flunkern wie die anderen auch. Heiligenverehrung ist der Versuch, die Schwächen eines bedeutenden Menschen zu retouchieren. Mir ist der Nestbeschmutzer Wiesenthal, der der Versuchung nicht widerstehen konnte, in die Kreise gefeierter Persönlichkeiten aufzusteigen, lieber als die kalte Marmorbüste, zu der er gemacht wurde.</p>
<p><a id="note1"></a><a href="#anker1">[1]</a>s. Heinz Schneppen: Odessa und das Vierte Reich… Berlin, Metropol 2007 und Heinz Schneppen: Ghettokommandant in Riga : Eduard Roschmann… Berlin, Metropol Verlag, 2009)</p>
<p><strong>von Dieter Maier</strong></p>
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		<title>Helmut Frenz: … und ich weiche nicht zurück: Chile zwischen Allende und Pinochet</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Oct 2010 09:45:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Chile]]></category>
		<category><![CDATA[Latin America]]></category>
		<category><![CDATA[Pinochet]]></category>
		<category><![CDATA[Violations of Human Rights]]></category>

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		<description><![CDATA[Er war Dorfpfarrer. Dann hörten er und seine Frau von den Problemen der „Dritten Welt“, wie es damals hieß. Sie wollten etwas tun. Deshalb wurde Helmut Frenz, der 2010 seine Lebenserinnerungen auf Deutsch veröffentlicht hat, Pfarrer in einer deutschen evangelischen Gemeinde in Chile. [...]

<strong>von Dieter Maier</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie ein Dorfpfarrer zum Kämpfer für die Menschenrechte wurde &#8211; Helmut Frenz schreibt seine Autobiografie.</p>
<p>Er war Dorfpfarrer. Dann hörten er und seine Frau von den Problemen der „Dritten Welt“, wie es damals hieß. Sie wollten etwas tun. Deshalb wurde Helmut Frenz, der 2010 seine Lebenserinnerungen auf Deutsch veröffentlicht hat, Pfarrer in einer deutschen evangelischen Gemeinde in Chile. Das Ehepaar merkte, dass es in einem sprachlichen und kulturellen Ghetto gelandet war. Frenz suchte sich eine Vertretung und machte einen Intensivkurs in Spanisch. Mit diesem Ausbruch aus dem reaktionären Milieu der Deutsch-Chilenen begann ein politischer Werdegang, der ihn mitten hinein in geschichtliche Umbrüche führte.</p>
<p>Die linke Allende-Regierung (1970-1973) verfolgte er mit einiger Sympathie. Seine Kirche organisierte Sozialprojekte für Lateinamerikaner, die aus ihren diktatorisch regierten Ländern nach Chile geflohen waren. Der Putsch am 11.9.1973 traf Frenz, obwohl viele ihn erwarteten, unvorbereitet. Bald kamen Verfolgte zu ihm. Da die Militärs eine Ausgangssperre verhängt hatten, hatte er Zeit, mit ihnen zu diskutieren. Er, ein politischer Neuling, lernte von Menschen, die mit allen Wassern gewaschen waren. Währenddessen klingelte das Telefon und Gemeindemitglieder berichteten, wie glücklich sie über den Putsch waren. Es war der Anfang eines Spagats, den er für den Rest seines Lebens immer wieder gekonnt aufführte. In seinem Buch nennt er es „Doppelexistenz“.</p>
<p>Am 11.9. war der Putsch, am 18. ist der Jahrestag der Unabhängigkeit Chiles. An diesem Tag findet traditionell in der Kathedrale von Santiago ein Gottesdienst statt, an dem die Regierung teilnimmt. Die Kirchen brauchten nach dem Putsch einen Draht zu den neuen Machthabern, und die Geistlichen sprachen sich ab, wer wen anspricht. Aus Sicherheitsgründen findet der Gottesdienst diesmal in einer anderen Kirche statt. Über ihr fliegen Hubschrauber, in der Umgebung sind Scharfschützen postiert, die Gottesdienstbesucher werden durchsucht, an jeder Säule der Kirche steht ein Soldat in Uniform mit Maschinenpistole. Applaus für die Junta, wenn auch spärlich. Beim Händeschütteln nach dem Gottesdienst verabreden sich die Geistlichen mit „ihren“ Ministern. Frenz ist hinterher in Schweiß gebadet. Das ist die eine Seite der Doppelexistenz.</p>
<p>Die andere Seite, seine Arbeit für die Verfolgten, polarisierte seine mehrheitlich pinochettreue Kirche. Die Konflikte führten schließlich zur Spaltung. Die Kirche hatte ihm erlaubt, den Titel „Bischof“ (obispo) zu führen, da es für seine Amtsbezeichnung „Propst“ kein spanisches Wort gibt. Nach der Spaltung nannten seine Gegner ihn den „falschen Bischof“.</p>
<p>Es wurden immer mehr, die sich vor den Massenverhaftungen der Militärdiktatur zu ihm flüchteten. Er tarnte die Flüchtlingsgruppe als „Bibelseminar“, mit Schaubildern und Lesezeichen in der Bibel. Auch diejenigen unter ihnen, die dem parteioffiziellen Atheismus anhingen, büffelten nun die Bibel oder mussten so tun, bis die Sache aufflog, das Gebäude umstellt wurde und alle „Seminaristen“ verhaftet wurden. Sie wurden in einen Militärbus gezwungen. Frenz mischte sich unter sie. Durch rasche und gezielte Intervention von Freunden kamen fast alle frei. Der am stärksten Gefährdete war, als die Militärs kamen, in einem Einbauschrank des „Bibelseminars“ versteckt worden. Frenz erzählte den Soldaten, die das Gebäude systematisch durchsuchten, dafür gebe es keinen Schlüssel, es sei irgendwelches Zeug darin, und der Trupp gab sich damit zufrieden. Als die Militärs weg waren, brach der Mann den Schrank auf und  konnte sich retten. Frenz berichtet von weiteren Rettungsaktionen, die er selbst ausrichtete: Abgelenkte Wachen, eine gefolterte Frau, die als seine Sekretärin posieren musste, und mit der er in die rettende Botschaft fuhr. Er hätte noch weit mehr solcher Aktionen berichten können.</p>
<p>Frenz schildert, wie er es durch Intervention bei Bundeskanzler und Bundespräsident schaffte, dass der zögerliche deutsche Botschafter in Santiago, Lüdde-Neurath („Das sind doch alles Tupamaros!“), nach Druck von oben Flüchtlinge in seiner Residenz aufnimmt und dem „lieben Bischof“ ganz stolz „seine Tupas (Tupamaros)“ zeigt. Lernprozesse im diplomatischen Apparat bedürfen starker Interventionen von außen.</p>
<p>Hilfe für eine Vielzahl von Menschen erfordert Organisation, Geld, die richtige Reaktion in unvorhersehbaren Situationen, gute Nerven, wo andere vor Angst vergehen würden, einen Blick für Lücken im System, Verstellkunst, Drähte zur Macht, Auslandsreisen mit Blitzlichtgewittern und Audienzen. Frenz und seine „Mitstreiter“ (wie er gerne sagte) gründeten ein Flüchtlingskomitee für die Lateinamerikaner, die nach Chile geflohen waren und  dort nach dem Putsch in der Falle saßen. Sie gründeten ein ökumenisches Friedenskomitee. Es war „eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, die gar nicht anders konnten, als für andere, in Not geratene Menschen Hilfe zu leisten. Sie wurden von einer Kraft bewegt, die sie selbst gar nicht ins Werk gesetzt hatten. Sie waren von einem Geist besessen und beseelt, den sie nicht gerufen hatten“, so Frenz. Sie halfen Tausenden, retteten Hunderten das Leben.</p>
<p>Kraft? Geist? Besessen und beseelt? Welche Motive treiben jemanden an, der so ein Leben lebt, welche Theorien hat er im Kopf? Hätte Frenz nach einer schlüssigen Theorie handeln wollen, hätte er nicht handeln können. Sein Leben ist bis heute ein Lernprozess. Er hat, noch unter dem Eindruck der Polarisierungen während der Allende-Zeit und wegen der Ausgangssperre beim Putsch abgeschnitten von Informationen, Verständnis für den Putsch geäußert. Ehrlich bis auf die Knochen druckt er in seinem Buch auch dieses Dokument ab. Es dauerte nicht lange, und er erfuhr von den systematischen Folterungen und Morden der chilenischen Militärs. Diese Menschenrechtsverletzungen erwiesen sich als die Stelle, an der die Diktatur angreifbar war. Vor allem das „Friedenskomitee“ wurde wenige Monate nach dem Putsch zu Pinochets erstem ernstzunehmenden innenpolitischen Gegner. Menschen wie Frenz und die Angehörigen der politischen Gefangenen waren der Anfang einer chilenischen Zivilgesellschaft mitten im Militärstaat. Solche Gründungen gelingen nur, wenn sie nicht beabsichtigt sind. Sie müssen die sich abzeichnende gesellschaftliche Dynamik auf den Begriff bringen.</p>
<p>Das Motiv, das Frenz antrieb, benennt er in seinem Buch sehr lapidar: Das Evangelium. Dieser feste Boden erlaubte ihm einen Dauerspagat zwischen Politik und Kirche, improvisierten Rettungsaktionen und bischöflichem Habitus, der ihn bis in die Höhle des Löwen trieb. Er berichtet von einer Audienz bei Pinochet, auf die er und ein katholischer Bischof sich mit gründlichen Dokumentationen und sorgfältigen Sprachregelung vorbereiteten. Frenz erschien im „Kampfanzug“ . Die beiden Bischöfe sagten etwas von „physischem Druck“, bis Pinochet sie unterbrach: „Sie meinen Folter?“, die sei nötig, damit die Kommunisten singen. Nach Pinochets Verhaftung in London 1998 schilderte Frenz diese Episode vor einem spanischen Gericht.</p>
<p>1975 wurde Frenz aus Chile ausgewiesen. Hier endet sein Buch, aber nicht sein Kampf für die Menschenrechte, und der sei hier angedeutet. 1976 wurde Frenz Generalsekretär der deutschen Sektion von amnesty international. Jetzt betrieb er professionell, aber immer noch nicht konventionell, was er in Chile gelernt hatte. Er wurde Emissär der realen Welt, in der Folter und Mord herrschen, gegenüber den Behörden. Er drang wegen Verhafteter in Argentinien in das Auswärtige Amt (AA) ein, in diese Burg der Amtskollegen und Aktenhüter. Die Niederschrift des AA vom ersten Gespräch mit ihm klingt wie das Protokoll einer gestörten Paarbeziehung. Der “sogenannte” Bischof Frenz sei “aggressiv” gewesen u.s.w.. Die universelle Geltung der Menschenrechte war damals in der bundesdeutschen Außenpolitik nicht verankert, wie sie es heute ist. Der Anstoß musste von außen kommen.</p>
<p>Frenz wurde Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig Holstein, ging 2004 nach Chile und wurde Ehrenbürger dieses Landes. Er arbeitete in einer Stiftung, die sich mit Opferentschädigung befasste. Er ist Professor an einer chilenischen Universität, wo er über die Menschenrechte lehrt. All diese Ämter waren oder sind mit großem Arbeitsaufwand verbunden. Wie das alles zusammenpasst? Der Buchtitel “…und ich weiche nicht zurück“ ist ein Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Mitten in Frenz` flüssig geschriebenem Text stehen theologische Reflexionen zum „Gottesknecht“ bei Jesaja. Es ist eine Staumauer im Erzählfluss, und man möchte die Passage überblättern. Das sollte man nicht tun. Diese Seiten sind die Begründung für seine Arbeit. Ohne Kampfanzug und Spagat.</p>
<p><strong>Helmut Frenz: … und ich weiche nicht zurück: Chile zwischen Allende und Pinochet. Leipzig, Verlag Gustav-Adolf-Werk  2010, ISBN 978 -3-87593-109-9</strong></p>
<p><strong>von Dieter Maier</strong></p>
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		<title>Von Massenmördern und Mitläufern</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Sep 2010 13:17:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Autor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Book Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Buch Stuttgarter NS-Täter berichtet von einem breiten Spektrum kleiner und großer Stützen des Hitlerstaates. Es geht um Wirtschaftsbosse, Mediziner, Juristen, kommunale Beamte, Parteifunktionäre, Denunzianten, Kirchenleute, Polizeibeamte und KZ-Aufseher. [...]

<strong>von Dieter Maier</strong>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hermann G. Abmayr (Hg.): Stuttgarter NS-Täter : vom Mitläufer bis zum Massenmörder. 2. Aufl. Stuttgart, Schmetterlingsverlag 2009, 383 S. </p>
<p>Das Buch Stuttgarter NS-Täter berichtet von einem breiten Spektrum kleiner und großer Stützen des Hitlerstaates. Es geht um Wirtschaftsbosse, Mediziner, Juristen, kommunale Beamte, Parteifunktionäre, Denunzianten, Kirchenleute, Polizeibeamte und KZ-Aufseher. Die Autoren stammen aus der Stuttgarter Stolperstein-Initiative, darunter Historiker, Journalisten und Filmemacher, aber auch ein Oberstudienrat und ein Kabarettist. Stuttgarter NS-Täter enthält auch Beiträge von Kindern und Enkeln von Tätern.</p>
<p>Die Firma Porsche präsentierte nach 1945 Stromlinienform ohne Dellen und Kratzer. Ein gut recherchierter Beitrag von Ullrich Viehoever bringt in Erinnerung, dass Firmengründer Ferdinand Porsche, ein Stuttgarter, und Hitler sich gegenseitig bewunderten, wie auch auf zeitgenössischen Fotos zu erkennen ist. VW und Porsche wurden mit Geldern der Gewerkschaften aufgebaut, die nach Hitlers Machtanritt an die Deutsche Arbeitsfront gefallen waren. Hier blitzt für einen Augenblick auf, wie Nachkriegsdeutschland bei einer weniger restaurativen Lösung hätte aussehen können: Porsches von den Alliierten gesperrtes und 1949-50 entsperrtes Vermögen hätte z.B. den Gewerkschaften zugesprochen werden können statt Porsche. Porsche beutete Sklavenarbeiter aus. So weit, so schlecht. Der Artikel ist aber aktueller: Porsche brachte sein Kapital kurz vor Kriegsende in Österreich in Sicherheit, sodass die Arbeiter in Zuffenhausen um ihren Lohn betrogen wurden. Es war betrügerischer Bankrott. Als die Alliierten ihn schuldlos befunden hatten, holte er sein Geld wieder zurück, um das deutsche Unternehmen wieder aufzubauen. </p>
<p>Stuttgarter NS-Täter schildert fünf Denunzianten. Die Denunzianten sind eine kaum erforschte Spezies; sie haben nach dem Krieg wohlweislich geschwiegen, und sie standen nicht vor Gericht. Ein Aktivist der Untergrund-KPD kippte um und denunzierte seine früheren Parteigenossen. Nach dem Krieg kam er gut weg, denn der neu erwachende Antikommunismus gab ihm Rückenwind. Die Zeugen gegen ihn waren Kommunisten, und denen konnte er leicht eins auswischen. Und hatte er nicht genau den Kampf geführt, den die Westmächte jetzt auch führten? Ein Denunziant der Weißen Rose traf nach dem Krieg einen von denen, die er denunziert hatte, und ihm entfuhr ein „Du bist ja noch am Leben!“ Offenbar war der gutmütige Schwabe (der Denunziant) darüber nicht erleichtert. Wenn sein damaliger Gang zur Gestapo bekannt werden würde, wäre seine Nachkriegskarriere gefährdet gewesen, seine Frau hätte sich von ihm getrennt. Das Opfer verzichtete darauf ihn anzuschwärzen, der Täter übte sich in Verleugnung. So entstand das Schweigen nach 1945, das Stuttgarter NS-Täter aufbricht, zu spät für die Gerechtigkeit, gerade noch rechtzeitig für die aktive Erinnerung. Nur noch die jetzige Generation kann dem überlieferten Aktenmaterial durch Interviews mit Zeitzeugen Kontext und Kolorit hinzufügen. </p>
<p>Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung hält sich an Epochen; Bücher wie Stuttgarter NS-Täter beruhen auf Biografien, und die gingen nach dem Epochenbruch 1945 weiter. Der Arzt Karl Mailänder, der mit seiner Unterschrift „Zigeuner“ und „Asoziale“ ins KZ schickte, wurde wegen seiner übrigen Honorigkeit nach dem Krieg rehabilitiert und mit Verdienstkreuzen ausgezeichnet. Ein Arzt, der Zwangssterilisatinonen und die Ermordung behinderter Kinder mitzuverantworten hatte, behauptete nach dem Krieg, nie „innerlich“ Nationalsozialist gewesen zu sein. Sein Enkel will dies heute nicht wahrhaben und geht<br />
seit Erscheinen des Buches immer wieder juristisch gegen Herausgeber, Autor und Verlag vor.</p>
<p>Oder Paul Binder, der an der Arisierung jüdischer Vermögen beteiligt war. Nach dem Krieg ging er in die CDU, gehörte zum Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz formulierte, setzte seine Bankkarriere fort, wurde einer der Wirtschaftsweisen und bekam das Bundesverdienstkreuz. Nach dem Krieg… 1945 ist die Zeitachse, an der sich der Nationalsozialismus und seine misslungene Aufarbeitung spiegeln. Stuttgarter NS-Täter dokumentiert die Hitlerzeit in der Perspektive der Erinnerung der dritten Generation. </p>
<p>Bei Büchern wie Stuttgarter NS-Täter stellt sich die Frage: Was haben Porsche und der HJ-ler, der die Weiße Rose denunzierte, gemeinsam? Ohne das Spektrum von Tätern, das das Buch entfaltet, hätte Hitler nicht so gründlich und lange herrschen können. Die Fokussierung auf Stuttgart hat etwas willkürliches, aber nur so geht es. Regionalstudien wie diese (es gibt eine ganze Anzahl davon) bedeuten viel örtliche Recherchearbeit, die für das damalige deutsche Reichsgebiet nicht zu leisten ist. Sie erhellten das Allgemeine durch die Beschränkung aufs Besondere und zeigen plastisch Sachverhalte auf wie den, dass die Hierarchie von Mitläufer und Massenmördern Züge eines Kontinuums trägt.<br />
<img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/e30ee38777ba4fadbc284a79816fd2b4" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p><strong>von Dieter Maier</strong></p>
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