Sylvia Karl: Kampf um Rehumanisierung. Die Verschwundenen des Schmutzigen Krieges in Mexiko

29. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Rezensionen

Sylvia Karl: Kampf um Rehumanisierung. Die Verschwundenen des Schmutzigen Krieges in Mexiko. Bielefeld (transcript) 2014, 513 Seiten

Von Rainer Huhle

Im Zentrum dieser anthropologischen Arbeit über das „Verschwindenlassen“ und den Kampf der Angehörigen der „Verschwundenen“ in Mexiko steht die heute allgemein als „Schmutziger Krieg“ bezeichnete Repression sozialer Kämpfe im südlichen Bundesstaat Guerrero in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sylvia Karl nähert sich dieser bisher vor allem von Historikern und Politologen untersuchten Phase mit einem Forschungsansatz der „anthropologischen Konfliktforschung“. Einleitend hebt die in Marburg, Zürich und Wien lehrende Autorin hervor, dass auch in jüngerer Zeit in Guerrero noch Fälle des „Verschwindenlassens“ vorgekommen sind. Wenige Monate nach Drucklegung der Studie wurde dieser Hinweis auf schreckliche Weise vielfach bestätigt. Die 43 Studenten der Lehrerbildungsschule von Ayotzinapan, deren „Verschwinden“ weltweit Entsetzen und Empörung hervorgerufen hat, stammen aus dem gleichen Bundesstaat. Und bei der Suche nach ihnen wurden weitere Massengräber von verschwundenen Personen gefunden.

Insofern hat Sylvia Karls materialreiche, präzise und sensible Studie der politischen Kontexte des Verschwindenlassens und der sozialen und psychischen Belastungen, unter denen der Kampf gegen diese von ihr als „Dehumanisierung“ gefasste Praxis, also der „Kampf um Rehumanisierung“ stattfindet, entsetzliche Aktualität erlangt. In Mexiko und besonders in Guerrero kamen nach Ayotzinapa vielfache Erinnerungen an die Repression der siebziger Jahre zurück. Auch wenn die Dynamik der Repression heute anders verläuft, die zugrundeliegenden Machtstrukturen, so sehen es viele, sind intakt geblieben. Karls Buch wird daher, nach den Ereignissen von Ayotzinapa, die in der politischen Kultur des Landes eine Zäsur bedeuten, vermutlich anders gelesen werden. Obwohl es auch eine gründliche historische Arbeit über eine bestimmte Epoche in einer bestimmten Region ist, kann es nicht mehr einfach als historischer Text verstanden werden, worauf die Autorin in der Einleitung und in ihrem Fazit auch deutlich verwiesen hat.

Der erste Teil handelt von der Repression der bäuerlichen Guerilla in Guerrero in den sechziger und siebziger Jahren. Diese Geschichte, die in Mexiko noch sehr präsent ist, ist gleichwohl im Zusammenhang noch kaum erzählt worden, in der deutschsprachigen Literatur fast gar nicht. Allein das macht diese rund 140 Seiten des ersten Kapitels von Karls Buch zu einer wichtigen Lektüre. Sie stützt sich dabei neben der spärlichen Sekundärliteratur vor allem auf ihre über Jahre erhobenen eigenen Interviews mit Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten und „Verschwundenen“. Die Opfer kommen auf diese Weise ausführlich zu Wort, aber die Autorin arbeitet aus der Fülle dieser „testimonios“ oder oral history-Aussagen die wesentlichen Muster heraus, die sowohl zum Verständnis der Ereignisse selbst als auch, und vor allem, der Interpretationen nötig sind, die die verschiedenen Akteure den Ereignissen gegeben haben und geben. Sie kann so deutlich machen, warum der Diskurs vor allem des zum Mythos gewordenen Lucio Cabanillas und seiner „Partei der Armen“ auf so viel Zustimmung in der ländlichen Bevölkerung stieß, wobei Karl durchaus betont, dass diese Zustimmung abgestuft war und nicht von Allen geteilt wurde. Eindrucksvoll zeigt sie, wie verstörend die als zutiefst ungerecht empfundene Welle der Repression samt ihren unfassbaren Brutalitäten wahrgenommen wurde, eine Erfahrung die alle überkommenen Muster von Gewalt, die den Kleinbauern Mexikos ja nicht fremd war, sprengte und zu tiefen Traumatisierungen führte. Ein anderer wichtiger Aspekt von Karls Analyse ist ihr differenzierter Opferbegriff. Obwohl sich die Repression gegen praktisch die gesamte Landbevölkerung der Sierra de Atoyac richtete, waren die einzelnen Personen und Familien sehr unterschiedlich betroffen. Solidarität und Information über das erlittene Leid und Unrecht wurden nicht allgemein geteilt, sondern führten zur Herausbildung von bestimmten kommunikativen Gemeinschaften, die offenbar bis heute existieren. Wie Karl in ungewöhnlicher Offenheit berichtet, stellten diese Gemeinschaften auch für die Forscherin einerseits Zugänge, andererseits Barrieren dar, die nicht alle zu überwinden waren.

Kritisch anzumerken ist lediglich, dass die materialreiche Darstellung der „hässlichen Zeit“ und ihrer Folgen für die soziale und psychische Verfassung der betroffenen Menschen und Gemeinden bisweilen recht redundant geraten ist. Nicht nur etliche testimonios, auch ganze erklärende und analytische Passagen werden mehrmals in verschiedenen Kontexten wiederholt, ohne dass neue Gesichtspunkte dazu kämen. Bisweilen sind so an verschiedenen Stellen auch widersprüchliche Aussagen zur selben Sache stehen geblieben (z.B. zur Bedeutung von „Eureka“, dem bekannten Namen einer wichtigen Angehörigenorganisation, der zunächst zutreffend, einige Seiten später falsch erklärt wird). Auch eine Reihe von Verweisen auf Aussagen aus der Fachliteratur bringen wenig zusätzlichen Erkenntniswert, sind wohl eher dem in einer Dissertation offenbar unverzichtbaren name-dropping geschuldet. Eine Straffung des Textes hätte dem Erzähl- und Argumentationsfluss der eindrucksvollen Arbeit gut getan. Dem Verlag ist vorzuwerfen, dass er sich eine Endkorrektur gespart hat, weswegen eine Reihe der leidigen Zusammenschreibungen von Wörtern stehen geblieben sind, die sich bei der unachtsamen Übertragung digitaler Texte immer wieder einschleichen. Namens-, Orts-, und Sachindexe sowie ein Abkürzungsverzeichnis sind in Zeiten des Computersatzes kein überflüssiger Luxus, sondern bei einem so mit Detailinformationen gespickten reichen Text eigentlich unverzichtbar. Ihr Fehlen schmälert den Gebrauchswert eines Buches, das für alle an der durch die Massenmedien häufig auf den “Narkoterrorsimus” reduzierten Gewalt in Mexiko interessiert sind, in profunder Weise den unverzichtbaren Blick auf die tieferliegenden politischen und sozialen Ursachen dieser Gewalt öffnet.

Rainer Huhle

 

 

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