{"id":1020,"date":"2022-03-21T08:30:00","date_gmt":"2022-03-21T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=1020"},"modified":"2022-03-20T17:24:59","modified_gmt":"2022-03-20T16:24:59","slug":"uber-115-jahre-nach-dem-volkermord-eine-versohnung-die-spaltet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/uber-115-jahre-nach-dem-volkermord-eine-versohnung-die-spaltet\/","title":{"rendered":"\u00dcber 115 Jahre nach dem V\u00f6lkermord: Eine Vers\u00f6hnung, die spaltet"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Nachrichten, welche uns aus Namibia erreichen, sind keine, die uns zum Thema Vers\u00f6hnung in den Sinn kommen k\u00f6nnten. Hunderte <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/namibia-hunderte-protestieren-gegen-aussoehnungsabkommen-mit-deutschland-a-8a3a0acf-1884-4b3d-93b3-31737a10daf8\">Demonstrant:innen<\/a> protestieren auf den Stra\u00dfen Windhoeks, f\u00fchlen sich ausgeschlossen, verraten. Doch was war passiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Gut zehn Monate, nachdem das Vers\u00f6hnungsabkommen zwischen Deutschland und Namibia vorgestellt worden ist, wurde es noch immer nicht von der namibischen Regierung <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/herero-und-nama-protestieren-gegen-deutschland-muss-das-voelkermord-abkommen-mit-namibia-neu-verhandelt-werden\/27637546.html\">ratifiziert<\/a>. Denn anstatt zu vers\u00f6hnen, vergr\u00f6\u00dferte der Beschluss die Antipathie gegen die einstige Kolonialmacht und deren im Land wohnenden Nachkommen. Anstatt zu vereinen, vertiefte es die Abneigungen der einzelnen Bev\u00f6lkerungsgruppen untereinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vergangenen Jahr erkannte Deutschland erstmals offiziell den V\u00f6lkermord an den Herero und Nama an \u2013 mehr als 115 Jahre nach dem brutalen Vernichtungskrieg. Auf eine \u00f6ffentliche Entschuldigung und Entsch\u00e4digungen warten die Nachfahren der Opfer bis heute.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>R\u00fcckblick: Namibias koloniale Vergangenheit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Namibias koloniale Vergangenheit k\u00f6nnte kaum komplexer sein. Gezeichnet von zwei Besatzungsm\u00e4chten, einem Genozid und Apartheid, erlangte das Land als eines der letzten des afrikanischen Kontinents seine <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/politik\/hintergrund-aktuell\/203118\/namibia-feiert-seine-unabhaengigkeit\">Unabh\u00e4ngigkeit<\/a>. Um die politischen Gegebenheiten rund um das Vers\u00f6hnungsabkommen nachvollziehen zu k\u00f6nnen, ist es wichtig, sich intensiv mit Namibias kolonialer Vergangenheit auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der Berliner <a href=\"https:\/\/www.br.de\/radio\/bayern2\/sendungen\/kalenderblatt\/1511-Afrika100.html\">Kongo-Konferenz<\/a> wurde das damalige S\u00fcdwestafrika 1884 dem Deutschen Kaiserreich zugesprochen. In den darauffolgenden 20 Jahren stieg die Zahl deutscher Zuwander:innen stetig. Dies f\u00fchrte zu enormen Spannungen, da die Neuank\u00f6mmlinge nicht nur begannen, Namibias nat\u00fcrliche Ressourcen auszubeuten, sondern auch Krankheiten einschleppten, die einheimische Bev\u00f6lkerung unterdr\u00fcckten und Landraub begingen. Um ihre Freiheiten zur\u00fcckzuerlangen, schlossen sich die einst verfeindeten Herero und Nama zusammen und begannen sich aktiv gegen ihre Unterdr\u00fccker:innen zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar 1904 begann der sogenannte <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/176142\/januar-1904-herero-aufstand-in-deutsch-suedwestafrika\/\">Hererokrieg<\/a>, welcher seinen H\u00f6hepunkt acht Monate sp\u00e4ter in der <em>Schlacht am Waterberg<\/em> fand. Hier wurden die Herero innerhalb von nur zwei Tagen besiegt. Die \u00dcberlebenden fl\u00fcchteten in die Omaheke-W\u00fcste, wo die meisten von ihnen an Dehydrierung starben. Am 2. Oktober erlie\u00df der deutsche General Lothar von Trotha seinen ber\u00fcchtigten <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/855620\/da4256f6d584139c527efb161b66d606\/WD-1-018-21-pdf-data.pdf\">Schie\u00dfbefehl<\/a> \u2013 jeder Herero innerhalb deutscher Grenzen sollte erschossen werden. Trotha plante bewusst die Ausrottung der Herero. Dies zeigt sich in seiner <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article163001326\/Ich-nehme-keine-Weiber-und-Kinder-mehr-auf.html\">Nachricht<\/a> an den deutschen Generalstab. In dieser hei\u00dft es, dass \u201edie Nation als solche vernichtet werden muss.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schie\u00dfbefehl wurde im Dezember 1904 <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/594462\/19e7006b4e99355d020d3b7fb4df4145\/WD-1-080-04-pdf-data.pdf\">aufgehoben<\/a>. Diejenigen, die \u00fcberlebt hatten, wurden in Konzentrationslager gebracht. Dort starben sie an Unterern\u00e4hrung sowie den Folgen der Zwangsarbeit. Die \u00dcberlebenden konnten die Lager erst 1908 wieder verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Herero fr\u00fch besiegt waren, dauerte die Rebellion der Nama f\u00fcnf Jahre. Bei den K\u00e4mpfen wurden nicht nur viele von ihnen get\u00f6tet, dem Volk wurden auch die Rechte entzogen. Mit Einf\u00fchrung der <a href=\"https:\/\/www.gfbv.de\/de\/news\/100-jahre-voelkermord-an-herero-und-nama-7\/\">Eingeborenenverordnung<\/a> 1907, wurde den Nama der Status von Sklav:innen verliehen. Bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft verloren rund 50 Prozent aller Nama und 80 Prozent aller Herero ihr Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1915, kurz nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, verlor Deutschland das Land an S\u00fcdafrika. Der <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/paris-1919-und-das-erbe-des-deutschen-kolonialismus\/a-48502396\">Versailler<\/a>-Vertrag von 1919 machte Deutsch-S\u00fcdwestafrika nach Ende des Krieges zum Mandatsgebiet des V\u00f6lkerbundes, bis es drei Jahre sp\u00e4ter von S\u00fcdafrika als Treuhandgebiet \u00fcbernommen und als f\u00fcnfte Provinz verwaltet wurde. So kam es, dass auch Namibia bis zu seiner Unabh\u00e4ngigkeit 1990 unter den Apartheidgesetzen litt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-724x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1023\" width=\"417\" height=\"590\" srcset=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-724x1024.png 724w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-212x300.png 212w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-768x1086.png 768w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-1086x1536.png 1086w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-1448x2048.png 1448w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-640x905.png 640w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-1040x1471.png 1040w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero-1320x1867.png 1320w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/1_Herero.png 1587w\" sizes=\"auto, (max-width: 417px) 100vw, 417px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine Vers\u00f6hnung, die aussichtslos erscheint<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Mord an den Herero und Nama gilt als erster V\u00f6lkermord des 20. Jahrhunderts. Seit Namibias Unabh\u00e4ngigkeit versuchen die Nachfahren Reparationen von Deutschland zu erlangen. Jedoch weigerte sich nicht nur die erste namibische Regierung einen Brief mit Entsch\u00e4digungsforderungen weiterzuleiten, auch ein Treffen des ehemaligen Au\u00dfenministers Hans-Dietrich Genscher mit dem Herero-F\u00fchrer Kuaima Riruako blieb <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/551632\/65420310d07980f241aa7ebbcefb3b81\/WD-2-016-18-pdf-data.pdf\">erfolglos<\/a>. Zudem konnten Vertreter:innen der Herero und Nama bei den darauffolgenden Staatsbesuchen von Helmut Kohl 1995 und Roman Herzog 1998 nichts erreichen. Aufgrund der aussichtslosen Situation reichte Riruako 1998 eine <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/551632\/65420310d07980f241aa7ebbcefb3b81\/WD-2-016-18-pdf-data.pdf\">Klage<\/a> gegen die Bundesrepublik beim <em>Internationalen Gerichtshof<\/em> ein. Diese wurde allerdings abgelehnt, da nur Staaten parteif\u00e4hig sind. Daraufhin wendeten sich die Herero mit einer zivilrechtlichen Sammelklage an das <em>District Court<\/em> in Washington. Unter Berufung auf den Grundsatz der Staatenimmunit\u00e4t verweigerte Deutschland jedoch 2002 die f\u00f6rmliche Zustellung der Klageschrift. Die Staatenimmunit\u00e4t ist ein Grundsatz des V\u00f6lkerrechts, wonach die Bundesrepublik von der Gerichtsbarkeit durch andere Staaten befreit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der gerichtlichen Niederlagen gewann Deutschlands Kolonialgeschichte an Popularit\u00e4t im \u00f6ffentlichen Diskurs. Nachdem das Ausw\u00e4rtige Amt die Verbrechen 2015 erstmals als V\u00f6lkermord benannt hatte, begann die Bundesrepublik mit Namibia an einem Vers\u00f6hnungsabkommen zu arbeiten. Da die gro\u00dfe Mehrheit der afrikanischen Regierung jedoch aus Politiker:innen des Ovambo-Volkes besteht, f\u00fchlten sich die Herero und Nama von den bilateralen Verhandlungen ausgeschlossen. So kam es 2017 zu einer weiteren <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/herero-nama-namibia-deutschland-voelkermord-1.4359508\">Sammelklage<\/a> \u2013 dieses Mal vor dem <em>US District Court Southern District of New York<\/em>. Auch diese wurde abgelehnt. Im Mai 2021 einigten sich Vertreter:innen beider Regierungen schlie\u00dflich auf ein <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/versoehnungsabkommen-mit-namibia-deutschland-erkennt-100.html\">Abkommen<\/a>. Laut diesem m\u00f6chte die Bundesregierung die Nachfahren der Herero und Nama offiziell um Vergebung bitten. Zudem erkennt sie die Verbrechen des Deutschen Kaiserreichs als Genozid an. Auch wenn die Bundesregierung betont, dass es aus ihrer Sicht keinen Rechtsanspruch auf Entsch\u00e4digungszahlungen gibt, bietet sie aus moralischer Verpflichtung heraus 1,1 Milliarden Euro f\u00fcr Entwicklungsprojekte \u00fcber einen Zeitraum von 30 Jahren.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich dies sicherlich als erster Erfolg in der Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker verstanden werden kann, wird das Abkommen stark kritisiert. Abgesehen davon, dass kaum Vertreter:innen der Herero und Nama bei den teils intransparenten Verhandlungen anwesend waren, ist es auch nicht klar, welche Projekte genau unterst\u00fctzt werden sollen. Anstatt an die namibische Regierung, sollte das Geld direkt an die Nachkommen der Opfer gezahlt werden. Herero und Nama bezeichnen das Abkommen als PR-Coup Deutschlands, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Dass sie mit ihrer Meinung nicht allein dastehen, zeigte sich deutlich im September 2021. Aufgrund heftiger <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/voelkermord-streit-zwischen-deutschland-und-namibia-herero-und-nama-fordern-neues-versoehnungsabkommen-und-hoffen-auf-die-gruenen\/28010796.html\">Proteste<\/a> im ganzen Land, musste die Ratifizierung des Abkommens durch das Parlament vertagt werden. Zudem haben die <em>Ovaherero Traditional Authority<\/em> und die <em>Nama Traditional Leaders Association<\/em> eine <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/panorama\/welt\/deutschland-erkennt-verbrechen-an-herero-und-nama-als-voelkermord-an_id_13338985.html\">Petition<\/a> im Bundestag eingereicht. Selbst wenn die beiden Organisationen nicht alle Gruppen ihrer St\u00e4mme vertreten, zeigt dies deutlich die Unzufriedenheit der Betroffenen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch warum f\u00e4llt es der Bundesrepublik seit Jahrzehnten so schwer, sich \u00f6ffentlich zu entschuldigen, den Genozid anzuerkennen und die Nachkommen der Opfer zu entsch\u00e4digen? Wie kann es sein, dass es bis heute keine offizielle Bitte um Vergebung gab? Auch wenn der Begriff <em>Genozid<\/em> erst 1948 in Form der <a href=\"https:\/\/www.voelkermordkonvention.de\/\">UN-V\u00f6lkermordkonvention<\/a> definiert worden ist, ist es offensichtlich, dass der damalige Vernichtungskrieg die Ausrottung zweier V\u00f6lker zum Ziel hatte. Zudem besagt das deutsche Grundgesetz von 1949, dass seit 1871 keine Sukzession stattgefunden hat \u2013 so gilt die Bundesregierung als Rechtsnachfolger des Deutschen Kaiserreichs.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1025\" width=\"298\" height=\"397\" srcset=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-640x853.jpg 640w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-1040x1387.jpg 1040w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-1320x1760.jpg 1320w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/3_Windhoek-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kontroverse Vergleiche erschweren das Verh\u00e4ltnis<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Namibias koloniales Erbe pr\u00e4gt noch heute die Ideologien der Bev\u00f6lkerung \u2013 sowohl politisch wie auch sozio-kulturell. Trotz der deutschen Kolonialverbrechen muss jedoch bedacht werden, dass das Deutsche Kaiserreich nicht die einzige Kolonialmacht des Landes war. Zudem waren die Herero und Nama nicht die einzigen V\u00f6lker, die unter der Fremdherrschaft litten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur regierte S\u00fcdafrika Namibia mehr als doppelt so lange wie Deutschland, die Folgen der Apartheid sind noch heute im ganzen Land sp\u00fcrbar. Obwohl eine Klage gegen S\u00fcdafrika vor dem <em>Internationalen Strafgerichtshof<\/em> als erfolgversprechend gilt, konzentrieren sich die Reparationsforderungen lediglich auf Deutschland. Erschwerend hinzukommt, dass es keine Zeitzeugen des Genozids mehr gibt. Geschehnisse k\u00f6nnen nur noch subjektiv von Nachkommen berichtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren muss es als kritisch angesehen werden, dass viele Herero <a href=\"https:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/bitstream\/handle\/document\/10549\/ssoar-afrspectrum-2005-2-kundrus-from_the_herero_to_the.pdf\">Parallelen zum Holocaust<\/a> ziehen und in der gleichen Form wie Israel entsch\u00e4digt werden m\u00f6chten. Es stimmt, dass gem\u00e4\u00df dem <em>concept of cultural narcissism<\/em> die Radikalisierung von Antisemitismus aus kolonialem Rassismus resultiert. Viele Verbrechen unter Hitler haben ihren Ursprung in der deutschen Kolonialzeit. So wurde Morden durch Zwangsarbeit an schwarzen Afrikaner:innen \u201egetestet\u201c, bevor es an Juden \u201eperfektioniert\u201c worden ist. Nichtsdestotrotz darf hierbei jedoch nicht vergessen werden, dass die Herero und Nama, im Gegensatz zu den Juden, die Deutschen herausforderten und sich aktiv wehrten. Sie wurden nicht lediglich aufgrund ihrer Identit\u00e4t ermordet. Der Holocaust umfasst andere Dimensionen und fand vor einem anderen Hintergrund statt. Dies soll keines der Verbrechen verharmlosen \u2013 sie miteinander zu vergleichen ist jedoch sehr problematisch, weshalb sie jeweils in ihrem eigenen Kontext betrachtet werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00d6ffentliche Aufarbeitung kolonialer Verbrechen ist essenziell<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Genozid stattgefunden hat, sondern inwiefern die Bundesrepublik daf\u00fcr Verantwortung \u00fcbernehmen kann und wie die Nachfahren der Herero und Nama fair entsch\u00e4digt werden k\u00f6nnen. Das Vers\u00f6hnungsabkommen ist sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung. Zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung braucht es jedoch mehr. Da Stammeszugeh\u00f6rigkeiten noch immer eine relevante Rolle in Namibia spielen, muss sich die neue Bundesregierung explizit mit den Vertreter:innen der Herero und Nama austauschen. Insbesondere auch deshalb, da Deutschland bereits seit Jahren mehr <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/aussenpolitik\/laender\/namibia-node\/bilateral\/208320#:~:text=Von%201990%20bis%202020%20erhielt,wissenschaftlichen%20Beziehungen%20sind%20breit%20angelegt.\">Entwicklungshilfe<\/a> pro Kopf an Namibia als an alle anderen Entwicklungsl\u00e4nder zahlt. Die Ovambo gef\u00fchrte Regierung profitiert also schon seit L\u00e4ngerem aktiv von der Bundesrepublik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lichtblick ist auch, dass die Auss\u00f6hnung mit Namibia Teil des neuen <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/fileadmin\/Dokumente\/Koalitionsvertrag\/Koalitionsvertrag_2021-2025.pdf\">Koalitionsvertrages<\/a> ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u201eDie Auss\u00f6hnung mit Namibia bleibt f\u00fcr uns eine unverzichtbare Aufgabe, die aus unserer historischen und moralischen Verantwortung erw\u00e4chst. Das Vers\u00f6hnungsabkommen mit Namibia kann der Auftakt zu einem gemeinsamen Prozess der Aufarbeitung sein.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn auch nur in zwei S\u00e4tzen erw\u00e4hnt, wird die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen als Aufgabe der jetzigen Legislaturperiode genannt. Inwiefern dies geschehen soll, ist nicht weiter definiert. Neben einem akzeptablen Vers\u00f6hnungsabkommen muss auch die deutsche <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/kolonialismus-afrika-braucht-neugier-statt-habgier-1.2366700\">Erinnerungskultur<\/a> gef\u00f6rdert werden. So sollten nicht nur weiterhin unangebrachte, aus der Kolonialzeit stammende Stra\u00dfennamen ge\u00e4ndert werden, auch sollte die R\u00fcckgabe von kolonialer Raubkunst in den Fokus r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es mussten \u00fcber 100 Jahre vergehen, bis es die deutschen Kolonialverbrechen in den \u00f6ffentlichen Diskurs geschafft haben. Gerade weil Deutschland noch immer am Anfang der Aufarbeitung seiner kolonialen Geschichte steht, ist es essenziell, transparente Debatten zu f\u00f6rdern und aktiv auf die Nachkommen der Opfer zuzugehen. Nur durch interkulturellen Austausch kann nach \u00fcber einem Jahrhundert Frieden geschlossen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nachrichten, welche uns aus Namibia erreichen, sind keine, die uns zum Thema Vers\u00f6hnung in den Sinn kommen k\u00f6nnten. 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