{"id":237,"date":"2020-03-11T11:22:39","date_gmt":"2020-03-11T10:22:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=237"},"modified":"2020-03-11T20:50:02","modified_gmt":"2020-03-11T19:50:02","slug":"intrige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/intrige\/","title":{"rendered":"INTRIGE &#8211; eine Filmkritik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eIntrige\u201c<\/em> ist der \u2013 wie so oft nichtssagende und irref\u00fchrende &#8211; deutsche Titel eines Films, der im Original <em>\u201eJ\u2019accuse\u201c<\/em> \u2013 <em>\u201eIch klage an\u201c<\/em> hei\u00dft. In Venedig hat er den <em>Silbernen L\u00f6wen<\/em> gewonnen und auch sonst noch eine Reihe von Auszeichnungen erhalten. Die Medien berichteten \u00fcber den Film vor allem wegen seines Regisseurs: <strong>Oscar-Preistr\u00e4ger Roman Polanski<\/strong>, den zahlreiche Frauen wegen sexueller \u00dcbergriffe anklagen und gegen den in den USA noch immer ein Verfahren wegen Vergewaltigung einer Minderj\u00e4hrigen anh\u00e4ngig ist. Kann man von einem Regisseur, dem zutiefst unmoralisches Verhalten vorgeworfen wird, einen Film erwarten, der auf hohem Niveau moralische Fragen abhandelt? Oder gar: Darf einer, der selbst unter Anklage steht, einen Film mit dem Titel \u201eJ\u2019accuse\u201c drehen?  <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Intrige &#8211; der Film<\/h4>\n\n\n\n<p>Nicht um diese schwierigen Fragen soll es hier gehen, sondern um den Film. <em>\u201eJ\u2019accuse\u201c<\/em> bezieht sich nat\u00fcrlich auf eine der ber\u00fchmtesten Streitschriften aus der Geschichte der Menschenrechte bevor sie international festgeschrieben wurden. Verfasst hat sie der gro\u00dfe franz\u00f6sische Romanschriftsteller <strong>\u00c9mile Zola<\/strong> 1898 und l\u00f6ste damit die <em>\u201eDreyfus-Affaire\u201c<\/em> aus, die die franz\u00f6sische Republik Ende der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts tief ersch\u00fctterte und letztlich in eine liberalere Epoche f\u00fchrte. 1894 war der Offizier Alfred Dreyfus, einer der wenigen j\u00fcdischen Offiziere damals in der franz\u00f6sischen Armee, des Landesverrats beschuldigt und von einem Milit\u00e4rgericht zur Verbannung auf die \u201eTeufelsinsel\u201c vor der franz\u00f6sischen Kolonie Guyana verurteilt worden, wo er unter unmenschlichen Bedingungen in Isolation gefangen war. <strong>Zolas ebenso mutige wie heftige Anklage brachte ihm eine Gef\u00e4ngnisstrafe ein, der er sich durch Flucht ins Ausland entzog. Sie l\u00f6ste aber eine Welle der Emp\u00f6rung gegen das Geb\u00e4ude aus F\u00e4lschungen, L\u00fcgen und Verfahrensverst\u00f6\u00dfen sowie den dahinterstehenden Antisemitismus aus, die das Verfahren gegen Dreyfus pr\u00e4gten.<\/strong> 12 Jahre nach seiner Verurteilung, f\u00fchrte dieser breite zivile Widerstand schlie\u00dflich zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens und zur Rehabilitierung von Dreyfus. Zola war nicht der einzige, der sich gegen das Unrechtsurteil stellte und an der Kampagne zur Freilassung und Rehabilitierung von Dreyfus beteiligte. Zu diesen <em>\u201eDreyfusiards\u201c<\/em>, die teils erhebliche berufliche und gesellschaftliche Nachteile in Kauf nahmen, geh\u00f6rten etliche der ber\u00fchmtesten franz\u00f6sischen K\u00fcnstler und Intellektuellen wie Marcel Proust, Claude Monet oder \u00c9mile Durkheim, und auch zwei sp\u00e4tere franz\u00f6sische Premierminister: George Cl\u00e9menceau und L\u00e9on Blum. Aus der Bewegung der Dreyfusards ging 1898 die erste europ\u00e4ische <em>\u201eMenschenrechts-Nichtregierungsorganisation\u201c<\/em>, die <em><strong><a href=\"https:\/\/www.ldh-france.org\/\">\u201eFranz\u00f6sische Liga zur Verteidigung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte\u201c (Ligue fran\u00e7aise pour la d\u00e9fense des droits de l\u2019homme et du citoyen \u2013 LDH)<\/a><\/strong><\/em> hervor.  <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Dreyfus-Affaire&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p>Die <em>\u201eDreyfus-Affaire\u201c<\/em> ist vor allem als Beispiel f\u00fcr die Ausw\u00fcchse des europ\u00e4ischen Antisemitismus im Ged\u00e4chtnis. Den Begr\u00fcnder des Zionismus, Theodor Herzl, der damals als Journalist in Paris lebte, \u00fcberzeugte sie von der Notwendigkeit, dass Juden ein eigenes Heimatland br\u00e4uchten. Doch nicht der Antisemitismus steht im Zentrum von Polanskis Film. Auch Zolas publizistischer Aufschrei beansprucht nur einige Minuten des \u00fcber zweist\u00fcndigen Films. Die Bilder des Films sind fast durchwegs von den Farben Blau und Rot, den Uniformen der Armee gepr\u00e4gt. Polanskis Interesse gilt an erster Stelle den Zust\u00e4nden innerhalb der Armee, dem Konflikt zwischen den Herrschafts- und Pr\u00e4sentationsinteressen der Institution Armee und der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, die zumindest die milit\u00e4rische Gerichtsbarkeit verk\u00f6rpern sollte. <strong>Im Mittelpunkt des Films stehen daher weder Dreyfus noch Zola, sondern der Oberst Marie-Georges Picquart. <\/strong>Gleich zu Beginn outet sich Picquart, konfrontiert von Dreyfus, als Antisemit, versichert aber zugleich, dass dies seine Entscheidungen nicht beeinflusse. Gleichwohl beteiligt er sich an dem deutlich als inszenierter Schauprozess geschilderten Verfahren gegen Dreyfus. Erst als er in seiner weiteren dienstlichen T\u00e4tigkeit \u2013 man hat ihn nach dem Prozess zum <em>Leiter des Geheimdienstes der Armee<\/em> ernannt \u2013 immer mehr Ungereimtheiten in den Ermittlungen gegen Dreyfus entdeckt, wachsen die Zweifel in ihm. Das eigentliche Drama, das der Film eindrucksvoll und pr\u00e4zise entwickelt, ist nun Picquarts schrittweiser Bruch mit seinen gesellschaftlichen und beruflichen Loyalit\u00e4ten, als seine Versuche, die L\u00fcgen des Prozesses aufzudecken und den wahren Verr\u00e4ter anzuklagen, von seinen Vorgesetzten und Kollegen abgeblockt werden. Picquart akzeptiert die Angebote, klein beizugeben, nicht und nimmt stattdessen seine Absetzung und Versetzung, schlie\u00dflich Verfolgung, gesellschaftliche \u00c4chtung und Haft in Kauf. Erst die auch durch seine Informationen gespeiste \u00f6ffentliche Kampagne der \u201eDreyfusards\u201c f\u00fchrt Jahre sp\u00e4ter auch zu seiner Rehabilitierung. Der Film zeigt in vielen genauen Details die zerst\u00f6rerischen Wirkungen bis in die letzten Winkel des Privatlebens, die die Verfolgung durch die Chefs der Armee und der Regierung auf Picquart haben, und damit auch den Mut, dessen er bedurfte, das durchzustehen. \u201eIntrige\u201c ist also in erster Linie ein Film \u00fcber den Preis korrekten Verhaltens im Staatsdienst. Dass Picquart in der letzten Szene Jahre sp\u00e4ter als General und neuer Kriegsminister erscheint, ist ein sch\u00f6nes, im \u00fcbrigen historisch wahres Happy End, kann aber den jahrelang gezahlten Preis daf\u00fcr nicht vergessen machen, zumal der Ausgang der ganzen Affaire ja nicht abzusehen war.  <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h4>\n\n\n\n<p>Meine bescheidene Empfehlung ist daher, den Film zum Bestandteil des Bildungsprogramms f\u00fcr alle Verfassungssch\u00fctzer, Polizisten und Bundeswehrangeh\u00f6rigen zu machen. Noch warten wir in den Untersuchungsaussch\u00fcssen zu NSU und anderen rechten Terrorgruppen wie auch in den noch immer wenigen Gerichtsverfahren auf die Picquarts in deutschen Amtsstuben und Kasernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch eine Empfehlung: Der 1933 in Polen geborene, mit seiner Familie rechtzeitig in die USA gekommene j\u00fcdische Schriftsteller Louis Begley hat ein sehr gut lesbares kluges Buch \u00fcber die Dreyfus-Affaire geschrieben: <em>\u201eWhy the Dreyfus Affair Matters\u201c<\/em>, auf deutsch unter dem Titel <em>\u201eDer Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guant\u00e1namo, Alptraum der Geschichte\u201c<\/em> bei Suhrkamp erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Rainer ist Gr\u00fcndungsmitglied des N\u00fcrnberger Menschenrechtszentrums.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIntrige\u201c ist der \u2013 wie so oft nichtssagende und irref\u00fchrende &#8211; deutsche Titel eines Films, der im Original \u201eJ\u2019accuse\u201c \u2013&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":238,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,1],"tags":[],"coauthors":[29],"class_list":["post-237","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-allgemein","post-archive"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.5 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>INTRIGE - eine Filmkritik - Menschenrechte - der Blog.<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/intrige\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"INTRIGE - eine Filmkritik - Menschenrechte - der Blog.\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eIntrige\u201c ist der \u2013 wie so oft nichtssagende und irref\u00fchrende &#8211; 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