{"id":560,"date":"2020-07-10T12:49:21","date_gmt":"2020-07-10T10:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=560"},"modified":"2020-07-10T18:09:58","modified_gmt":"2020-07-10T16:09:58","slug":"aus-meinem-pandaemonischen-notizbuch-heute-ein-brief-aus-dem-choco","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/aus-meinem-pandaemonischen-notizbuch-heute-ein-brief-aus-dem-choco\/","title":{"rendered":"Aus meinem pand\u00e4monischen Notizbuch&#8230; Heute: Ein Brief aus dem Choc\u00f3"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Freunde Ursula und Uli lernte ich in den neunziger\nJahren kennen. Damals lebten sie schon viele Jahre in einem der entlegensten\nWinkel von Kolumbien, am gro\u00dfen Atratofluss im tropischen Regenwald der Region\nChoc\u00f3 an der Pazifikk\u00fcste des Landes. Dort leben und arbeiten sie unter dem\nDach der katholischen Di\u00f6zese noch immer, begleiten und unterst\u00fctzen die\nafrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften, die dort die gro\u00dfe Mehrheit\nder Bev\u00f6lkerung bilden. Die Menschen dort sind gro\u00dfenteils arm, nicht zuletzt,\nweil es so viele Reicht\u00fcmer in der Region gibt, wie z.B. Gold. So war und ist\nder Choc\u00f3 auch von den B\u00fcrgerkriegsparteien und Mafiaorganisationen besonders\nheimgesucht. Und nun auch von Corona.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang Juli schrieben Ursula und Uli mal wieder einen langen\nBrief an ihre Freunde in Deutschland, in dem sie einen plastischen Einblick in\ndie Auswirkungen von Corona in dieser ohnehin schon von Armut und Gewalt\ngesch\u00fcttelten Region geben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Versammlungen, Gespr\u00e4chsrunden, Besprechungen, Hausbesuche, Fahrten in die D\u00f6rfer, all das, was den gr\u00f6\u00dften Teil unserer Zeit in Anspruch genommen hat, ist vorl\u00e4ufig nicht mehr m\u00f6glich. Trotzdem ist es uns bisher keineswegs langweilig geworden. Im Gegenteil, das Telefon steht nicht still und fast jeden Tag werden Konferenzen per Internet angesetzt. Dabei muss sich unsere Hauptsorge nach wie vor auf die erschreckende Zunahme der Gewalt richten. Alle bewaffneten Gruppen benutzen die Pandemie, um ihre territoriale Herrschaft auszudehnen und zu verfestigen. Auf dem Land sind die Paramilit\u00e4rs und die verbliebenen Guerillagruppen wieder auf dem Vormarsch. In der Stadt \u00fcben die Banden immer mehr die Kontrolle \u00fcber die Wohnviertel aus. Die Gewaltakteure sind die Einzigen, die keinerlei Ausgangsbeschr\u00e4nkungen unterliegen. Personen, die sich dieser Herrschaft widersetzen wollen, werden eingesch\u00fcchtert und bedroht. Allein hier in der Provinzhauptstadt Quibd\u00f3 haben wir dieses Jahr bereits 87 Mordf\u00e4lle registrieren m\u00fcssen. Es fallen nach wie vor weit mehr Menschen den Gewaltverbrechen zum Opfer als dem Coronavirus, der bisher im gesamten Choc\u00f3 70 Sterbef\u00e4lle verursacht hat.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die kirchliche Sozialarbeitsstelle, in der Ursula und Uli seit Jahrzehnten engagiert sind, arbeitet eng mit den Basisorganisationen sowohl der schwarzen wie der indigenen Bev\u00f6lkerung zusammen. Auch der Bischof von Quibd\u00f3 nimmt kein Blatt vor den Mund. Angesichts der immer dramatischeren Lage hat die Di\u00f6zese im Juni gemeinsam ein Dokument mit dem Titel \u201eJenseits der Pandemie leidet der Choc\u00f3 unter dem Vormarsch der historischen Viren der Gewalt, der staatlichen Vernachl\u00e4ssigung und der Korruption\u201c ver\u00f6ffentlicht. Wie Ursula und Uli schreiben, gibt es sogar kleine Erfolge: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das korrupte Gesundheitssystem und die noch korruptere Landesregierung sind interveniert, und die katastrophale Gesundheitsversorgung wird jetzt durch Personal aus dem Landesinneren unterst\u00fctzt. Nur auf das Problem der Gewalt gibt es noch keine Antwort.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ihre Aufgabe sehen die\nbeiden in dieser Situation vor allem in der St\u00e4rkung der solidarischen\n\u00d6konomie, d.h. der Gruppen, die in diesem Bereich schon lange t\u00e4tig sind. Z.B.\ndie Kunsthandwerksgruppe \u201eChoib\u00e1\u201c:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Artesan\u00edas Choib\u00e1 hat bereits 7000 Mund- und Nasenschutzmasken gen\u00e4ht. Auch eine Gruppe, die von den Laienmissionarinnen der Claretiner begleitet werden, hat sich mit 1500 Exemplaren in diese Arbeit eingeklinkt. Die Frauen haben sich in Kleingruppen aufgeteilt. Auf dem Bild ist die gr\u00f6\u00dfte Gruppe zu sehen. Sie wohnt in der Fl\u00fcchtlingssiedlung Villa Espa\u00f1a. Gewundert hat uns, dass in diesem Monat doppelt so viel gearbeitet wurde wie in den \u201enormalen\u201c Monaten. Die Frauen meinten: \u201eJetzt wo wir nicht hinter unseren Kindern her sein m\u00fcssen, sie d\u00fcrfen ja nicht raus, k\u00f6nnen wir n\u00e4hen und die Kinder sitzen hier, machen ihre Aufgaben und helfen im Haushalt.\u201c Das h\u00f6rt sich doch ganz vern\u00fcnftig an, oder? Die Mundschutzmasken wurden von der Pastoral Social, also Caritas geordert. Die Di\u00f6zese hat ein Projekt, um vor allem die indigenen Gemeinden mit Masken zu versorgen, und somit haben wir wieder einmal erfahren k\u00f6nnen, dass sie auf die Gruppen z\u00e4hlen und wie immer aus einem Projekt zwei gemacht werden, Mundschutz f\u00fcr die Gemeinden und Einnahmen f\u00fcr die Gruppen der Gewaltopfer.<\/p><p>Sobald diese Arbeit abgeschlossen ist, wollen wir an unserem Erinnerungsprojekt weiterarbeiten. Dabei sollen auch Puppen mit Mundschutz gen\u00e4ht werden, damit man sich sp\u00e4ter einmal daran erinnern kann: das war 2020 in der Zeit der Corona-Pandemie. Es geht darum, die trauernden Frauen bei ihrer Mahnwache dieses Mal mit einer Maske zu zeigen, nach dem Motto: mit Mundschutz aber nicht mundtot.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mir hat dieser Brief viel zu denken gegeben. Dass das, was viele von uns hier als Katastrophe empfinden, f\u00fcr andere einfach eine Plage mehr ist, und nicht unbedingt die schlimmste von allen. Allerdings eine, die alle anderen noch schlimmer macht. Und wie viel Mut und Kraft dazu geh\u00f6rt, in einer solchen Situation weiter zu k\u00e4mpfen, nicht mit der Waffe, aber mit Beharrlichkeit und Gemeinschaftssinn. Danke, Ursula und Uli, f\u00fcr euer Engagement! <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Rainer Huhle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Freunde Ursula und Uli lernte ich in den neunziger Jahren kennen. 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