{"id":721,"date":"2020-12-23T09:00:00","date_gmt":"2020-12-23T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=721"},"modified":"2020-12-31T09:20:56","modified_gmt":"2020-12-31T08:20:56","slug":"obdachlosigkeit-in-nuernberg-eine-kleine-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/obdachlosigkeit-in-nuernberg-eine-kleine-weihnachtsgeschichte\/","title":{"rendered":"Obdachlosigkeit in N\u00fcrnberg: Eine kleine Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Oder: Wie die Corona-Krise auch f\u00fcr gute Nachrichten sorgen kann &#8230; oder?<\/h2>\n\n\n\n<p>by Lisa Halbig &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in der N\u00fcrnberger Innenstadt die Pfarrgasse an der Pegnitz entlang geht, so passiert man erst einige exklusivere Gesch\u00e4fte, bevor man dann auf harten Kontrast trifft. In die Ecke gedr\u00fcckt, aber noch \u00fcberdacht findet man ein Lager aus Decken, alten Matratzen und einigen kleineren Gegenst\u00e4nden. Bis November 2020 war es das \u201eWohnzimmer\u201c von Jacky, ihrem Freund Andi und der gemeinsamen Hundedame Mutzi, die vor 3 Jahren obdachlos geworden sind und sich hier eingerichtet hatten. Auch wenn es immer wieder zu \u00c4rger mit den anliegenden Gesch\u00e4ften kam, war das ihr Zuhause. Bis ein Artikel in den N\u00fcrnberger Nachrichten die entscheidende Wendung brachte, doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wieso wird jemand obdachlos?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren ist die Zahl derer, die keine eigene Wohnung haben, in ganz Deutschland rasant gestiegen. <strong>Aktuelle Sch\u00e4tzungen liegen bei 678.000 wohnungslosen Menschen, nur f\u00fcnf Jahre vorher lag die Sch\u00e4tzung bei <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/wohnungslose-107.html\">335.000<\/a>.<\/strong> Dabei muss unterschieden werden zwischen Menschen, die zwar wohnungslos sind, aber z.B. in Herbergen, bei Verwandten oder bei Freunden unterkommen, und denen, die keine dauerhafte Unterkunft haben und somit als obdachlos gelten. F\u00fcr sie gibt es sogenannte <em>Notschlafstellen<\/em>, diese m\u00fcssen aber tags\u00fcber immer ger\u00e4umt werden und abends muss man f\u00fcr einen Platz neu vorstellig werden. Die Gr\u00fcnde, warum Menschen ihre Wohnung verlieren, sind vielf\u00e4ltig und zeigen eines immer wieder deutlich auf:<strong> Jeden kann es treffen.<\/strong> Manche verlieren ihren Job und k\u00f6nnen vom Arbeitslosengeld ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und finden keine neue. Andere wurden durch einen Schicksalsschlag oder eine schwere Krankheit v\u00f6llig aus der Bahn geworfen, wurden depressiv oder entwickelten sogar eine Sucht und waren nicht mehr f\u00e4hig, ihr eigenes Leben zu organisieren, lehnten Hilfe ab oder bekamen keine. Die Suche nach einer Wohnung kann dann ein un\u00fcberwindbares Hindernis werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Sache mit der Schufa\u2026<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Zudem holen potentielle neue Vermieter*innen gerne die Schufa-Bonit\u00e4tsausk\u00fcnfte ein. In diesen zeigt ein Bonit\u00e4tsscore an, wie zuverl\u00e4ssig Forderungen aus Vertr\u00e4gen, Mieten, Krediten oder anderen Zahlungen bedient wurden. Negative Eintragungen, weil man z.B. einer Forderung nicht mehr nachkommen konnte oder Privatinsolvenz anmelden musste, schlagen sich auf die Wertung und k\u00f6nnen es mitunter unm\u00f6glich machen, einen Kredit aufzunehmen, Ratenzahlungen zu vereinbaren oder sogar nur einen Handyvertrag abzuschlie\u00dfen. Selbst wenn der Schufa nur ein Fehler unterlaufen ist, weil sie beispielsweise Personen verwechselt hat, kann es bedeuten, dass man mit einem negativen Eintrag in deren Verzeichnis auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt keine neue Bleibe finden kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die W\u00fcrde des Menschen ist nicht aufwiegbar, oder?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist man als Obdachlose*r stigmatisiert und vielen Vorurteilen ausgesetzt, dabei ist die Gruppe der Obdachlosen sehr durchmischt und nicht als homogene Gruppe zu erfassen. <strong>Da sie jedoch eine der schw\u00e4chsten Bev\u00f6lkerungsgruppen darstellen und zudem keine sch\u00fctzende Lobby haben, werden sie oft zum Spielball der Emotionen<\/strong>. Entweder werden ihre Belange nicht ernst genommen und man unterstellt ihnen Eigenversagen oder man nutzt ihre Misere gegen noch schw\u00e4chere Gruppen aus. Diese Technik der Manipulation nennt sich <em>\u201eWhataboutism\u201c<\/em> und beschreibt einen Mechanismus, bei dem man bei unliebsamer Kritik ablenkt, in dem man auf \u00e4hnliche Missst\u00e4nde auf der Seite des Kritikers hinweist. Dies zeigt sich unter anderem immer wieder beim Thema Fl\u00fcchtlingspolitik. Anstatt sich mit der Situation der Asylsuchenden auseinanderzusetzen, wird stattdessen auf die missliche Lage von Obdachlosen verwiesen. <strong>So werden diese beiden Gruppen gegeneinander ausgespielt und am Ende ist niemandem geholfen. <\/strong>Ausgesuchte Zitate unter \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Facebook-Posts, die hier anonymisiert wurden, zeigen diese Haltungen beispielhaft auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"892\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2-892x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-723\" srcset=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2-892x1024.jpg 892w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2-261x300.jpg 261w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2-768x882.jpg 768w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2-640x735.jpg 640w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild-2.jpg 971w\" sizes=\"auto, (max-width: 892px) 100vw, 892px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine Abw\u00e4rtsspirale<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Eine weitere Schwierigkeit f\u00fcr Obdachlose ist, dass sie oft durch die Sozialnetze fallen, da sie nicht mehr richtig oder gar nicht mehr bei den entsprechenden \u00c4mtern gemeldet sind. Immerhin sind nach \u00a7 1 Zahlungskontengesetz (ZKG) auch Obdachlose seit 2016 gesetzlich berechtigt ein Basiskonto bei jeder Bank er\u00f6ffnen zu d\u00fcrfen, solange eine Anschrift hinterlegt werden kann, diese kann auch einer Beratungsstelle geh\u00f6ren. Damit wurde dem Problem Einhalt geboten, dass Obdachlose aufgrund einer fehlenden Wohnungsanschrift kein Konto er\u00f6ffnen und folglich vom Amt auch keine Sozialleistungen erhalten k\u00f6nnen. Da jedoch der Markt vor allem f\u00fcr g\u00fcnstigen Wohnraum aktuell sehr angespannt ist, finden viele Menschen trotz m\u00f6glicher \u00dcbernahme der Kosten vom Amt keine Unterkunft. <strong>N\u00fcrnberg hat zwar das Modell der Sozialimmobilie<\/strong>, das hei\u00dft, das Sozialamt macht einen Einzelvorschlag und Vermieter*innen, wie z.B. die WBG, bieten dieser Person dann einen fristlosen Mietvertrag an. <strong>Jedoch reicht das Angebot dieser Immobilien nicht f\u00fcr den Bedarf aus und trotz Neubauten sinkt die Zahl der Sozialwohnungen mit fester Mietpreisbindung weiter, da aktuell die F\u00f6rderung f\u00fcr zu viele Wohnungen gleichzeitig ausl\u00e4uft.<\/strong> So verschlimmert sich die Situation f\u00fcr die Wohnungssuchenden immer weiter. Wer nun beispielsweise noch einen Hund hat oder auf Alkohol- oder Drogenkonsum nicht verzichten m\u00f6chte oder kann, der findet auch oftmals in den Notschlafstellen keinen Platz. Es zeigt sich, wie viele unterschiedliche Faktoren das Los der Obdachlosigkeit beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Corona-Krise und ihre \u00fcberraschenden Folgen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Doch dann kam \u201eCorona\u201c. Die Pandemie machte schnelle Ma\u00dfnahmen unumg\u00e4nglich. Somit mussten ab M\u00e4rz die bisherigen Anlaufstellen f\u00fcr Wohnungslose ihren Betrieb stark einschr\u00e4nken oder ganz schlie\u00dfen. <strong>Im Zuge dessen wurden Einrichtungen, die vormals f\u00fcr den Andrang w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingskrise eingerichtet wurden und nun gl\u00fccklicherweise ungenutzt waren, f\u00fcr Obdachlose ge\u00f6ffnet. Das bedeutet einen erheblichen Kosten- und Logistikaufwand f\u00fcr die Stadt N\u00fcrnberg.<\/strong> Da diese Unterk\u00fcnfte nun fest bewohnt werden, um die Verbreitung des Virus nachhaltig zu reduzieren, muss nun auch rund um die Uhr ein Sicherheitsdienst und Hausmeister vor Ort sein. Zudem werden die R\u00e4ume wenn n\u00f6tig zweimal t\u00e4glich gereinigt und eine Grundversorgung \u00fcber einen Cateringservice wurde eingerichtet. \u00dcber 100 Menschen, mehr als erwartet, nutzten das Angebot und konnten so in 1- oder 2-Bett-Zimmern untergebracht werden. \u00dcberraschenderweise stellte sich dies als Gl\u00fccksfall heraus. <strong>Die dauerhafte Unterkunft gab einigen die n\u00f6tige Sicherheit zur\u00fcck, sie begannen, sich und ihre Umgebung besser zu pflegen, f\u00fcr Beratungsangebote offener zu sein oder sich sogar direkt nach einem Job umzusehen.<\/strong> Sogar Haustiere wurden erlaubt, so dass mehr Menschen eine Bleibem\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet werden konnte. Trotz allem gibt es auch die, die sich und ihre Sucht nicht im Griff haben und aufgrund von Regelverst\u00f6\u00dfen ein Hausverbot ausgesprochen bekamen (siehe dazu Stra\u00dfenkreuzer 06\/2020, S.10-19). <strong>Thorsten Bach, Koordinator f\u00fcr Wohnungsfragen und Obdachlosigkeit der Stadt N\u00fcrnberg, sch\u00e4tzte im Telefoninterview am 18.12.2020, dass noch rund 20 bis 50 Personen aktuell auf der Stra\u00dfe leben k\u00f6nnten, darunter auch jene, die das Angebot freiwillig ausgeschlagen haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Und danach?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Doch was passiert nun nach der Krise? <strong>Die dauerhaften Unterk\u00fcnfte wird es wohl in dieser Form nicht mehr geben, da sie zu kostspielig sind.<\/strong> Dennoch wurde deutlich, dass es weit mehr Bedarf an Unterbringungsm\u00f6glichkeiten gibt als bisher gedacht. Deswegen wurde nun laut Protokoll des Sozialausschusses vom 08.10.2020 beschlossen, dass die \u201eDiana-Herberge\u201c im Anschluss als n\u00e4chtliche Notschlafstelle ganzj\u00e4hrig weiter in Betrieb bleiben soll und auch einen Tagesaufenthalt beinhalten wird, damit sich die Personen nicht direkt wieder auf der Stra\u00dfe aufhalten m\u00fcssen. Das klingt zwar nach einem guten Kompromiss, bedeutet aber auch, dass die Schlafr\u00e4ume keine privaten R\u00fcckzugsr\u00e4ume bleiben k\u00f6nnen, sondern jeden Tag aufs Neue bezogen werden m\u00fcssen. <strong>Vermutlich lassen sich so die positiven Effekte, die die festen Unterk\u00fcnfte nun hervorgerufen haben, nicht aufrechterhalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Jacky und Andi waren die Corona-Unterk\u00fcnfte keine Option, da diese nur getrennte Anlaufstellen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen anbieten. Zusammen mit Hund Mutzi konnten sie nur eine Pension beziehen, die sie aber pro Nacht laut eigener Aussage 35\u20ac kostete. Doch dann kam die Wendung. Die N\u00fcrnberger Nachrichten wurden von einer engagierten Dame auf das Paar aufmerksam gemacht und berichteten \u00fcber ihre <a href=\"https:\/\/www.nordbayern.de\/region\/nuernberg\/obdachlose-in-angst-sie-werden-immerwieder-angegriffen-1.10584649\">Geschichte<\/a>. Daraufhin wurden viele auf sie aufmerksam, verloren m\u00f6glicherweise auch die Scheu, sie direkt anzusprechen. Es erreichte sie eine gro\u00dfe Anzahl an Sach- und Geldspenden und gleich mehrere Vermieter*innen boten ihnen eine Wohnung an. Am 01.12. war es dann soweit, gerade noch rechtzeitig zur Weihnachtszeit. Die beiden wurden abgeholt und konnten mit Mutzi zusammen die ersten eigenen vier W\u00e4nde <a href=\"https:\/\/www.nordbayern.de\/region\/nuernberg\/uberwaltigend-obdachlose-aus-nurnberg-%20mit-hund-hat-eine-wohnung-1.10646560\">nach drei Jahren beziehen<\/a>. Was f\u00fcr Jacky das sch\u00f6nste Geschenk daran war? <strong>Nach den kalten Wintern\u00e4chten erst mal drei Stunden in einer warmen Badewanne liegen zu k\u00f6nnen.<\/strong> Das Lager in der Pfarrgasse gibt es jedoch immer noch. Mittlerweile wurde es neu bezogen. F\u00fcr einige wird es auch dieses Jahr ein kaltes Weihnachten werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sicherlich kann man nicht jedem helfen, wenn es jedoch die Situation zul\u00e4sst, dann schaut bitte nicht weg, sprecht die Personen an und bietet Hilfe an. Manchmal reicht ein warmer Kaffee oder das Aufladen des Handys oder der Powerbank aus. Sollte jemand nicht ansprechbar sein, so ruft vor allem in der kalten Jahreszeit auf jeden Fall einen Krankenwagen oder sprecht Polizei oder Sicherheitskr\u00e4fte an.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sch\u00f6ne Feiertage f\u00fcr alle vom Menschenrechtszentrum N\u00fcrnberg!<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Lisa Halbig ist derzeit Praktikantin im N\u00fcrnberger Menschenrechtszentrum (NMRZ). Sie studiert Politikwissenschaft im Master an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t und macht demn\u00e4chst ein Auslandssemester an der Duke University in den USA.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Wie die Corona-Krise auch f\u00fcr gute Nachrichten sorgen kann &#8230; oder? by Lisa Halbig &#8211; Wenn man in der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":722,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[32,40,104,110],"coauthors":[21],"class_list":["post-721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-corona","tag-menschenrecht","tag-nuernberg","tag-obdachlosigkeit","post-archive"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.5 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Obdachlosigkeit in N\u00fcrnberg: Eine kleine Weihnachtsgeschichte - 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