{"id":850,"date":"2021-05-02T10:00:00","date_gmt":"2021-05-02T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=850"},"modified":"2021-05-01T14:34:09","modified_gmt":"2021-05-01T12:34:09","slug":"pressefreiheit-im-subsaharischen-afrika-vom-unterdrueckten-zum-unterdrueckenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/pressefreiheit-im-subsaharischen-afrika-vom-unterdrueckten-zum-unterdrueckenden\/","title":{"rendered":"Pressefreiheit im subsaharischen Afrika \u2013 Vom Unterdr\u00fcckten zum Unterdr\u00fcckenden"},"content":{"rendered":"\n<p>Selten war der Druck auf Journalist:innen so hoch wie heute: Versch\u00e4rft durch die Covid-19-Pandemie, ist die Freiheit der Presse weltweit immer gef\u00e4hrdeter. Laut der Rangliste der Pressefreiheit von <em>Reporter ohne Grenzen<\/em> 2021, wurden noch nie so wenige L\u00e4nder als \u201egut\u201c bewertet wie dieses Jahr. <strong>In knapp 75% aller Staaten werden Print- und Online-Medien politisch <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/pressemitteilungen\/meldung\/journalisten-kaempfen-in-der-pandemie-gegen-neue-und-alte-gefahren\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">eingeschr\u00e4nkt<\/a>. Auch der Rundfunk wird oft zensiert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Besonders afrikanische Journalist:innen s\u00fcdlich der Sahara sind von zunehmender Zensur bedroht. Trotz steigender Diversit\u00e4t des Medienangebots seit den 1990er Jahren, wird die Presse von autorit\u00e4ren Regierungen kontrolliert und zu Propagandazwecken missbraucht. Gem\u00e4\u00df <em>Reporter ohne Grenzen<\/em> gilt vor allem das subsaharische Afrika f\u00fcr Medienschaffende als gef\u00e4hrlich \u2013 obwohl die Medien gerade hier signifikanten Einfluss auf Dekolonisierungsprozesse hatten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reporter ohne Grenzen <\/em>erstellt einmal im Jahr eine Rangliste, die die Pressefreiheit in 180 L\u00e4ndern bewertet. Grundlage des Rankings ist ein Fragebogen, der von Expert:innen auf der ganzen Welt beantwortet wird. Zu kritisieren ist, dass die Ergebnisse der Umfrage nicht auf wissenschaftlichen Kriterien basieren und keine Auskunft \u00fcber die Qualit\u00e4t der Berichterstattungen in den einzelnen L\u00e4ndern geben. Zudem wird der Organisation mangelnde Transparenz bez\u00fcglich der erhaltenen Antworten und ein zu gro\u00dfer Fokus auf westliche Normen vorgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Afrikas Weg in die Freiheit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die subsaharische Presse entwickelte sich w\u00e4hrend der Kolonialzeit. Sie wurde vom Zusammenspiel zwischen den Kolonialm\u00e4chten und der f\u00fcr Freiheit k\u00e4mpfenden Zivilbev\u00f6lkerung beeinflusst. Die Medien wurden nicht nur genutzt, um den Nationalismus voranzutreiben und politisch unabh\u00e4ngig zu werden, sondern auch um die Lebensbedingungen der indigenen Bev\u00f6lkerung zu verbessern. Ab den 1960er Jahren gewannen sowohl die Presse als auch die subsaharischen Staaten an Selbstst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein besonderer Meilenstein in der afrikanischen Geschichte, welcher schlussendlich sogar zur Entstehung des <em>Internationalen Tags der Pressefreiheit<\/em> beitrug, ist die <em>Deklaration von Windhoek. <\/em><\/strong>Zeitgleich mit Namibias Unabh\u00e4ngigkeit Anfang der 1990er Jahre, verst\u00e4rkte sich der Wunsch afrikanischer Medienschaffender nach einer freien und unabh\u00e4ngigen Presse. In Kooperation mit den <em>Vereinten Nationen <\/em>und diversen Nichtregierungsorganisationen, unterzeichneten am 3. Mai 1991 Journalist:innen aus 38 afrikanischen L\u00e4ndern die Deklaration. Diese orientiert sich an Artikel 19 der<em> Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte<\/em> und betont, dass:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u201ethe establishment, maintenance and fostering of an independent, pluralistic and free press is essential to the development and maintenance of democracy in a nation, and for economic development\u201d <\/em><\/p><cite>Deklaration von Windhoek, 1991<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Besondere an der Konferenz war, dass alle Teilnehmer:innen afrikanischer Herkunft waren. Hierdurch standen ausschlie\u00dflich deren Interessen im Mittelpunkt, weshalb sich die Beschl\u00fcsse direkt auf Afrika bezogen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fluch und Segen zugleich<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Doch obwohl, oder gerade weil die Medien eine entscheidende Rolle in der Bek\u00e4mpfung der Kolonialm\u00e4chte gespielt haben, werden sie von den F\u00fchrungen der nun unabh\u00e4ngigen L\u00e4nder als potenzielle Gefahr betrachtet. Da die meisten der heutigen Politiker:innen selbst als Journalist:innen t\u00e4tig waren, kennen sie deren Macht, Regierungen zu hinterfragen und, wenn n\u00f6tig, zu st\u00fcrzen. Dies erkl\u00e4rt, warum unabh\u00e4ngige Berichterstattung als unerw\u00fcnscht gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ihre Machtpositionen zu st\u00e4rken und auszubauen, lassen viele Regierungen keine Kritik an ihrer Politik zu. Im Gegenteil, sie missbrauchen die Medien zu Propagandazwecken. <strong>Obgleich die Freiheit der Presse in fast allen afrikanischen Verfassungen verankert ist, steht Zensur an der Tagesordnung<\/strong>. Eine freie Meinungsbildung der \u00d6ffentlichkeit ist untersagt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sambia wurden beispielsweise nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen im Jahr 2016 mehrere Fernseh- und Radiosender <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/sambia-streit-um-pressefreiheit-eskaliert\/a-19505685\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">geschlossen<\/a>, nachdem die Opposition der Regierung Wahlbetrug vorgeworfen hatte. Der ugandische Pr\u00e4sident Yoweri Museveni, der Journalist:innen als Parasiten beschreibt, f\u00fchrte 2018 eine Social-Media-Steuer <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/internetzensur-in-afrika-gefahr-f%C3%BCr-demokratie-und-wirtschaft\/a-44929296\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ein<\/a>. Nutzer:innen von Apps wie <em>WhatsApp<\/em> oder <em>Facebook<\/em> m\u00fcssen zus\u00e4tzliche Geb\u00fchren an ihre Internetbetreiber bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur die Medien selbst werden zensiert, auch Medienschaffende werden immer wieder unter Druck gesetzt und bedroht. In Kamerun <a href=\"https:\/\/rsf.org\/en\/news\/cameroon-findings-enquiry-journalist-samuel-wazizis-death-detention-must-be-published\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">verstarb<\/a> der regierungskritische Journalist Samuel Wazizi wenige Monate nach seiner Inhaftierung 2019. Die Umst\u00e4nde seines Todes sind ungekl\u00e4rt. Eritrea bildet mit Platz 180 das weltweite Schlusslicht der Rangliste von <em>Reporter ohne Grenzen. <\/em>Unabh\u00e4ngige Berichterstattung wird seit 20 Jahren strikt untersagt. Mindestens elf Journalist:innen gelten als <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/eritrea\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">verschollen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pressefreiheit ist essenziell, um Demokratisierungsprozesse voranzutreiben und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erm\u00f6glichen. <\/strong>Um die Rechte der afrikanischen Bev\u00f6lkerung zu st\u00e4rken, muss die Repression durch autorit\u00e4re Regime enden. <strong>Es ist besch\u00e4mend zu sehen, wie die einstigen Held:innen der Freiheitsbewegungen nun selbst zu machtgierigen Herrscher:innen heranwachsen. <\/strong>Als h\u00e4tten sie aus ihrer eigenen Geschichte nichts gelernt, wurden sie selbst zu Unterdr\u00fccker:innen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Silence.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-852\" width=\"524\" height=\"393\" srcset=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Silence.png 640w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Silence-300x225.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Pressefreiheit als Menschenrecht<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz w\u00e4re es \u00fcbertrieben zu sagen, dass die Medien aller subsaharischen L\u00e4nder zensiert werden. Im Gegenteil, Staaten wie Kap Verde, Ghana, S\u00fcdafrika und Burkina Faso zeigen, dass es auch anders geht. Auch Namibia, das mit Platz 24 der Rangliste die gr\u00f6\u00dfte Pressefreiheit Afrikas genie\u00dft, ist von einer pluralistischen Medienlandschaft gepr\u00e4gt. Dabei genie\u00dfen die Journalist:innen dort mehr Freiheiten als in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Spanien, Gro\u00dfbritannien oder Frankreich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissen und Meinungsfreiheit sind der Schl\u00fcssel zu Ver\u00e4nderung.<\/strong> Solange afrikanische Medien nicht unabh\u00e4ngig berichten k\u00f6nnen, werden die Rechte der betroffenen Menschen weiterhin eingeschr\u00e4nkt. Pressefreiheit ist ein Menschenrecht, das unabdingbar f\u00fcr die Befreiung Afrikas ist \u2013 von den Kolonialm\u00e4chten als auch von autorit\u00e4ren Regimen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Saskia Bleher ist hauptberuflich in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit t\u00e4tig. Sie studierte internationale Kommunikation in Schweden und internationale Beziehungen in S\u00fcdafrika. Ihre Themenschwerpunkte sind das subsaharische Afrika, Kinderrechte und Rechtspopulismus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten war der Druck auf Journalist:innen so hoch wie heute: Versch\u00e4rft durch die Covid-19-Pandemie, ist die Freiheit der Presse weltweit&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":851,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[143,91,125],"coauthors":[144],"class_list":["post-850","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-afrika","tag-menschenrechte","tag-pressefreiheit","post-archive"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.5 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Pressefreiheit im subsaharischen Afrika \u2013 Vom Unterdr\u00fcckten zum Unterdr\u00fcckenden - Menschenrechte - der Blog.<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/pressefreiheit-im-subsaharischen-afrika-vom-unterdrueckten-zum-unterdrueckenden\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pressefreiheit im subsaharischen Afrika \u2013 Vom Unterdr\u00fcckten zum Unterdr\u00fcckenden - 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