{"id":917,"date":"2021-07-16T10:00:00","date_gmt":"2021-07-16T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/?p=917"},"modified":"2022-06-27T15:41:33","modified_gmt":"2022-06-27T13:41:33","slug":"the-reports-of-free-speechs-death-are-greatly-exaggerated-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/the-reports-of-free-speechs-death-are-greatly-exaggerated-2\/","title":{"rendered":"\u201eThe reports of free speech\u2019s death are greatly exaggerated.\u201c* (Teil 2 von 2)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein kritischer Blick auf beide Seiten der Cancel Culture (Teil 2 von 2)<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was spricht gegen <em>Cancel Culture<\/em>?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Angst ist hier, dass einfache Meinungen, die vom Mainstream abweichen, bereits auf sozialen Medien nicht mehr erlaubt sind. Hier geht es nicht um strafrechtlich verfolgbare Aussagen, wie Hetzrede, sondern Meinungen wie \u201eDonald Trump war ein guter Pr\u00e4sident.\u201c Diese Person liegt zwar falsch, jedoch hat sie das Recht dazu falsch zu liegen und sollte es auch haben. Teilt ein naher Verwandter solche Aussagen auf sozialen Medien, dann kann man dies gr\u00f6\u00dftenteils noch ignorieren. Wenn jedoch aufgrund dessen Meinungen oder Aussagen generell den Kontakt zu ihm vermieden wird, sp\u00fcrt er direkte Konsequenzen davon, seine Meinung ausgedr\u00fcckt zu haben. Das f\u00fchrt dann dazu, dass viele sich f\u00fchlen, als w\u00fcrde ihre Meinungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt werden. Aus einer rein gesetzlichen Sicht stimmt das nicht, denn Menschen k\u00f6nnen genauso sagen, was sie ohnehin sagen wollen, solange sie sich im gesetzlichen Rahmen befinden. Wenn sie jedoch wissen, dass sie enorme <em>soziale<\/em> Konsequenzen als Resultat ihrer Aussagen versp\u00fcren k\u00f6nnen, herrscht eine Art implizite Zensur vor.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Personen der \u00d6ffentlichkeit gilt dies entsprechend deutlich st\u00e4rker. Je nach Menge ihrer Follower st\u00f6\u00dft ihre Meinung auf eine Vielzahl von Ohren. Hier ist es deutlich leichter jemanden mit der eigenen Meinung zu verletzen oder zu ver\u00e4rgern. Entscheiden sich die Follower dann, dass die jeweilige Meinung nicht vertretbar ist, kommt <em>Cancel Culture<\/em> ins Spiel. Gerade sogenannte <em>Content Creator<\/em> m\u00fcssen dann besonders darauf aufpassen nur Aussagen zu treffen, die niemandem aufsto\u00dfen k\u00f6nnten. Auch hier ist die Angst da, dass man sich f\u00fcr soziale Medien verstellen muss, also die eigene Meinung nicht preisgeben darf. Die Meinungsfreiheit wird also dadurch eingeschr\u00e4nkt, dass nicht klar ist, was die Konsequenzen des freien Ausdruckes w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies f\u00fchrt zu einer Einschr\u00e4nkung der Meinungsvielfalt. Wenn es einen festen Satz an Meinungen gibt, die \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert werden d\u00fcrfen, dann gibt es auch keinen Diskurs mehr. Denn \u00fcber was soll diskutiert werden, wenn die andere Seite kategorisch nicht zum Gespr\u00e4ch eingeladen wird? Es liegt die Angst vor einer Meinungsdiktatur vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres, starkes Argument gegen das <em>Canceln<\/em> ist, dass der Prozess nicht zu Ende gedacht wird. Es sei nat\u00fcrlich jedem freigestellt zu <em>canceln<\/em>, denn der gesamte Prozess l\u00e4uft in einem legalen Rahmen ab. Eine Seite sagt etwas \u201eunmoralisches\u201c, jedoch legales. Die andere Seite verlangt den Ausschluss dieser Person aus der Debatte, was ebenfalls erlaubt ist. Doch der gesamte Prozess kann das Gegenteil von dem bewirken, was gerne erreicht werden w\u00fcrde. Ein gerne verwendetes Argument f\u00fcr das <em>Canceln<\/em> ist, dass niemand tats\u00e4chlich <em>gecancelt<\/em> werde, denn Lisa Eckhart, Dieter Nuhr, J.K. Rowling und andere haben nun noch mehr Aufmerksamkeit als zuvor. Dieses Argument hat jedoch einige Probleme. Zun\u00e4chst einmal: Doch, manche wurden tats\u00e4chlich <em>gecancelt<\/em>. Der Politikanalyst David Shor beispielsweise teilte eine Studie, in der die Proteste, die der Ermordung Martin Luther Kings folgten auf die <em>BlackLivesMatter<\/em>-Proteste von 2020 \u00fcbertragen wurden. Diese k\u00f6nnten dazu gef\u00fchrt haben, dass Richard Nixon die Pr\u00e4sidentschaft von 1968 gewann, weil mehr Leute als Reaktion auf zivilrechtliche Proteste in das rechtere Lager rutschten. Dementsprechend wurde gewarnt, dass die Proteste von 2020 ebenfalls Trump zugutekommen konnten. Dies wurde auf Twitter so interpretiert, dass er sich gegen die Proteste ausdr\u00fccke. Als Folge einer &#8222;<em>Cancel<\/em>-Kampagne&#8220; auf Twitter wurde er gefeuert. Die zitierte Studie stammt eigentlich von einem schwarzen Amerikaner. Hier ist die jeweilige Definition von <em>Cancel Culture<\/em> wichtig: Wird <em>Canceln<\/em> als <em>Ausl\u00f6schen<\/em> verstanden, dann war dies nicht der Fall, denn er wurde \u2013 genau wie jede andere Person, die von <em>Cancel Culture<\/em> betroffen war \u2013 nicht endg\u00fcltig ausgel\u00f6scht, was auch immer das genau hei\u00dfen soll. Er hat jedoch seinen Job verloren. Mit der Definition <em>Unterst\u00fctzung entziehen<\/em> wurde er <em>gecancelt<\/em>, denn er hat tats\u00e4chlich Unterst\u00fctzung von seinem Arbeitgeber verloren und f\u00fcr seinen freien Ausdruck zivile Konsequenzen erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Problem an der Aussage \u201eniemand w\u00e4re je <em>gecancelt<\/em> worden\u201c ist, dass beim Gro\u00dfmachen von \u201eskandal\u00f6sen Bemerkungen\u201c mancher Menschen auf sozialen Medien nat\u00fcrlich zu erwarten ist, dass sie anschlie\u00dfend genau in den sozialen Medien Platz finden. Nichts anderes geschieht, wenn \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf eine Person gezogen wird. Genau diese \u201egro\u00dfen\u201c F\u00e4lle des <em>Cancelns<\/em> werden dann als Paradebeispiele angef\u00fchrt. Es wird also enorme negative Aufmerksamkeit auf eine Person gezogen und anschlie\u00dfend argumentiert, dass diese Person keinen Schaden erlitten hat, denn sie w\u00e4re nicht verschwunden, sondern nun st\u00e4rker im Rampenlicht als noch zuvor. Die Person, deren Meinung eigentlich h\u00e4tte klein gehalten werden sollen, findet nun Zustimmung bei jenen die gegen das <em>Canceln<\/em> sind.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-918\" width=\"303\" height=\"411\" srcset=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/grafik.png 456w, https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/grafik-221x300.png 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 303px) 100vw, 303px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt zus\u00e4tzlich zu einer Spaltung der Lager. Lisa Eckhart wurde dank Judenwitzen ausgeladen, die der linken Seite des \u00f6ffentlichen Diskurses aufstie\u00dfen. Die anschlie\u00dfende Debatte um <em>Cancel Culture<\/em> fand entsprechend Anklang bei der rechten Seite. So hat die AfD Hessen Solidarit\u00e4t mit Lisa Eckhart in Form eines Plakates gezeigt. Eckhart wiederum hat daf\u00fcr rechtliche Schritte gegen die Partei angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine tats\u00e4chliche \u00c4nderung wird also durch <em>Canceln<\/em> auch nicht erzielt, denn der Versuch manche Meinungen aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs zu vertreiben wird die eigentliche Meinung bei den Leuten nicht vertrieben. Sie ist dann nur nicht mehr Teil des Diskurses. Wenn eine Person nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit sagen darf was sie will, dann sagt sie dies eben im privaten Bereich, wo sie Anklang findet. So erzeugt eine Seite eine eigene Echokammer und schiebt die andere Seite ebenfalls in eine. Gesellschaftlicher Fortschritt entstand noch nie durch den Ausschluss mancher, sondern durch den Einschluss vieler. Das geschieht nur, wenn wir dem demokratischen Prozess vertrauen und uns mit Meinungen konfrontieren, die f\u00fcr uns unliebsam sind. Andere Menschen haben andere Meinungen und unsere \u00f6ffentliche Debatte und die Politik spiegeln das wider. Versuchen wir einander die Chance darauf zu nehmen unsere tats\u00e4chliche Meinung auszudr\u00fccken, dann verhindern wir nicht das Ausbreiten von extremerem Gedankengut, sondern f\u00f6rdern dies vielleicht sogar. Eine Partei wie die AfD profitiert vom Ausschluss der Menschen, die allgemein akzeptierten Themen kritisch gegen\u00fcberstehen. Denn diese Menschen wiederum suchen sich Gleichgesinnte, die sie wiederum akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Kritik ist hier angebracht?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Lager spalten sich zwar, aber bei einem strikten Blick auf die Meinungen sind diese ohnehin gespalten. Es entstehen keine neuen Lager, sie verfestigen sich lediglich. Kaum jemand befindet sich in einer echten Echokammer, in der lediglich die eigene Meinung auftaucht. Bei Vertrauen auf die Selbstverantwortung von Individuen bez\u00fcglich Bildung und der Aufnahme neuer Eindr\u00fccke wirkt auch eine dauerhafte Verfestigung in diese Lager unrealistisch. Teil des demokratischen Prozesses ist der Diskurs auf politischer Ebene und dieser wird wahrscheinlich auch nicht verschwinden k\u00f6nnen, zumindest mit Blick auf Deutschland. Hier sind Koalitionen die Norm und es w\u00e4re \u00fcberraschend, wenn eine Alleinregierung entst\u00fcnde. Die verschiedenen Parteien sind also dazu gezwungen zusammenzuarbeiten. In den USA beispielsweise sieht das anders aus: Hier entstand der Begriff <em>Cancel Culture<\/em> und hier ist eine Spaltung der \u00d6ffentlichkeit nicht nur realistisch, sondern wird durch das politische System deutlich unterst\u00fctzt. Drittparteien sind hier irrelevant, die W\u00e4hler ordnen sich entweder Demokraten oder Republikanern zu. Die Mitte verschwindet hier mit Trends, welche Einzelne dazu zwingen Partei zu ergreifen. <em>Cancel Culture<\/em> ist aber in diesem Sinne eben auch nur ein weiterer solcher Trend. Sie stellt dort eher ein weiteres Symptom einer bestehenden Spaltung dar, bei der wir in Deutschland noch nicht angekommen sind. Diese Spaltung wird vermutlich nicht durch die <em>Cancel Culture<\/em> geschehen, sondern sich unteranderem in dieser manifestieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Meinungsfreiheit wird in einem zivilen Kontext eingeschr\u00e4nkt, das stimmt. Diese zivile Einschr\u00e4nkung ist jedoch noch immer keine Zensur. Es kann sich weniger ungest\u00f6rt ausgedr\u00fcckt werden, was auch etwas Gutes bedeuten kann. <em>Cancel Culture<\/em> ist essenziell nichts anderes als <em>Public Shaming<\/em>, welches selbst zum Ziel hat Menschen eines \u201eBesseren\u201c zu belehren. Wenn die eigene Meinung also auf enorme Gegenwehr st\u00f6\u00dft, dann muss das nicht notwendigerweise dazu f\u00fchren, dass sich das eigene Gedankengut st\u00e4rker manifestiert, weil die \u00dcberzeugung durch diese Gegenwehr noch st\u00e4rker wird, sondern es kann auch einen \u201elehrenden\u201c Effekt der Selbstreflexion erzeugen. <em>Canceln<\/em> ist jedoch kein eleganter Weg daf\u00fcr, dies bei einer anderen Person zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunstfreiheit kann jedoch in der Tat extremere Meinungen sch\u00fctzen. Ein Blick in die USA verweist hier unter anderem auf den FOX-Moderator Tucker Carlson und den Infowars-Host Alex Jones. Beide wurden aufgrund problematischer Aussagen in der Vergangenheit bereits verklagt. Alex Jones hat beispielsweise behauptet, das Sandy Hook Massaker in den USA w\u00e4re eine Verschw\u00f6rung der US-Regierung gewesen. Vor Gericht war sowohl Carlsons als auch Jones\u2018 Verteidigung, sie w\u00fcrden lediglich Kunstfiguren spielen, die nicht ihre echte Meinung ausdr\u00fccken, demnach k\u00f6nnen sie nicht gerichtlich belangt werden. In Carlsons Fall zeigte sich dies erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freiheit dazu sich auszudr\u00fccken ist also insgesamt betrachtet nicht eingeschr\u00e4nkt. Diejenigen, die sich als Opfer des <em>Cancelns<\/em> betrachten, scheinen bewusst etwas viel L\u00e4rm um die Problematik zu machen, denn der Ausschluss aus einer Debatte f\u00fchlt sich f\u00fcr niemanden gut an, egal wie weit seine Meinungen vom allgemein Akzeptierten abweichen. Aber genau das ist, was die marginalisierten Gruppen f\u00fcr sich jetzt bereits erkennen. <em>Canceln<\/em> stellt also eine M\u00f6glichkeit genau dieser Gruppe dar, der dominanten Seite in der Debattenkultur den Spiegel vorzuhalten und genau dies aufzuzeigen: Ein Ausschluss aus der Debatte f\u00fchlt sich nicht gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>*<em>Der <em>Titel dieses Blogposts ist eine Referenz zu einem Zitat von Mark Twain (eigentlich \u201eThe report of my death was an exaggeration\u201c), welcher genau wie die Meinungsfreiheit fr\u00fchzeitig f\u00fcr tot erkl\u00e4rt wurde.<\/em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Teil des Artikels geht es <a href=\"https:\/\/www.menschenrechte.org\/blog\/the-reports-of-free-speechs-death-are-greatly-exaggerated\/\">hier entlang<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kritischer Blick auf beide Seiten der Cancel Culture (Teil 2 von 2) Was spricht gegen Cancel Culture? 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