Ideologie statt Wissenschaft in „Ideologie statt Biologie im ÖRR“ (Teil II)

Am 1. Juni 2022 wurde auf der Website www.evaengelken.de ein fünfzigseitiges Dossier mit dem Titel „Ideologie statt Biologie im ÖRR“ veröffentlicht. In Teil I dieses Blogartikels bin ich auf die Menge an Fehlern des Dossiers eingegangen, derentwegen es eindeutig nicht als „wissenschaftlich“ einzustufen ist. In Teil II geht es mir nun besonders um zwei Themen, bei denen die Autor*innen es nicht geschafft haben ein logisches Argument aufzubauen: die Transgender-Debatte und die Debatte um Blutspenden bei Homosexuellen.

Biologisches versus Soziales Geschlecht

Der erste Fehler, den die Autor*innen machen, ist zu glauben, sie können über grundlegende Biologie die gesamte Transdebatte verstehen und widerlegen. Sie stolpern über mehrere Quellen, die versuchen ihnen klarzumachen, dass es ein soziales Geschlecht gibt. Im Englischen gibt es bereits eine passende Unterscheidung: „Sex“ und „Gender“. Im Deutschen wird noch immer für beide Worte der Begriff „Geschlecht“ verwendet. Wir unterscheiden nur nach „soziologischem“ und „biologischem“. Das sorgt bei manchen Menschen, wie etwa den Autor*innen des Dossiers, für Verwirrung. Sie selbst stellen fest, „dass lediglich fünf bis 13 Prozent sogenannter Transfrauen eine Genital-OP durchführen lassen“ (S. 9). Sie hinterfragen untereinander jedoch nicht, ob das daran liegen kann, dass nicht nur der Körper eine Rolle für Transgender-Menschen spielt. Seltsam ist, dass hier wieder nur eine einzige Perspektive eine Rolle spielt, während die kommentierten Beiträge im Dossier aufgrund ihrer vermeintlich unkritischen Perspektiven als Propaganda abgestempelt werden. Was die Autor*innen über fünfzig Seiten abgeliefert haben, kann jedoch keinesfalls selbst Propaganda sein, nicht wahr?

Kann denn gesellschaftlich bei Geschlechtern wirklich eine klare, logische Trennung erfolgen? Ich würde argumentieren, dass wir alle, gewisse Aspekte unserer Gesellschaft als „männlicher“ oder „weiblicher“ ansehen (zum Beispiel Stricken, was als klassisch „weiblich“ gilt). Der Komparativ impliziert ein Spektrum, auf welchem sich alle Menschen befinden. Ein biologischer Mann könnte alle Eigenschaften erfüllen, die als „männlicher“ erachtet werden, während ein anderer biologischer Mann bestimmte Hobbys, Wertvorstellungen, Karrierewünsche etc. besitzt, die als „weiblicher“ gelten. Nun kann sich für diesen Mann daraus die Konsequenz ergeben, dass er sich eher als Frau identifiziert. Ein biologischer Mann sieht sich demnach soziologisch als Frau. Ein Dossier über 50 Seiten, bei dem jede Erwähnung von Geschlechterrollen, Gender und einer uneindeutigen Zuordnung zu einem der beiden biologischen Geschlechtern weggeredet wird, ignoriert also einen wichtigen Teil der Thematik. Die vielen Quellen die die Autor*innen angesehen, gelesen oder angehört haben, machen den soziologischen Blickwinkel im Regelfall eindeutig klar. Es ist demnach unverständlich, wie die Soziologie hier keinerlei Behandlung findet.

Die Autor*innen stellen den biologischen Aspekt breit dar. An dieser Stelle werde ich nicht versuchen, die gesamte Spannweite an biologischen Faktoren zur Bildung des biologischen Geschlechts zu verstehen, um die biologischen Aussagen des Dossiers zu hinterfragen. Qualifiziertere Menschen als meine Wenigkeit werden das sicherlich übernehmen. Die Autor*innen halten fest, dass Menschen entweder Eizellen oder Spermien produzieren, wodurch das (biologische) Geschlecht definiert wird. Am stärksten stören sie sich an der Aussage, dass das biologische Geschlecht ein Spektrum darstellen soll. Als Antwort auf den Beitrag schreiben die Autor*innen: „Das ist falsch. Es gibt kein Geschlechterspektrum, denn Varianten der Geschlechtsentwicklung können diagnostiziert und voneinander unterschieden werden“ (S. 27). Was hier fehlt: Eine Auseinandersetzung mit diesem Konzept aus der eigentlichen Quelle. Quarks denkt sich das nicht einfach aus. In ihrem Beitrag verlinken sie unter anderem auf den Artikel „Sex redefined“. Hier wird wiederum auf weitere Quellen verlinkt. Warum die Autor*innen nicht breiter erklären, wie andere Biolog*innen zu einer solchen Behauptung kommen, sodass sie diese daraufhin mit ihrem Blickwinkel „widerlegen“ können, ist unklar. Das wäre die eine Gelegenheit gewesen, tatsächlich ein kohärentes Argument aufzubauen. Die Autor*innen schaffen aber auch das nicht. Sollten die Autor*innen jedoch klar das Konzept eines biologischen Geschlechterspektrums widerlegen, so haben sie noch immer den soziologischen Aspekt nicht einmal angekratzt.

Aus dem vorherigen Absatz wird klar, dass unter Biolog*innen Uneinigkeit herrscht. Das ist normal in jeder Wissenschaft. Anderen Wissenschaftler*innen aus dem gleichen Fachgebiet Propaganda und Falschinformation vorzuwerfen, wenn diese auf wissenschaftlicher Basis aufbauend argumentieren, ist selbst unwissenschaftlich und höchst fragwürdig. Aufgrund eines fehlenden Verständnisses für eine fremde Wissenschaft diese als Propaganda abzustempeln ist noch deutlich unwissenschaftlicher. Daraufhin ein fünfzigseitiges Dossier zu schreiben ist absolut unverständlich. Dieses unter dem Vorwand der Wissenschaft zu veröffentlichen ist geradewegs peinlich.

Man kann jedes Argument plausibel machen, wenn man sich die Fakten einfach ausdenkt

Es soll an dieser Stelle noch ein Thema angesprochen werden, welches im Dossier nur am Rande Erwähnung findet, sich jedoch durch eine sehr einzigartig eigenartige Argumentation auszeichnet. Die Autor*innen fragen sich: „Ist es diskriminierend, wenn Homo- oder Transsexuelle bei Blutspenden zurückgestellt werden?“ (S. 40) Eine aufmerksame Leser*in wird schnell merken, dass die Frage Transmenschen erwähnt. Die Antwort hingegen beinhaltet nur einmal ein Wort mit „Trans“, nämlich „Transfusionsempfänger“. Es werden demnach Transmenschen entweder implizit mit der gegebenen Antwort abgestempelt (was nicht sein kann, weil sich explizit auf schwule Männer bezogen wird) oder die Autor*innen haben vergessen ihre eigene Frage zu lesen.

Bei der gegebenen Antwort beziehen sich die Autor*innen auf ein Beratungsergebnis des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, des Robert Koch-Instituts, des Paul-Ehrlich-Instituts und des Bundesministeriums für Gesundheit mit dem Titel „Blutspende von Personen mit sexuellem Risikoverhalten – Darstellung des aktuellen Standes der medizinischen Wissenschaft“. Hier wird erklärt, welche Menschen ein „sexuelles Risikoverhalten“ vorweisen und warum empfohlen wird, diese für einen bestimmten Zeitraum von Blutspenden auszuschließen. Aus dem Bericht ziehen die Autor*innen die folgenden Ergebnisse:

„1. Tests reichen zur Sicherung des Blutes für Transfusionen nicht aus, da diese nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters hinreichend aussagekräftig sind.

2. Daher ist es notwendig, Menschen mit sexuellem Risikoverhalten für eine bestimmte Zeit vom Blutspenden zurückzustellen.

3. Männer, die mit Männern Sex haben, haben ein 100 (hundert!) mal höheres Risiko sich mit HIV anzustecken als heterosexuelle Männer (der Unterschied ist noch höher zu heterosexuellen Frauen, und mit anderen Geschlechtskrankheiten ist es ähnlich).

4. Homosexuelle Männer füllen die Formulare, in denen das Risikoverhalten abgefragt wird, häufiger unwahrhaftig aus als Vergleichsgruppen.“ (S. 40)

Die ersten drei Ergebnisse entsprechen dem Bericht. Das vierte Ergebnis habe ich jedoch nicht im Bericht finden können. Dieser beinhaltet eine Studie über Compliance beim Ausfüllen der persönlichen Angaben. Demzufolge findet der Bericht zwischen Männern und Frauen keinen Unterschied bei der Nichtbeantwortung von Fragen zu sexuellen Risikoexpositionen. In einem Zwischenfazit wird klargestellt, dass 2,6 Prozent der heterosexuellen Menschen bestimmte Angaben nicht machten, die sie von einer Spende ausgeschlossen hätten, während das bei 0,9 Prozent von homosexuellen Männern zutrifft. Wie die Autor*innen das vierte Ergebnis erreichen, ist mir unklar. Es kann natürlich sein, dass ich die korrekte Stelle im Bericht nicht gefunden habe. Es wäre die Aufgabe der Autor*innen gewesen, auf präzise Seiten zu verweisen, sodass ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar sind. Es handelt sich jedoch, wie bisher gezeigt, nicht um eine wissenschaftliche oder auch nur ernstzunehmende Arbeit.

Anschließend nutzen die Autor*innen die vier Ergebnisse, um daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Zunächst werfen sie dem besagten Bericht jedoch vor, dass er aufgrund von politischer Korrektheit nicht die Schlüsse gezogen hat, die von den Autor*innen gezogen wurden (vgl. S. 40). Die Autor*innen glauben hier anscheinend eine Lücke in der Logik des Berichts gefunden zu haben: Die Position des Berichtes ist, „dass innerhalb einer wechselseitig monogamen/sexuell exklusiven Partnerschaft nicht von einem sexuellen Risikoverhalten auszugehen ist“ (s. o.). Die Autor*innen betonen jedoch, dass lediglich das Wort der blutspendenden Person vorhanden ist, welche aber lügen könne. Zusätzlich erwähnen die Autor*innen, dass, selbst wenn die spendende Person die Wahrheit sagt, der Partner noch immer fremdgehen könne, was die Person dann nicht wisse. Das ist nach den Autor*innen nur für homosexuelle Paare relevant, nicht für heterosexuelle. Bekanntlich lügen heterosexuelle Menschen nicht und gehen auch nicht fremd… Die Autor*innen basieren diese Aussage auf ihrem vierten Ergebnis, das nicht auf Fakten aufbaut. Lediglich 0,9 Prozent der blutspendenden Schwulen treffen Falschaussagen, die sie disqualifizieren würden. Hätten die Autor*innen also Zahlen genannt, hätten sie klargemacht, wie absurd ihre Schlussfolgerung ist. Warum nur schwule Partner fremdgehen, während heterosexuelle Partner das nicht tun, versuchen die Autor*innen wie folgt zu erklären.

Sie unterstreichen ihre Meinung mit der Aussage, homosexuelle Männer wiesen eine „um Größenordnungen höheren Promiskuität [auf] (welche ja ein wesentlicher Teil der Erklärung für das 100fach größere Ansteckungsrisiko unter Punkt 3 ist)“ (s. o.). Bedeutet das, dass schwule Männer, die mit wechselnden Partnern Sex haben, im Schnitt mehr Partner als heterosexuelle Männer hätten? Bedeutet das, dass alle Schwulen, also auch solche, die in einer monogamen Beziehung leben, gerne Sex mit mehr Männern hätten? Die erste Aussage wäre für monogame Beziehungen irrelevant und die zweite wäre verallgemeinernd, wenn nicht gerade zu homophob. Die Erwähnung, dass ein blutspendender Schwuler nicht wisse, ob sein Partner ihn betrügt, hat keinerlei Bezug zum Rest des Gesagten oder zur Wirklichkeit. Die Autor*innen bieten auch hier wieder keine Quelle für ihre Aussagen, weshalb ihre „statistische Analyse“ über die Promiskuität von Schwulen nicht nachvollziehbar ist.

Dazu kommt der Teilsatz, den die Autor*innen in einer Klammer verstecken. So sei die unbewiesene höhere Promiskuität der Grund dafür, dass sich Schwule eher mit Krankheiten anstecken. Ich würde gerne die Studien sehen, die die Autor*innen gelesen haben, um zu diesem Schluss zu gelangen. Die Autor*innen behalten diese Studien leider für sich, da sie wahrscheinlich nicht existieren. Die für mich logischere Schlussfolgerung ist die folgende: Beim Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern kann man sich im schlimmsten Fall mit einer Krankheit infizieren. Nehmen beide Männer an, sie wären gesund (oder behaupten es), so liegt es nahe, dass sie kein Kondom nutzen (ich sage hier nicht, dass man aus dem Grund keines nutzen sollte). Bei Heteropaaren macht es neben gesundheitlichen Bedenken Sinn ein Kondom zu benutzen, da neben einer Infektion auch eine Schwangerschaft als typische Folge von Geschlechtsverkehr eintreten kann. Ob heterosexuelle Paare häufiger Kondome nutzen, weiß ich nicht, jedoch weiß ich das wohl so sehr wie die Autor*innen über die Promiskuität von verschiedenen sexuellen Orientierungen Bescheid wissen.

Wissenschaft? Eher rechte Propaganda

Falls das nicht bereits eindeutig klar ist, sage ich hier: Ich schreibe hier keine wissenschaftliche Arbeit. Ich bin ehrlich darüber, während im Dossier diese Anmerkung fehlt. Und ich habe aktiv danach gesucht. Eine einfache Verteidigung der Autor*innen wäre an dieser Stelle, dass sie selbst nie behaupten wissenschaftlich zu arbeiten. Doch die Autor*innen berufen sich auf fast jeder Seite des Dossiers darauf, Wissenschaftler*innen zu sein. Ein Twitter-Thread des Accounts @ClaasGefroi zeigt etwa, dass die meisten der Autor*innen mit der Thematik Transgender nichts zu tun haben. Das sind nämlich Menschen, die selbst zu irgendeinem Zeitpunkt studiert haben und jetzt glauben, ihre Meinung habe mehr Wert. Beispielhaft ist Rieke Hümpel (deren Berufsbezeichnung sich innerhalb des Dossiers mehrfach ändert), welche eine Vielzahl der Kommentare verfasst hat und beruflich WELT-Artikel schreibt, in welchen sie erklärt, Gendern mache ihr Angst.

Hochgeladen wurde das Dossier auf der Website einer Frau namens Eva Engelken. Sie ist Mitglied der Grünen, muss jedoch in mehreren Absätzen ihre geistige Nähe zur AfD abstreiten. Das kennen wir doch alle. Wir werden jeden Tag gefragt, ob wir nicht in der AfD wären, nachdem wir völlig akzeptable Meinungen öffentlich vertreten… Ein Blick in die Kommentare unter dem Dossier wirft jedoch nur weitere Fragen auf. Der oberste Kommentar beispielsweise sieht wie folgt aus:

Top-Kommentar unter dem Dossier

Also sehen die Leser*innen das Dossier als wissenschaftlich an? Kein Wunder, wenn mit nichts als dem Wort „Wissenschaftler“ propagiert wird. Es wäre die Aufgabe der Seiteninhaberin hier klarzustellen, dass das Dossier nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen veröffentlicht wurde, keinen Bezug zu einem wissenschaftlichen Journal hat, keinen Bezug zu einer Universität hat, nicht peer-reviewt wurde und am wichtigsten: nicht wissenschaftlich ist.

An dieser Stelle soll noch ein weiterer Kommentar Erwähnung finden:

Kommentar von HerrPaul unter dem Dossier

Hier wird unverständlicherweise die Soziologie kritisiert, nachdem das Dossier diese gänzlich ignoriert hat. Hat HerrPaul wohl das Dossier gar nicht gelesen? Wichtiger jedoch: Es wird von einem Reinigungsprozess an den Universitäten gesprochen. Warum Frau Engelke diesen Kommentar nicht sofort gelöscht hat, ist mir völlig unverständlich. Sie schreibt in ihrem Profil selbst, die Grünen seien nicht mehr ihre Partei. Hier stimme ich ihr ausdrücklich zu. Die Grünen würden einen Kommentar wie von HerrPaul wohl keine Minute online oder unkommentiert lassen, geschweige denn länger als eine Woche (das Kommentar ist zum 25.06.2022 noch immer online). Das Wort Reinigung im politischen Kontext würde bei jeder Person außerhalb des stark rechten Milieus sofort Alarm schlagen. Warum also nicht bei dieser vermeintlich AfD-fernen Bloginhaberin? Zu diesem Zeitpunkt existieren weniger als fünfzig Kommentare und Frau Engelke antwortet fleißig. Sie kann den Kommentar also nicht übersehen haben.

Letztendlich bleiben die Autor*innen den Leser*innen noch immer eine Erklärung schuldig: Was ist die woke-ideologische Transgender-Propaganda? Was sind diese undefinierten politischen Ziele? Wollen etwa Transmenschen die Welt übernehmen oder lediglich die exakt selbe Behandlung wie andere Menschen des Geschlechts als welches sie sich identifizieren? Die wichtigste Frage bleibt jedoch: Warum würde jemand unter dem Vorwand der Wissenschaft ein Dossier veröffentlichen, welches die behandelte Kernthematik nicht ausreichend versteht, strukturell voller Probleme steckt, Quellen nicht korrekt behandelt oder gar nicht erst zitiert, keinerlei eigene Aussagen hinterfragt, inhaltlich hauptsächlich auf Emotionen aufbaut, oftmals logische Fehlschlüsse zieht und über die behandelte Materie lügt? Die Antworten sind hier wohl tatsächlich Ideologie und Propaganda.

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