Nürnberg: Stationen einer Stadt

Das Nürnberger Reichsparteitagsgelände ist als Sinnbild der grausamen Geschichte der Stadt bestens bekannt. Doch auch darüber hinaus gibt es einige Orte, die Trauer und Wut auslösen. Ein (unvollständiger) Stadtrundgang.

Nürnberger Gesetze

Unser Spaziergang beginnt ganz in der Nähe des Nürnberger Bahnhofs, am Frauentorgraben, dem ehemaligen Gebäude des Nürnberger Industrie- und Kulturvereins. Wo heute eine Krankenkasse beheimatet ist, wurden im Jahr 1935 die sogenannten Nürnberger Gesetze beschlossen. Als Ausdruck der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialist:innen entrechteten die Gesetze jüdische Menschen, aber auch Sinti und Sinteze, Roma und Romnja. Beziehungen zwischen vermeintlich Unzugehörigen und Zugehörigen des Volkes wurden zum „Schutz des deutschen Blutes“ unter Strafe gestellt. Ab sofort entschieden die von den Nazis ersonnenen „Rassekategorien“, wer als Mensch galt und wer nicht. Damit dienten die Gesetze der Vorbereitung der millionenfachen Ermordung von Menschen, die zu Minderwertigen erklärt wurden. Nur wenige Meter vom ehemaligen Kulturverein entfernt stoßen wir an der Ecke Frauentorgraben/Färbertor auf ein Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Sinteze sowie Roma und Romnja.

NSU-Ermittlungen

Von dort aus gehen wir weiter in Richtung Jakobsplatz und treten von der Vergangenheit ein Stück weiter in die Gegenwart. Am Polizeipräsidium Mittelfranken waren die Sonderkommissionen zur Ermittlung der grausamen Mordfälle angesiedelt, die schließlich nach seiner Selbstenttarnung dem sogenannten NSU zugerechnet werden konnten. Die Familien der Ermordeten und zahlreiche Initiativen kritisieren, dass im Verlauf der Mordserie immer wieder die Familien selbst und ihr Umfeld beschuldigt wurden. In Verhören wurden Angehörigen Lügen aufgetischt, um sie zu ‘Geständnissen’ zu bewegen. Zeitungen titelten von „Döner-Morden“. Die Familien wurden ihrer Lebensgrundlagen beraubt und ausgegrenzt. Bis heute fordern sie eine lückenlose Aufklärung der Mordserie. Drei der zehn Morde des NSU wurden in Nürnberg verübt, außerdem ein geplanter Sprengstoffanschlag, bei dem noch vor den folgenden Morden ein Gaststättenbesitzer mit familiärer Migrationsgeschichte schwer verletzt wurde.

Straßennamen

Die nächste Station auf unserem Rundgang macht deutlich, wie vielfältig die kritisch zu beleuchtenden Orte einer Stadt sein können: die Moh*engasse (das Sternchen wird in rassistischen Begriffen eingesetzt, um die entsprechenden Worte nicht zu reproduzieren und ein „Stolpern“ zu verursachen). Antirassistische Initiativen fordern die Umbenennung von Straßen, die rassistische oder anderweitig diskriminierende Worte beinhalten. Gleiches gilt für Straßen, die beispielsweise nach Menschen benannt wurden, die in den ehemaligen deutschen Kolonien Verbrechen begangen oder angeordnet haben. Der Begriff „Moh*“ gilt besonders aufgrund seiner Verwendung während und nach der Kolonialzeit als degradierend und verletzend. Der andauernde Gebrauch des Wortes, vor allem an unterschiedlichen öffentlichen Orten, normalisiert den Begriff und setzt seine Geschichte fort.

Koloniale Wunden

Nun gehen wir weiter zum Kriegerdenkmal am Köpfleinsberg, an dem unter anderem eine Plakette an die Ermordung zehntausender Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika erinnert. Befohlen wurde dieser erste Völkermord des 20. Jahrhunderts von Generalleutnant Lothar von Trotha, der in der Vernichtung der betroffenen Völker ein entscheidendes Signal eines „Rassenkampfes“ sah. Zigtausende Menschen wurden erschossen, erhängt oder in eine wasserlose Wüste getrieben, wo sie qualvoll verdursteten. Leider ist Deutschlands Kolonialgeschichte nach wie vor ein weithin vernachlässigtes Thema.

Eine Straße für die Menschenrechte

Weiter durch die Nürnberger Innenstadt gehen wir in Richtung Kornmarkt und kommen zum wohl prominentesten Ort der Stadt, wenn es um das Thema Menschenrechte geht: Die Straße der Menschenrechte. Dieses Mahnmal mit seinen 27 großen Rundpfeilern, die jeweils für einen der Menschenrechtsartikel stehen, ist gleichzeitig Anklage gegen die Verbrechen der Nazis wie auch Forderung nach Durchsetzung der Menschenrechte in der Jetztzeit. Denn das von Dani Karavan entworfene Monument weist einerseits symbolisch zurück in die schreckliche Vergangenheit Nürnbergs als auch Deutschlands; anderseits macht es darauf aufmerksam, dass Menschenrechte nach wie vor vielerorts teils gravierend verletzt werden.

Straße der Menschenrechte Nürnberg (Foto: Birgit Fuder)

Rassistische Morde

Um nochmals deutlich zu machen, wie dringend auch heute noch für die Menschenrechte und gegen Diskriminierung gekämpft werden muss, beenden wir unsere Tour direkt außerhalb der Stadtmauern. Am Kartäusertor befindet sich das Mahnmal für die Mordopfer des NSU. In Nürnberg vom NSU ermordet wurden Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru und İsmail Yaşar, an anderen Orten Deutschlands Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Die grausame deutschlandweite Mordserie zeigte nicht nur auf, welch menschenverachtende Ideologie dem Rechtsextremismus zugrunde liegt, sondern auch, wie viel Rassismus noch immer in den Köpfen und Institutionen unseres Landes steckt. Es liegt an uns allen, dem tagtäglich etwas entgegenzusetzen.

NSU Mahnmal | NSU Memorial (Foto: Christine Dierenbach)

Die Stationen dieses „Stadtrundgangs“ sind in weiten Teilen angelehnt an den „Critical Walk“, der im Rahmen des „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ am 04. Juni 2022 in Nürnberg stattfand.

Titelbild zeigt die Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg; Foto: Tobias Bär.

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