Schöne neue Welt? Über Privileg und Verantwortung

Corona Aktionismus Zusammenhalt

Es ist ein Gedanke, der in der jetzigen Zeit sicherlich nicht neu ist: Wie soll unsere Welt nach der COVID-19-Pandemie aussehen? Zahlreiche Posts dazu tauchen wie die Pilze in allen Social-Media-Kanälen auf. Viele Prominente meinen, nun zu wohltätigen und philosophischen „Höchstleistungen“ auflaufen zu müssen. Auch etliche Unternehmen versuchen nun Solidarität plötzlich ganz groß zu schreiben, obwohl vorher nur wenig davon zu sehen war. Besonders die Onlinedienstleister schicken an alle, die ihnen jemals ihre E-Mailadresse gegeben haben, ellenlange Botschaften, wie sie jetzt verantwortungsvoll in der Krise (re)agieren. Alles schön und gut, aber was steckt wirklich dahinter? Werden sie sich auch nach der Pandemie an ihre Worte erinnern, Verantwortung zu übernehmen und ethischen Grundsätzen zu folgen, Menschenrechte zu beachten? Ist auch wirklich alles, was sie im Moment äußern, so einwandfrei, wie sie es propagieren, oder nur geschickte PR? Und wie werden Otto-Normalbürger bzw. Ottilie-Normalbürgerin sich nach der Krise verhalten? Es geht dabei nicht nur um das Kaufverhalten, sondern auch um grundsätzliche Sachen wie gegenseitige Unterstützung, Wohltätigkeit und vor allem auch globaler Gemeinschaftssinn.

Es reicht nicht

Erst jüngst haben sich Adidas, Deichmann sowie H&M in die Nesseln gesetzt, indem sie in Deutschland vorerst die Mietzahlungen aussetzen wollten, wie es die Bundesregierung per Notgesetz ermöglicht hat. Dass dies eigentlich für kleine, lokale EinzelhändlerInnen gedacht war, wurde von diesen Konzernen nicht beachtet. Vor allem Adidas und H&M wollten sich als Vorzeigeunternehmen in ihrer jüngeren Geschichte hervortun, nachdem sie Themen wie Diversity und Nachhaltigkeit für sich entdeckten. Stattdessen strafen sie sich nun selbst Lügen.

Andere Marken, wie Zara und Mango, die beide zur Inditex-Gruppe gehören und ihren Firmensitz im vom Virus stark getroffenen Spanien haben, oder COS, welches zur H&M-Gruppe gehört, haben jetzt angefangen, Mundschutz herzustellen, um dem Mangel entgegenzutreten. Von einer breiten Öffentlichkeit werden sie dafür gelobt. Sie vergessen dabei völlig, dass eben jene ArbeiterInnen, die diese schneidern müssen, oftmals unter schlechtesten Bedingungen arbeiten wie mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz oder Hungerlöhne – und das immer. Wie es Aja Barber, Aktivistin für ethische Mode, so treffend formuliert:

„Unterdrückung ist noch immer Unterdrückung, auch wenn es dich und mich für eine Sekunde gut fühlen lässt.“

Aja Barber (Zitat aus dem Englischen von der Autorin übersetzt)

Genau das bringt mich zu meinem nächsten und eigentlichen Punkt. Es reicht nicht, dass wir uns für einen kurzen Moment wie WeltretterInnen fühlen. Es reicht eben nicht, sich abends für ein paar Minuten auf den Balkon zu stellen, um allen KrankenhausmitarbeiterInnen Beifall zu klatschen, um ihre wirklich großartigen Leistungen in diesen Zeiten zu würdigen. Damit meine ich auch die Reinigungskräfte, die wie ÄrztInnen und Pflegepersonal lebensrettend sind. Es reicht nicht, dem/der KassiererIn, die zu tatsächlichen Höchstleistungen auflaufen, im Supermarkt eine Schachtel Pralinen oder Trinkgeld verlegen beim Zahlen zu geben. Es reicht nicht, dass in Großstädten sogenannte Gabenzäune entstehen, an denen Tüten voller Lebensmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung hingehängt werden, um Obdachlosen Hilfe zu bieten. Damit will ich all diese Aktionen nicht durch die Bank als reinen Aktionismus abstempeln – ganz im Gegenteil. Ich frage mich nur, wo diese Solidarität vorher war. Und wo wird sie nachher sein? Ob sie nach der großen Krise wieder verdampft, wird sich zeigen, wenn das Pflegepersonal für mehr Lohn demonstriert. Sie wird sich zeigen, wenn der Wohnungsmangel entschieden bekämpft wird. Sie wird sich zeigen, wenn sich das Kaufverhalten verändert und Modefirmen dadurch gezwungen werden, ihre Ethik zu überdenken und zu verbessern.

Ich möchte aber die Corona Pandemie sicherlich nicht romantisieren, indem ich sie als Reset Button für die Erde verstehe. Zu gefährlich sind die Denkstrukturen, das Virus als eine Art Reinigungsprozess der Natur zu verstehen. Falschmeldungen über die Rückeroberung der Zivilisation durch Tiere grassieren selbst wie ein Virus durch Social Media und geben denen, die daran glauben, Rückenwind. Sie  öffnen damit die Türen für radikalere Verschwörungstheorien. Das ist Ökofaschismus, denn die Krankheit trifft die Schwächsten unserer globalen Gesellschaft.

Vielmehr müssen wir, die Privilegien genießen, wie ein sicheres Einkommen, eine warme Wohnung und Zugang zu Bildung, um nur ein paar zu nennen, uns auch nach der Coronakrise unserer Verantwortung bewusst sein, für ALLE diese Privilegien zugänglich zu machen, so dass sie diese nicht mehr sind, sondern für ALLE Normalität. Dazu können alle ihren Beitrag leisten. Und ja, es ist auch ein Privileg, sich in diesen Zeiten solche Gedanken machen zu dürfen. Denn diejenigen, für die gekämpft und deren Stimme gehört werden muss, können sich jetzt nicht nur um ihr Leben kümmern, sondern müssen auch unseres sichern. Wäre es daher nicht fair, wenn wir ihres auch sichern und das nicht nur jetzt? Das wäre in der Tat eine schöne neue Welt.

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