INTRIGE – eine Filmkritik

Film Intrige von Oscar-Preisträger Roman Polanski (Original: J’accuse)

„Intrige“ ist der – wie so oft nichtssagende und irreführende – deutsche Titel eines Films, der im Original „J’accuse“„Ich klage an“ heißt. In Venedig hat er den Silbernen Löwen gewonnen und auch sonst noch eine Reihe von Auszeichnungen erhalten. Die Medien berichteten über den Film vor allem wegen seines Regisseurs: Oscar-Preisträger Roman Polanski, den zahlreiche Frauen wegen sexueller Übergriffe anklagen und gegen den in den USA noch immer ein Verfahren wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen anhängig ist. Kann man von einem Regisseur, dem zutiefst unmoralisches Verhalten vorgeworfen wird, einen Film erwarten, der auf hohem Niveau moralische Fragen abhandelt? Oder gar: Darf einer, der selbst unter Anklage steht, einen Film mit dem Titel „J’accuse“ drehen?

Intrige – der Film

Nicht um diese schwierigen Fragen soll es hier gehen, sondern um den Film. „J’accuse“ bezieht sich natürlich auf eine der berühmtesten Streitschriften aus der Geschichte der Menschenrechte bevor sie international festgeschrieben wurden. Verfasst hat sie der große französische Romanschriftsteller Émile Zola 1898 und löste damit die „Dreyfus-Affaire“ aus, die die französische Republik Ende der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts tief erschütterte und letztlich in eine liberalere Epoche führte. 1894 war der Offizier Alfred Dreyfus, einer der wenigen jüdischen Offiziere damals in der französischen Armee, des Landesverrats beschuldigt und von einem Militärgericht zur Verbannung auf die „Teufelsinsel“ vor der französischen Kolonie Guyana verurteilt worden, wo er unter unmenschlichen Bedingungen in Isolation gefangen war. Zolas ebenso mutige wie heftige Anklage brachte ihm eine Gefängnisstrafe ein, der er sich durch Flucht ins Ausland entzog. Sie löste aber eine Welle der Empörung gegen das Gebäude aus Fälschungen, Lügen und Verfahrensverstößen sowie den dahinterstehenden Antisemitismus aus, die das Verfahren gegen Dreyfus prägten. 12 Jahre nach seiner Verurteilung, führte dieser breite zivile Widerstand schließlich zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens und zur Rehabilitierung von Dreyfus. Zola war nicht der einzige, der sich gegen das Unrechtsurteil stellte und an der Kampagne zur Freilassung und Rehabilitierung von Dreyfus beteiligte. Zu diesen „Dreyfusiards“, die teils erhebliche berufliche und gesellschaftliche Nachteile in Kauf nahmen, gehörten etliche der berühmtesten französischen Künstler und Intellektuellen wie Marcel Proust, Claude Monet oder Émile Durkheim, und auch zwei spätere französische Premierminister: George Clémenceau und Léon Blum. Aus der Bewegung der Dreyfusards ging 1898 die erste europäische „Menschenrechts-Nichtregierungsorganisation“, die „Französische Liga zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte“ (Ligue française pour la défense des droits de l’homme et du citoyen – LDH) hervor.

„Dreyfus-Affaire“

Die „Dreyfus-Affaire“ ist vor allem als Beispiel für die Auswüchse des europäischen Antisemitismus im Gedächtnis. Den Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, der damals als Journalist in Paris lebte, überzeugte sie von der Notwendigkeit, dass Juden ein eigenes Heimatland bräuchten. Doch nicht der Antisemitismus steht im Zentrum von Polanskis Film. Auch Zolas publizistischer Aufschrei beansprucht nur einige Minuten des über zweistündigen Films. Die Bilder des Films sind fast durchwegs von den Farben Blau und Rot, den Uniformen der Armee geprägt. Polanskis Interesse gilt an erster Stelle den Zuständen innerhalb der Armee, dem Konflikt zwischen den Herrschafts- und Präsentationsinteressen der Institution Armee und der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, die zumindest die militärische Gerichtsbarkeit verkörpern sollte. Im Mittelpunkt des Films stehen daher weder Dreyfus noch Zola, sondern der Oberst Marie-Georges Picquart. Gleich zu Beginn outet sich Picquart, konfrontiert von Dreyfus, als Antisemit, versichert aber zugleich, dass dies seine Entscheidungen nicht beeinflusse. Gleichwohl beteiligt er sich an dem deutlich als inszenierter Schauprozess geschilderten Verfahren gegen Dreyfus. Erst als er in seiner weiteren dienstlichen Tätigkeit – man hat ihn nach dem Prozess zum Leiter des Geheimdienstes der Armee ernannt – immer mehr Ungereimtheiten in den Ermittlungen gegen Dreyfus entdeckt, wachsen die Zweifel in ihm. Das eigentliche Drama, das der Film eindrucksvoll und präzise entwickelt, ist nun Picquarts schrittweiser Bruch mit seinen gesellschaftlichen und beruflichen Loyalitäten, als seine Versuche, die Lügen des Prozesses aufzudecken und den wahren Verräter anzuklagen, von seinen Vorgesetzten und Kollegen abgeblockt werden. Picquart akzeptiert die Angebote, klein beizugeben, nicht und nimmt stattdessen seine Absetzung und Versetzung, schließlich Verfolgung, gesellschaftliche Ächtung und Haft in Kauf. Erst die auch durch seine Informationen gespeiste öffentliche Kampagne der „Dreyfusards“ führt Jahre später auch zu seiner Rehabilitierung. Der Film zeigt in vielen genauen Details die zerstörerischen Wirkungen bis in die letzten Winkel des Privatlebens, die die Verfolgung durch die Chefs der Armee und der Regierung auf Picquart haben, und damit auch den Mut, dessen er bedurfte, das durchzustehen. „Intrige“ ist also in erster Linie ein Film über den Preis korrekten Verhaltens im Staatsdienst. Dass Picquart in der letzten Szene Jahre später als General und neuer Kriegsminister erscheint, ist ein schönes, im übrigen historisch wahres Happy End, kann aber den jahrelang gezahlten Preis dafür nicht vergessen machen, zumal der Ausgang der ganzen Affaire ja nicht abzusehen war.

Fazit

Meine bescheidene Empfehlung ist daher, den Film zum Bestandteil des Bildungsprogramms für alle Verfassungsschützer, Polizisten und Bundeswehrangehörigen zu machen. Noch warten wir in den Untersuchungsausschüssen zu NSU und anderen rechten Terrorgruppen wie auch in den noch immer wenigen Gerichtsverfahren auf die Picquarts in deutschen Amtsstuben und Kasernen.

Und noch eine Empfehlung: Der 1933 in Polen geborene, mit seiner Familie rechtzeitig in die USA gekommene jüdische Schriftsteller Louis Begley hat ein sehr gut lesbares kluges Buch über die Dreyfus-Affaire geschrieben: „Why the Dreyfus Affair Matters“, auf deutsch unter dem Titel „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte“ bei Suhrkamp erschienen.

Rainer ist Gründungsmitglied des Nürnberger Menschenrechtszentrums.

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