Kultur der Angst

By Theresa Braun –

Angela Merkel überraschte, als sie in einer Sendung des Schweizer Fernsehens SRF1 eine klare Position zu der Furcht vor einer möglichen Islamisierung unserer Gesellschaft bezog. Ihre Antworten wurden in den sozialen Medien bereits im Jahr 2015 kontrovers diskutiert und bisweilen haben sie nichts an ihrer Relevanz für den öffentlichen Diskurs eingebüßt. Auch wenn der CDU aus kritischen Kreisen unter anderem vorgeworfen wird, Angst hin und wieder im Vorgeben einer gesellschaftlichen Bedrohung als Machtinstrument zu nutzen, trifft Merkel mit ihrer Aussage einen wesentlichen und vor allem richtigen Punkt: „Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.“ Denn Ängste beeinträchtigen uns in der Freiheit unserer Entscheidungen, indem sie unser Gefühlsleben erschüttern. Sie zeigen die eigene Verletzlichkeit auf, greifen tief in unser Handeln ein und beschränken uns demgemäß in unseren Handlungsmöglichkeiten.

Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.

Angela Merkel, 2015

Keine konkrete Furcht, sondern eine schwer fassbare Angst

Allerdings ist es per se eigentlich nicht eine konkrete Furcht vor der Islamisierung, sondern eine schwer fassbare Angst. Der Philosoph Sören Kierkegaard unterschied 1844 bereits das erste Mal zwischen Furcht und Angst. Wir können eine konkrete Situation oder ganz banal eine Spinne in unserem Zimmer fürchten. Ängste hingegen, die nicht auf ein gezieltes Objekt ausgerichtet sind, sondern hauptsächlich in unserem Kopf, unserer Psyche entstehen, nennen sich neurotische oder nach Freud auch Binnenängste. In unserem Erleben von Angst gibt es zu diesem Zeitpunkt kein bestimmendes auslösendes Objekt, sondern mehr eine beständige Grundstimmung, die sich in uns breit macht. Bekannte Soziologen wie Zygmunt Bauman und Frank Furedi sprechen schon länger von einem Zustand der Gesellschaft, der geprägt ist von einer „Kultur der Angst“.

Angst durch Schreckens- und Feinbilder

Umso besser es uns auf der individuellen und gesamtgesellschaftlichen Ebene geht, umso mehr nehmen Ängste um den Verlust des eigenen Wohlstands, der Sicherheit und der beruflichen Position zu. Der Gesellschaftswissenschaftler Heinz Bude geht sogar so weit zu sagen, es sei nicht unbedingt die objektive Lage, die Gesellschaften der Industrieländer verunsichert, sondern vor allem die Angst davor, anderen gegenüber im Nachteil zu sein. Stimmungen wie diese sieht er als die Ursache für zunehmende Islamfeindlichkeit. Gefördert durch Medienberichte über Terrorismus, Gewalt und Frauenfeindlichkeit in den betreffenden Ländern, aber auch durch Parteien wie die AfD, die ebenfalls vor der Islamisierung Europas warnen und dementsprechend immer wieder Schreckens- und Feindbilder aufzeigen.

Beispielsweise sehen wir in verschiedenen Gegenden Deutschlands die „Konzentration von Migrationsfamilien in bestimmten Vierteln [..] und die damit einhergehenden Integrationsprobleme“[1] in den Wohngebieten oder Schulen. In vielen Fällen wird dabei übersehen, dass daraus entstehende Probleme nicht nur aus kulturellen oder religiösen Differenzen, sondern auch durch Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt entstehen. Wie auch der frühere UN-Sonderberichterstatter und Mitglied des Nürnberger Menschenrechtszentrums Heiner Bielefeldt anführt, lassen  sich finanziell schlechter gestellte Migrantengruppen dort nieder, wo der Wohnraum günstiger ist. Das gleiche gilt für die Wahl der Schule. Hinzu kommt, dass sich tendenziell neue Bürger*innen die Bezirke raussuchen, in denen auf Bekannte und Verwandte getroffen wird und eben erste Identifizierungspunkte vorhanden sind, die das Einleben erleichtern. In Gegenden, in denen vermehrt das Gefühl eines Überlaufens der eigenen Heimat entstehe, verbleibt somit oft der Eindruck eines vermeintlichen zielgerichteten Aufbaus einer islamischen Parallelgesellschaft. Er empfiehlt dahingehend komplexe soziale Prozesse, die Ausgrenzung fördern, näher ins Auge zu fassen.

 „Wer hat Angst..“ – Felix Bock, Digitale Malerei, 15x19cm, 2020

Angst vor Überfremdung

Diese Angst vor Überfremdung in der eigenen Kultur betrifft eben nicht nur einen kleinen Teil der deutschen und europäischen Bürger*innen, weswegen sie selbstverständlich artikuliert und offen diskutiert werden sollte. Selbst eine Minderheit in ihren Ängsten nicht wahrzunehmen, ist dahingehend für den Gesamtzustand verschärfend, dass negative Stimmungen in Gruppen eher verstärkt werden und es zu einer Marginalisierung ebendieser kommen kann. Die Bagatellisierung von Ängsten wird in bestimmten Kreisen regelmäßig mit einem gewissen humanistischen Anspruch begründet, der solche Stimmungen nicht nachzuvollziehen weiß. Das heißt, es liegt bei einem Teil der Gesellschaft kein Verständnis für die Angst vor der Islamisierung der Gesellschaft vor, egal ob seitens Anhänger*innen grüner, linker und/oder liberaler Weltansichten und/oder einer gewissen Bildungsschicht. Wahrscheinlich weil es eine Angst ist, die in den meisten Fällen für rassistische Diskriminierung mitverantwortlich ist. Die Frage ist schließlich, wie wir damit umgehen können. Dass die AfD so stark geworden ist und sich in weiten Teilen der Gesellschaft diffuse Ängste ausbreiten, liegt mit an der verfehlten Politik der CDU/CSU, die jahrzehntelang zu wenig Diskussion und Dialog mit der Opposition zugelassen hat und die Stimmen einiger weniger oder auch mehr Menschen nicht hören wollte. In erster Linie muss aufgeklärt werden, woher diese Angst kommt und wie wir als Einzelne und als Gesellschaft dagegen steuern können. Über 50 Prozent der Deutschen gaben in einer Befragung der R+V Versicherung 2019 an, ihre größte Befürchtung sei zum einen die Überforderung des Staates durch den Zuzug von Geflüchteten und zum anderen die dadurch entstehenden Spannungen in der Gesellschaft. Es ist also auch die Angst vor der fehlenden Achtung durch einen großen Teil der Gesellschaft gegenüber der eigenen Ansicht und psychischen Verfassung.

Angst vor dem Islam geht zurück auf westlichen Kolonialismus

Vor allem ist es auch eine kulturpessimistische Sicht, die sich in der Sorge über die Zukunft der Gesellschaft ausdrückt und die bereits in der Zeit der Romantik viele Künstler*innen und Literaten beschäftigte. Nur war sie damals bedingt durch die rasche Verstädterung aufgrund der zunehmenden Industrialisierung und den Gedanken an den moralischen Verfall des Einzelnen durch neue Entwicklungen. Politische und gesellschaftliche Veränderungen wie diese, die wir mit Sicherheit immer wieder erleben werden, ziehen in den meisten Fällen erst einmal Angst nach sich, weil sie soziale und gesellschaftliche Strukturen tiefgreifend verändern können.

Hilfreich ist es an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Angst vor dem Islam und entsprechende Vorurteile gegenüber dem Nahen Osten kein neues Phänomen darstellen, sondern auf ein existierendes Bild aus der Zeit des westlichen Kolonialismus zurück gehen. Unsere Vorstellung des Orients ist geprägt von der eurozentristischen Haltung der europäischen Geisteswelt der vergangenen Jahrhunderte und deren Verbreitung über die Literatur. Der Kulturtheoretiker Edward Said war es, der in seinem Buch Orientalismus 1978 erstmals über die verklärten Trennlinien zwischen „uns“ und „ihnen“ aufklärte und damit unser westliches Bild vom Osten ein wenig entschlüsselte.

Die Vorstellungen, die für unsere Vorurteile lange mit bestimmend waren, sind nach wie vor die der imperialistischen Forscher*innen und Machthaber*innen dieser Zeit. In der Kulturwissenschaft wird hier von einer gefärbten Brille gesprochen, durch deren Gläser wir andere Kulturen, das Fremde, betrachten. Unser Fortschritt ließ die Menschen im Osten als unzivilisiert, rückständig und faul erscheinen und ganz im Gegensatz zu unserer Rationalität, die wir seit Beginn der Aufklärung als absoluten Maßstab deklarieren, eben irrational und nicht säkularisiert. Auf Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und kulturellen Eigenheiten, die zwischen den Regionen im Nahen Osten zahlreich bestehen, wurde nie näher eingegangen. Unsere Vorstellung vom Nahen Osten wurde vereinfacht und kategorisiert. Terroranschläge und negative Berichterstattung formen unser Bild eines fanatischen Arabers,der mit aller Gewalt seine Religion aufzwingen und einen islamischen Staat in Europa errichten will.

Der europäische Imperialismus als Teil des Problems

Gleichzeitig hat der europäische Imperialismus die Region in einem solchen Ausmaß geprägt, dass Grenzen willkürlich verschoben, Völker unterdrückt, und dadurch Konflikte geradezu provoziert wurden. Der terroristische Kampf gegen den Westen und der Hass gegenüber den westlichen Besatzern wurde genährt durch deren Einmischung in die eigene Kultur, Sprache, Religion und Politik. Es war der Versuch die Region christlich zu missionieren, ihnen unsere Sprache und europäische Vorstellungen aufzudrücken. Die Reaktion auf den europäischen Einfluss war, ebenfalls etwas vereinfacht ausgedrückt, die Angst vor einer Überfremdung in der eigenen Kultur.

Damit soll kein terroristischer Akt und auch nicht der Missbrauch des Islams für die Durchsetzung menschenrechtswidriger Ziele gerechtfertigt werden, aber Verständnis und Aufklärung für die jeweilige Situation des Anderen ist notwendig, um Toleranz zu entwickeln.

Dem „abendländischen“ Christentum zwar ähnlich, weist der Islam dennoch deutlich mehr Strömungen und Traditionen auf, die verschiedene Lehr- und Glaubensinhalte vermitteln. Ein Beispiel stellen die Muslimischen Reformer*innen. Sie gelten als diejenige Gruppe im Islam, die sich für eine Neuinterpretation der heiligen Schriften einsetzen, um die Religion mit der Gesellschaft der Moderne zu vereinbaren. Die Säkularist*innen hingegen möchten eine Trennung zwischen Staat und Religion, die meist mit dem Wunsch nach einer Wiederbesinnung auf nationale Ideen einhergeht. Konkret sehen wir das an den zahlreichen Menschen in Deutschland, die als Geflüchtete kamen und heute trotz aller Herausforderungen einer Arbeit nachgehen, Deutsch gelernt und sich sozial soweit es möglich war integriert haben. Und wir sehen es auch an Phänomenen wie in Berlin, in der es seit einigen Jahren zur gegenseitigen Diskriminierung unter Araber*innen kommt. Aufgrund der kulturellen und religiösen Unterschiede, die es im Islam gibt, entstehen auch hier vermehrt Differenzen. Das zeugt jedoch nur davon, dass von einer Pauschalisierung der Menschen aus dem Nahen Osten abzusehen und die Region nicht weiterhin als ein sozial homogenes Konstrukt wahrzunehmen ist. Gleichzeitig lassen sich auch Probleme wie Frauenfeindlichkeit und der typische Männerkult nicht ausschließlich aus dem Islam heraus erklären.

Merkel schließt in der Sendung mit den Worten ab, der Islam gehöre heute genauso wie die vier Millionen Muslime zu Deutschland, und dass dies ihrer Ansicht nach keiner Diskussion bedarf. Gleichzeitig warnt sie angesichts europäischer Geschichtsschreibung vor deutschem Hochmut und wünscht sich ein deutlicheres Bekenntnis zu unseren Traditionen, um in Zukunft in einen Dialog mit Andersdenkenden treten zu können, und vermutlich in der Hoffnung, neurotischen Ängsten, die ausschließlich durch die Beschreibungen anderer entstehen, entgegen zu wirken. Es lohnt in jedem Fall, Ängste näher zu betrachten, hinzuschauen und ihr Potenzial, uns anzutreiben, zu nutzen. Wir stehen vor vielen neuen gesellschaftlichen Veränderungen und wie schon viele Jahrhunderte davor müssen wir uns überlegen, wie sich damit arrangiert werden kann. Wir werden hinnehmen müssen, dass unsere bereits heterogene Gesellschaft noch kulturell und religiös vielfältiger werden wird.  

Theresa Braun


[1] Bielefeldt, Heiner: Das Islambild in Deutschland. Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam, S.9.

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