“The reports of free speech’s death are greatly exaggerated.”* (Teil 1 von 2)

by Fabian Fassmann –

Ein kritischer Blick auf beide Seiten der Cancel Culture (Teil 1 von 2)

Bei manchen Namen ist mittlerweile die zugehörige Kontroverse fast nicht mehr wegdenkbar: J.K. Rowling, Lisa Eckhart oder Matthias Matuschik. In den vergangenen Jahren wurden sie alle Teil der Debatte um die sogenannte Cancel Culture. Wann immer eine berühmte Person gegen die bestehende Meinung handelt oder spricht, wird die Aufforderung groß, sie solle doch gecancelt werden. Die Häufigkeit dieser Aufrufe gegen Personen und Meinungen ist mittlerweile alltäglich geworden, sodass dem Leser bzw. der Leserin dieses Artikels vermutlich bereits ein Aufruf zum Canceln innerhalb der letzten zwei Wochen einfällt. Je nach individueller Position gegenüber dem Thema und der persönlichen Meinung darüber, wofür denn eigentlich gecancelt werden darf und wofür nicht, hat man das Thema vermutlich mittlerweile bereits satt.

Doch was exakt bedeutet der Begriff Cancel Culture? Auf eine lange Erörterung des Begriffes wird hier verzichtet, stattdessen wird der Begriff im Folgenden Sinne verwendet: „Man versucht einer Person durch öffentlichen Aufruf die Unterstützung zu entziehen, weil sie etwas getan oder gesagt hat, was man für falsch hält.“ Wird dieser Begriff wörtlich übersetzt, spräche man von einer „Kultur der Auslöschung“. Die andere Person auszulöschen ist jedoch nicht das Ziel. Dieser eher raue Begriff stammt von den Gegnern der Cancel Culture, welche genau hiervor Angst haben: Der Auslöschung der eigenen Meinung. Entsprechend wird gerne von einer Meinungsdiktatur gesprochen und das Ende von Meinungsfreiheit und -vielfalt verkündet.

Durch die enorme Präsenz, die der Begriff in der Debattenkultur eingenommen hat, stellt sich die Frage, ob die Meinungsfreiheit hier tatsächlich gefährdet ist. Ob und wie stark jemand für oder gegen Cancel Culture ist, unterscheidet sich wahrscheinlich von Person zu Person – es findet sich jedoch vermutlich auf keiner der beiden Seiten jemanden, der kein Argument der Gegenseite nachvollziehen kann. Daher werden hier auch beide Seiten näher betrachtet.

Was spricht für Cancel Culture?

Ob Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie oder andere Formen von Diskriminierung, unsere Gesellschaft ist gegenüber Ausgrenzung von marginalisierten Gruppen in den letzten Jahren sensibler geworden. Die Annahme, dass sich eine Gesellschaft von selbst weiterentwickelt, ist unrealistisch. Sollte eine Person nicht bereits von gewissen Dingen überzeugt sein, wird sie selten von eigenem Denkanstoß, also ohne Einfluss von außen, ihre Meinung ändern. Heute werden beispielsweise Schwule und Lesben deutlich stärker akzeptiert, als dies noch im letzten Jahrhundert der Fall war. Die Gesellschaft hat jedoch nicht spontan entschieden ihre Überzeugungen gegen Homosexuelle aus dem Fenster zu werfen, um mit der Zeit zu gehen. Für die Benachteiligten war es ein langwieriger Kampf, der auch noch bis heute anhält. Aber nur konstanter Druck kann dafür sorgen, dass Menschen auf Dauer die Rechte bekommen können, die ihnen zustehen. Daher kann es sich keine marginalisierte Gruppe leisten locker zu lassen. Dies ist sehr gut an den BlackLivesMatter-Protesten in den Vereinigten Staaten zu erkennen. Dort tragen Schwarze ein deutlich höheres Risiko von der Polizei angehalten zu werden („Racial Profiling“) als Weiße und sind auch deutlich häufiger Opfer von Polizeigewalt. Die Proteste für Gleichberechtigung und eine Polizeireform sind daher sehr verständlich.

Doch wie hängt das mit Cancel Culture zusammen? Proteste, Boykotte und Canceln sind alles Mittel und Wege, mit denen der „kleine Mann“ sich Gehör verschaffen kann. Beispielsweise eine Facebook-Gruppe für eine marginalisierte Gruppe lässt sich leicht mobilisieren, falls ein Mitglied Opfer von Diskriminierung wird, weil Kommunikation und Verbreitung von Informationen nur einen Klick entfernt sind. Dann kann schnell öffentliche Aufmerksamkeit auf den Täter gezogen werden. Dies entspräche der obigen Definition von Cancel Culture. Ziel ist jedoch nicht nur die Abstrafung der Person, die sich nach Ansicht der „cancelnden“ Seite falsch verhalten hat, sondern gleichzeitig das Äußern einer generellen Warnung, dass dieses Verhalten nicht geduldet wird und andere Menschen bei gleichem Verhalten auch eine gleiche Antwort zu erwarten haben. Es wird so also Druck ausgeübt, durch den sich andere auf eine bestimmte Weise verhalten oder ausdrücken sollen. Sexistische, rassistische, homophobe oder transphobe Aussagen werden dann zunehmend seltener auf sozialen Medien, was an sich erstmal eine gute Sache ist.

Der Begriff wird jedoch einerseits nicht nur für Diskriminierung verwendet und andererseits hat er den Bereich der sozialen Medien bereits verlassen. Die Kabarettistin Lisa Eckhart wird als das Paradebeispiel für Cancel Culture in Deutschland verwendet. Kurz zusammengefasst wurde sie im Jahr 2020 vom Hamburger Literaturfestival Harbour Front ausgeladen, da andere Gäste nicht mit ihr auf einer Bühne sein wollten und Angst vor gewalttätigen Protesten aufkam. Diese Angst war jedoch vollkommen unnötig, denn es wurden nie Proteste angekündigt. Der Ausladung folgte dann die Kritik an dieser Cancel Culture, woraufhin es zu einer Wieder-Einladung kam, die dann wiederum von Lisa Eckhart abgelehnt wurde.

Grund für dieses Debakel war ein Auftritt von 2018, bei dem sie sich über die politische Korrektheit im Comedy-Bereich lustig macht. Dabei macht sie selbst Witze über Schwarze, Behinderte und Juden. Hier ist ein Link zum selbst anhören, der Auftritt geht bei 50:00 los und dauert etwa 4 Minuten.

Da genau genommen von niemandem ein öffentlicher Aufruf gegen ihren Auftritt aufkam, sondern rein aus angeblicher Angst vor gewaltsamen Protesten gehandelt wurde, fand im eigentlichen Sinne kein Canceln statt. Die exakten Gründe hinter der Ausladung sind von außen nicht nachvollziehbar. Lag tatsächlich Angst vor Protesten vor? Waren die Gäste, die nicht zusammen mit Lisa Eckhart auftreten wollten, wichtiger für das Festival? Hatte jemand aus der Organisation hinter Harbour Front ein Problem mit Lisa Eckharts Witzen? Was auch immer der Fall war, Komiker*innen und Kabarettist*innen können nicht mehr das alte Repertoire an Witzen aufführen, bei dem sie gegen alles und jeden sticheln und witzeln, ohne mit Gegendruck zu rechen. Genauso muss auf sozialen Medien zweimal darüber nachgedacht werden, ob man sagen kann, was man sagen will, sei es ein Witz (Kunstfreiheit) oder die tatsächliche Ansicht (Meinungsfreiheit). Darin sehen manche etwas Gutes und manche etwas Schlechtes.

Welche Kritik ist hier angebracht?

Wenn die Schwelle zum Canceln gebrochen ist, wird die Möglichkeit für weiteres Canceln geöffnet. Wenn etabliert wurde, dass Verstöße gegen eine bestimmte Meinung bestraft werden können, kann die Definition für Verstöße ausgedehnt werden. Während also die eigentliche Intention war, dass andere für problematische Meinungen zur Verantwortung gezogen werden, kann dann auch für jede Aussage, die einem selbst unliebsam ist, öffentlich gegen andere vorgegangen werden. Am Beispiel Lisa Eckharts ist das erkenntlich: In ihrem umstrittenen Programm sagt sie, Juden ginge es entgegen des antisemitischen Klischees nicht um das Geld, sondern um die „Weiber“, wozu sie Geld benötigen würden. Dies leitet sie davon ab, dass Täter der #metoo-Bewegung wie Harvey Weinstein vermeintlich häufiger jüdisch sind. Als Kabarettistin kann sie hier auf die Kunstfreiheit verweisen. Was ihre tatsächliche Meinung ist, kommt bei ihrem Auftritt nicht herüber und sollte für die Diskussion auch irrelevant sein, denn bei Kabarettisten darf nicht vergessen werden, dass es sich um eine humoristische Rolle handelt. Entsprechend sind die Aussagen, welche sie treffen, auch nicht als ernst zu interpretieren, sondern als das, wofür sie gedacht sind: Witze. Ob man darüber lachen kann, sei jeder Person freigestellt, die Kunstfreiheit selbst sollte jedoch jeder und jedem gestattet werden, unabhängig davon wie viele sich an dem Witz anstoßen. Wird Cancel Culture als eine kulturelle Weiterentwicklung betrachtet, gekennzeichnet davon, dass manche Dinge sich nun mal mit der Zeit ändern und bestimmte Witze nicht mehr gemacht werden können oder sollten, dann wird stets ignoriert, dass diese Witze, die aus exakt diesem Grund aus der Öffentlichkeit gezogen werden sollen, gleichzeitig erzählt werden, weil sie noch immer auf ein Publikum stoßen. Nur weil gehandelt wird, als existiere das Publikum für anstößigen Humor nicht mehr, verschwindet dieses nicht. Das bedeutet dann, dass man etwas als veraltet bezeichnet, was definitiv noch frisch gehalten wird.

Wenn nun eine Lisa Eckhart ihre Witze gegen Juden erzählt, spalten sich die Geister bereits an der Frage, was dahintersteckt. Die erste Annahme wäre, ihr gefalle schwarzer Humor oder sie versuche aktiv mit anderen zu kollidieren. Dann ist es wohl keine Überraschung, wenn sie solche Witze erzählt. Ein Aufschrei aufgrund ihres Humors bedeutet dann einen Erfolg für sie. Die zweite Annahme wäre, sie richte ihren Humor strikt marktwirtschaftlich nach der „Atmosphäre“ des deutschen Humors aus, biete also ein Angebot an Witzen an, das auf eine bestehende Nachfrage stößt. Wenn sie dann Witze macht, von denen sie weiß, dass sich ein Publikum findet, dann fällt ihre eigene Meinung zu den jeweiligen Themen, über die sie spricht, aus der Diskussion heraus, denn nicht sie wäre das korrekte Ziel bei der Diskussion um Judenwitze, sondern die öffentliche Akzeptanz dieser. Wird sie von einem Festival ausgeladen, dann beeinflusst dies die öffentliche Akzeptanz solcher Witze keineswegs. Die dritte Annahme wäre, sie mache ihre Witze, weil sie selbst antisemitisch wäre und dies eine einfache Art darstellt die eigene Meinung hinter einem Charakter oder einem Schleier der Kunstfreiheit zu verstecken. Nimmt man dies an, so wäre der Aufschrei verständlich. Es gibt jedoch keinen ersichtlichen Grund dafür dies anzunehmen. Wie oben erwähnt, machte sie im gleichen Auftritt auch Bemerkungen über Schwarze und Behinderte. Die ersten beiden Annahmen über ihre Intentionen wirken dann doch plausibler.

Zwei Begriffe, die an dieser Stelle von Relevanz sind: Unschuldsvermutung und Hanlon‘s Razor. Hanlon’s Razor besagt, es solle bei Handlungen Anderer zunächst auf Dummheit statt auf Bosheit geschlossen werden. Man könnte also Dummheitsvermutung sagen. Wird davon ausgegangen, dass die Aussagen einer anderen Person auf Bosheit beruhen, dann liegt der Wunsch des Cancelns nahe. Hanlon’s Razor besagt jedoch, jeglicher Aussage einer anderen Person sollte zuerst die Chance eingeräumt werden, dass sie von Dummheit beziehungsweise Unwissenheit stammen könnte. Grob gesagt: Es sollte der anderen Person eine Chance gegeben werden, ihre Aussage klarzustellen und bis zu diesem Zeitpunkt Unschuld angenommen werden. Bei Aussagen, die zweifelsohne diskriminierend sind, kann natürlich auch von Bosheit ausgegangen werden. Wenn ein Attila Hildmann Theorien über eine jüdische Weltverschwörung teilt, dann verschenkt er sein Recht darauf, nicht als bösartig zu gelten. Zu schnell werden jedoch Aussagen in „akzeptabel“ und „inakzeptabel“ eingeteilt, mit dem Wunsch letztere verstummen zu lassen. Die Dummheitsvermutung fällt nämlich oftmals aus.

*Der Titel dieses Blogposts ist eine Referenz zu einem Zitat von Mark Twain (eigentlich „The report of my death was an exaggeration“), welcher genau wie die Meinungsfreiheit frühzeitig für tot erklärt wurde.


Fabian Fassmann ist Mitglied und ehemaliger Praktikant des Nürnberger Menschenrechtszentrums. Er studiert Politikwissenschaft und Soziologie im 6. Semester an der FAU Erlangen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.