Chile setzt ein Zeichen – Das Museo de Memoria y los Derechos Humanos (Museum der Erinnerung und der Menschenrechte) in Santiago

Jan 14th, 2011 | By | Category: Aktuelles, Weltregionen, Amerika

von Rainer Huhle

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< Das Museo de Memoria y los Derechos Humanos

An zentraler Stelle in Chiles Hauptstadt Santiago, mit eigenem U-Bahn-Eingang, steht seit Dezember 2009 ein gewaltiger Neubau von rund 9000 Quadratmetern auf vier Stockwerken, den Präsidentin Bachelet am 11. Januar 2010 als Museum zur Erinnerung an die Menschenrechtsverletzungen der Pinochet-Diktatur eröffnete. Wenige Wochen später musste das neue Museum allerdings für fast ein halbes Jahr geschlossen werden. Das gewaltige Erdbeben in Chile am 27. Februar konnte dem Bau selbst zwar nichts anhaben, die aufwendige Innenausstattung wurde jedoch erheblich beschädigt. Doch inzwischen ist alles repariert, die großzügigen Räume sind wieder geöffnet, und vor allem: Sie werden gut besucht.

Das Museum orientiert sich in seiner Präsentation in erster Linie an den Berichten der chilenischen Wahrheitskommissionen, d.h. der „Rettig-Kommission“ von 1991, die das Schicksal der „Verschwundenen“ und Ermordeten während der Diktatur General Pinochets festhielt, sowie der „Valech-Kommission“, die später auch die zahlreichen Folteropfer zu dokumentieren suchte. Beide Berichte sind wesentlicher Bestandteil eines quasi offiziellen historischen Gedächtnisses im Chile nach Pinochet, und das monumentale Museum dokumentiert nun für alle sichtbar diese öffentlich sanktionierte Erinnerung an die Opfer der Diktatur. Im weiten Eingangsfoyer stehen die BesucherInnen denn auch zunächst vor einer großen aus Fotografien zusammengesetzten Weltkarte und Infotafeln zu den zahlreichen Wahrheitskommissionen in aller Welt.

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Aus Fotografien zusammengesetzten Weltkarte und Infotafeln zu den Wahrheitskommissionen in aller Welt >

Das zweite programmatische Element im Eingangsbereich zeigt Fotografien der zahlreichen lokalen Erinnerungsstätten in Chile, von Arica an der peruanischen Grenze bis Punta Arenas an der Magellanstraße. In diesen teils ganz unscheinbaren, teils auch schon ästhetisch anspruchsvollen lokalen Gedenkorten spiegelt sich ein Bemühen um Erinnern, das häufig noch unter sehr prekären politischen und auch finanziellen Bedingungen entstanden ist. Mit der Darstellung dieser lokalen Erinnerunginitiativen im Eingangsbereich macht das Museum deutlich, wo seine Wurzeln liegen.

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< Fotografien lokaler Erinnerungsstätten in Chile

Dagegen ist das Museo de Memoria y los Derechos Humanos selbst gerade keine Gedenkstätte an einem spezifischen Ort des Verbrechens, es will für sich stehen als das Museum einer schlimmen Epoche der Geschichte Chiles. Kein anderes Land in Lateinamerika hat bisher von staatlicher Seite der Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit so prominenten Platz eingeräumt. Das chilenische Museum der Erinnerung und der Menschenrechte ist zwar eine vom Staat geförderte und zu hundert Prozent finanzierte, jedoch keine staatliche Einrichtung. Träger ist ein Zusammenschluss verschiedener ziviler Organisationen aus dem Menschenrechtsbereich. Ein plural zusammengesetztes Direktorium trifft alle museografischen Entscheidungen. Konsens in diesem Trägerkreis war von Anfang an, dass das Museum für keine spezifische Opfergruppe oder politische Richtung Partei ergreifen würde.

Foto 453Die Menschenrechtsorganisationen waren es auch, die in jahrelanger Lobbyarbeit die Idee eines solchen Museums überhaupt erst auf den Weg brachten. Dieser Weg war nicht einfach. Angesichts der schwankenden Haltung der gewählten Regierungen des Mitte-Links-Bündnisses seit 1990 gegenüber dem Anliegen der Opfer der Diktatur, dem Kampf gegen die Straflosigkeit und den Menschenrechten generell, gab es viel Misstrauen gegenüber einem solchen staatlich geförderten Unternehmen. Wer würde garantieren, dass die Darstellung in einem solchen Museum nicht doch in erster Linie zur Selbstdarstellung der Regierung geriete? Wer könnte die Unabhängigkeit des Trägerkreises sicherstellen?

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< Dokumentationszentrum über die Verbrechen der Diktatur und deren Opfer

Dazu kam eine weitere entscheidende Frage, nämlich nach der Sicherheit und Vertraulichkeit der Informationen im Museum. Das Museo de Memoria y los Derechos Humanos beherbergt zugleich auch ein großes Dokumentationszentrum über die Verbrechen der Diktatur und deren Opfer. Hinter gepanzerten Archivschränken lagern dort Tausende von Dokumenten der Menschenrechtsorganisationen aus der Zeit der Diktatur und danach, ferner viele persönliche Erinnerungsstücke von ehemaligen Gefangenen oder Angehörigen von Ermordeten und Verschwundenen. Wie Maria Luisa Ortiz, die Leiterin der Dokumentationsabteilung im Museum, berichtet, kommen noch immer fast täglich Menschen ins Museum, die Dokumente, Fotografien oder andere Objekte abgeben wollen, die sie im Museum aufbewahrt wissen wollen. Die Übergabe vor allem von Unterlagen der Menschenrechtsorganisationen aus der Zeit der Diktatur war nur denkbar, weil es in einen jahrelangen Aushandlungsprozess gelungen war, das nötige Vertrauen zu schaffen, dass das Museum eine auf Dauer zuverlässige, tragfähige Institution mit garantierter Unabhängigkeit sein würde.

Foto 572Nur ein kleiner Teil der im Dokumentationszentrum des Museums aufbewahrten Objekte ist Teil der Dauerausstellung geworden . An prominentester Stelle sind dies die Fotografien der Ermordeten und Verschwundenen, die an der Ostwand des Museums über drei Stockwerke verteilt hängen und von allen Etagen immer wieder ins Auge fallen. Im zweiten Stock, also gegenüber der Mitte der Wand, ist ein Ruhepunkt eingerichtet worden, umgeben von elektrischen Kerzen, an dem Besucher ihrer toten Angehörigen gedenken können. Dort befindet sich auch eine digitale Datenbank, die alle vorhandene Information über die einzelnen Personen enthält, die dem Museum zugänglich war.

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< „Fotowolke“ der Ermordeten und Verschwundenen

Die „Fotowolke“ dieser Wand beherrscht optisch und auch vom räumlichen Umfang her das ganze Museum und markiert damit unübersehbar, wer im Mittelpunkt des Hauses stehen soll. An den Gängen auf der gegenüberliegenden Seite des Baus, sowie in den gegliederten Räumen zu beiden Seiten dieser zentralen Fotowand wird die Geschichte des Putschs vom 11. September 1973 und der durch ihn installierten Diktatur und Repression erzählt. Große Abteilungen widmen sich einzelnen Opfergruppen, z.B. den Kindern, und vor allem auch der langen Geschichte des Widerstands und des Kampfs um Wahrheit und Gerechtigkeit, der schließlich zum Zusammenbruch des Pinochetregimes durch das Referendum von 1988 führte. Auch die internationale Dimension dieses Widerstands ist ausführlich dargestellt. Foto 556
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Miguel Lawner erläutert seine Zeichnung: “Desde mi Litera” (“Aus meinem Stockbett”)
(1974) >

Dabei konnten die Museumsgestalter auf eine Fülle von schriftlichem, grafischem und auch filmischem Material zurückgreifen. Wer die Geschichte Chiles und des Widerstands gegen Pinochet ein wenig kennt, findet viel Vertrautes wieder, aber auch eine Menge Unveröffentlichtes, insbesondere bei den zahlreichen Filmaufnahmen, die in den Medienstationen zu sehen sind. Ein langer Flur im dritten Stock ist für Wechselausstellungen reserviert, die u.a. ermöglichen, wenigstens zeitweise mehr von den Objekten zu zeigen, die sonst nur im Depot des Dokumentationszentrums lagern. Im Dezember 2010 eröffnete z.B. der Architekt Miguel Lawner, der als hoher Mitarbeiter im Bauministerium verhaftet und auf die eisige wüste Insel Dawson an Chiles Südspitze in ein Konzentrationslager verschleppt wurde, eine Schau der Zeichnungen, die er damals heimlich anfertigen konnte.

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^ 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

Es war eine bewusste Entscheidung des Trägerkreises, trotz der grundsätzlichen Orientierung an den Berichten der Wahrheitskommissionen im Namen des Museums nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit aufzurufen, sondern mit dem Begriff der Menschenrechte auch eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Der Weg von der Straße durch den Eingangshof hinunter zum eigentlichen Museumseingang führt an einer langen Wand vorbei, in der alle 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eingeschrieben sind. Noch ehe die BesucherInnen das Museum selbst betreten, werden sie mit dem universellen Anspruch der Menschenrechte konfrontiert, der lange vor die Zeit Pinochets zurück, aber eben auch bis in die Gegenwart hinein reicht. Dass es dabei zu Spannungen zwischen der durch den öffentlichen Charakter und die Pluralität des Trägerkreises geforderten Zurückhaltung und den Erwartungen der Politik einerseits, aktuellen menschenrechtlichen Forderungen andererseits kommen würde, war absehbar. Ein Zwischenfall schon bei der Eröffnung des Museums durch Präsidentin Bachelet machte das deutlich. Die Eröffnung des Museums war eine der letzten Amtshandlungen der Präsidentin, und viele Beobachter kommentierten – kritisch oder zustimmend – dass Michelle Bachelet sich hier selbst ein Denkmal gesetzt habe. Während ihrer Präsidentschaft nahmen aber auch die Kämpfe der Mapuche um ihre Landrechte und gegen die Zerstörung der Biosphäre durch Holzwirtschaft und Wasserkraftwerke an Schärfe zu. Die soziale Protestbewegung der Mapuche wurde als Terrorismus gebrandmarkt und entsprechend hart unterdrückt. Foto Ralco municipio9

< „Bewahren wir unser Wasser – ein traditionelles Recht!“ – Transparent am Rathaus von Ralco (Alto Bio-Bio, Siedlungsgebiet der Mapuche)

Einige Mapuche wurden getötet, andere zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Familienangehörige dieser Mapuche nutzten die feierliche Eröffnung, in der die Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit gebrandmarkt wurden, und machten mit einer aufsehen- erregenden Aktion auf ihre menschenrechtlichen Forderungen der Gegenwart aufmerksam.

Wie das Museum künftig seine Rolle zwischen Museografie der Vergangenheit und der Öffnung für aktuelle Menschenrechtsfragen findet, wird ein spannender Prozess werden, in dem die institutionellen Interessen des Museums und die politischen Ansprüche von verschiedenen Seiten austariert werden müssen.

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