Das Auge des Dritten Reiches. Hitlers Kameramann und Fotograf Walter Frentz

26. April 2007 | Von | Kategorie: Rezensionen

Herausgegeben von Hans Georg Hiller von Gaertringen, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2006

Die Propaganda-Filme von Leni Riefenstahl haben bis heute ihre blinde Fangemeinde, die Filmemacherin ist über ihren Tod als Hundertjährige hinaus eine weltweit bekannte Ikone der NS-Nostalgiker geblieben. Einer ihrer wichtigsten Kameramänner, Walter Frentz, der u.a. den berühmten Marathonlauf in Riefenstahls Olympiafilm aufnahm, ist dagegen dem Publikum unbekannt. Im Zug des NS-Erinnerungsbooms wird nun auch dieser Propagandist des Nationalsozialismus in einem üppig ausgestatteten Bildband monografisch vorgestellt. Musste das sein? -mag die erste Reaktion beim Durchblättern des Buches sein, bei dem einem in Farbe und Schwarz-Weiss Unmengen von Hitler-Fotos, Kriegs- und Propagandabildern u.ä. ins Auge fallen.

Es musste vielleicht nicht sein, aber der nähere Blick rechtfertigt auf jeden Fall das Interesse an dem Band, der einen sehr solide recherchierten Querschnitt durch das fotografische Oeuvre und die Lebensstationen von “Hitlers Kameramann” gibt. Und dabei gibt es einige Überraschungen. Im Zentrum stehen zahlreiche Aufnahmen, die Frentz in der Umgebung von Hitler und anderen NS-Größen machte. Es sind großenteils sehr private Aufnahmen, ohne die bekannten Inszenierungseffekte der offiziellen NS-Fotografie und -Filme. Der Text bestätigt, dass dies Bilder einer Person sind, die offenbar auf höchst vertrautem Fuß mit den NS-Oberen stand, sich in ihrer Umgebung ungezwungen bewegen und fast jederzeit zur Kamera greifen konnte, ob am Obersalzberg oder in im “Führerhauptquartier”, selbst im geheimen Raketenzentrum der V-2 in Polen, wo Fotografieren an sich natürlich streng verboten war. Er fotografiert aber auch die Montage der V-2 im KZ Mittelbau Dora und bringt es mit geschicktem Lichteinsatz fertig, dass die Gefangenen aussehen, als wären sie Statisten in einem Hollywood-Film. Frentz wird als Fotograf in die militärische Hierarchie eingegliedert, ist auf vielen Fotos auch selbst bei der Arbeit in Uniform zu sehen. 1941 begleitet er Himmler nach Weißrussland und wird selbst in die SS aufgenommen. Auf dieser Reise entstehen makabre Bilder, die einen Himmler im freundlichen, quasi familiären Gespräch mit Bauern oder mit Kranken zeigen, die wenig später von der SS ermordet wurden. Diese Bilder waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, machen aber jedenfalls heute den Eindruck bewusster Verschleierung der Verbrechen wie überhaupt die große Zahl an “Familienfotos” von Hitler und seiner Umgebung.

Die überraschendsten Aufnahmen aber finden sich am Anfang und am Ende des Bandes. Frentz’ erster Film war ein Auftragswerk zum 1. Mai 1935 mit dem Titel “Hände am Werk – Ein Lied von deutscher Arbeit”. Erstaunlich an diesem Propagandawerk ist, dass Frentz hier noch 1935 die avantgardistischen Stilmittel der Weimarer Zeit benutzt, wie Fotos aus dem Film beeindruckend belegen. Hier wird deutlich, dass die “fortschrittlichen” ästhetischen Elemente in Riefenstahls Filmen wohl hauptsächlich auf Frentz zurückgehen. Die andere Überraschung findet sich am Ende – des Buches und des Krieges. Frentz konnte sich die Freiheit nehmen, ein weiteres Mal ein Fotografierverbot zu missachten. Offenbar ohne Auftrag machte er ab 1943 eine Reihe von Aufnahmen der zerstörten deutschen Städte: Hamburg, Dresden, Berlin, Nürnberg u.a., überwiegend in Farbe. Es sind gespenstische Bilder, nicht nur weil sie in merkwürdig unwirklichen Farben und gestochen scharf die noch warmen Trümmerlandschaften der zerstörten Städte zeigen, sondern weil Frentz sie mit kunstvoll perspektivischen Durchblicken abfotografiert als wäre er Caspar David Friedrich und die Landschaft vor ihm eine im Mittelalter versunkene Kathedrale. Was der Zweck dieser Aufnahmen war, darüber können leider auch die durchwegs gründlich recherchierenden Autoren des Bandes nichts Genaues sagen. Jedenfalls wurden sie auf den gleichen Fahrten gemacht, auf denen Frentz auch weiterhin für die Kriegspropaganda arbeitete. Öffentliche Siegespropaganda und private morbide Faszination am Untergang scheinen auch bei ihm Hand in Hand, oder soll man sagen: Auge in Auge gegangen sein.

Nach dem Krieg wurde Frentz Karriere nur kurz unterbrochen. Schon bald nutzte er sein Archiv für Lichtbildervorträge im Nachkriegsdeutschland, erweiterte seine Ruinenbilder durch einige besonders romantisierende Aufnahmen, wandte sich verstärkt wieder der Natur- und Sportfotografie seiner Anfänge zu, pflegte alte Bekanntschaften mit Nazigrößen und versuchte gleichzeitig sich und der Welt einzureden, er sei doch nur ein unpolitischer Fotograf gewesen. Ein deutscher Lebenslügner mehr, den wir vielleicht doch nicht so genau kennen müssen.

von Rainer Huhle

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