QAnon: Hintergründe und Verbreitung im Zusammenhang mit Covid

4. Mai 2021 | Von | Kategorie: Menschenrechte verstehen

von Noël Alexander Jörissen

 

 

Ein weltweites Netzwerk von hunderttausenden Menschen glaubt an eine Schattenregierung und satanistische Intrige, die das Weltgeschehen leitet.

 Zum Ursprung des Phänomens „QAnon“

Der vermeintliche Urheber dieses Verschwörungsnarrativs ist bekannt unter dem Namen „QAnon“. Im Oktober 2017 erschien ein Benutzer „Q“ auf der Webplattform 4Chan, einem wenig moderiertes Internetforum. Q gab sich als hochrangiger Insider in der US-Regierung aus, der Zugriff auf die vertraulichsten Informationen hätte und diese 4Chan preisgeben wolle. „Q“ steht für eine „Q clearence“, welche einer der höchsten Sicherheitsfreigaben im US-Amerikanischen Regierungssystem ist – Menschen mit einer Q-Freigabe haben Zugriff auf streng vertrauliche Informationen von Geheimdiensten und internen Regierungsangelegenheiten. Das „Anon“ steht für „Anonymous“ – was die meisten Nutzer_innen sind, denn auf 4Chan ist keine Registrierung notwendig, um einen Post zu verfassen. Erstmals auffällig wurde Q am 28. Oktober 2017 durch einen Post auf 4Chan, in dem er die Festnahme Hillary Clintons am 30. Oktober 2017 ankündigte – angereichert mit Informationen über den genauen Ablauf der Festnahme aus einer Insider-Perspektive. Dieser Post war gewissermaßen der erste „Q-Drop“, wie fortan Q’s Botschaften genannt wurden. Q-Drops sind meist sehr vage formuliert: kryptische, unzusammenhängende Sätze, Wörter und Zahlenreihen, aus denen sich Q-Anhänger_innen die Informationen selbst erarbeiten müssen. Unter den Q-Anhänger_innen ist es üblich, diese Rätsel im Austausch zu interpretieren und zu „lösen“. Der Post entwickelt sich weiter, indem er eine Grundlage für verschiedene Theorien bildet, die die Leser auf den Post projizieren. Somit erreicht ein Q-Drop mehr Nutzer_innen und Gruppen und sorgt für mehr Austausch unter den Verschwörungsaffinen. Da Q anonym postete, erkannten 4Chan-Nutzer_innen ihn an einem sogenannten „trip code“ – einer Authentifizierungsmethode für die keine Registrierung nötig ist, die aber Nutzer_innen individuell und einzigartig erkennbar macht. Es folgten jahrelang weitere Q-Drops, die immer mehr an Aufmerksamkeit gewannen und ein immer größeres Verschwörungskonstrukt erschufen. Viele Nutzer_innen wurden in dieser Zeit zu Q-Anhänger_innen, die Q‘s Posts als Offenbarung werteten: Es gibt eine klare moralische Ordnung und man selbst steht auf der guten Seite, im Kampf gegen das Böse. Q’s Verschwörungskonstrukt besitzt als Ganzes die Fähigkeit, Menschen tief in sich hineinzuziehen. Die von Q erschaffene Gefahr wirkt auf einen Menschen, der den Posts Glauben schenkt, so groß und gegenwärtig, dass dieser sich zur Handlung gezwungen fühlt, um sich, seine Angehörigen und die ganze Welt zu retten. Somit erzeugt QAnon fanatische Anhänger_innen, die das Narrativ überall vertreten und dem, teilweise auch mittels Gewalt, Folge leisten. Dass schon der erste Post, der die Festnahme Clintons vorhersagte, nie Wirklichkeit werden würde, ließ den Großteil der Q-Anhänger_innen nicht an Q oder seinen Posts zweifeln. Sie reagierten auf die unzähligen falschen Informationen mit kollektiver Ignoranz oder entschuldigenden Erklärungen. Beispielsweise hieß es, dass Q absichtlich Falschinformationen verbreitet hätte, um seine Feinde und die Ungläubigen abzulenken und zu verwirren. „Q-Anhänger_innen“ ist in diesem Fall eine passende Bezeichnung für Menschen, die Q unterstützen, denn das QAnon-Verschwörungskonstrukt und die dazugehörenden Gruppen weisen Züge eines Kultes auf – sie sehen Q als Prophet und meinen, Donald Trump kämpfe mit diesem zusammen gegen die verborgene, satanistische Elite. Q spricht in dieser Hinsicht von „The Great Awakening“ oder „The Storm“ – dem nahestehenden Tag, an dem Q und seine Anhänger_innen die Elite stürzen, und zur Rechenschaft ziehen werden. Dieses apokalyptische Element, welches man hier auch als Äquivalent zum jüngsten Gericht sehen kann, erzeugt Angst oder Spannung vor dem bevorstehenden Wandel. Dadurch werden die Anhänger_innen mehr einbezogen und sogar dazu aufgerufen, selbst mitzuwirken.

QAnon als „Big tent-conspiracy“:

Bei QAnon handelt es sich um eine „Big tent conspiracy”. Das bedeutet, dass sich unter dem Oberbegriff „QAnon“ viele verschiedene Verschwörungstheorien einordnen lassen und die Bewegung auch neue Theorien aufnimmt. Das führt zum Erreichen einer breiteren Zielgruppe und somit zu mehr Popularität, auch wenn dadurch nicht alle Theorien allen Anhänger_innen bekannt sind oder allgemein unterstützt werden. Die Grundlage wird jedoch von den meisten Anhänger_innen geteilt:

Zentral für das QAnon-Verschwörungskonstrukt ist der Glaube an einen „Deep State“ – einen „Schattenstaat“, der die Welt im Verborgenen regiere. Es handele sich um eine Intrige aus satanistischen, globalen Eliten die die größten Regierungen und „mainstream media“ kontrollierten; prominente Politiker_innen wie Barack Obama, Hillary Clinton oder bekannte Reiche wie George Soros, sowie einige Hollywood-Persönlichkeiten würden zu den Akteuren der Verschwörung gehören. Außerdem betreibe der „deep state“ einen internationalen Menschen- und Kinderhandelring. Der Fokus liegt hier auf den Kindern, die angeblich missbraucht und auf satanistische Weise geopfert würden. Der Mythos steigert sich in abstruse Höhen: Entführten Kindern würde Blut abgenommen, aus dem  das Stoffwechselprodukt Adrenochrom extrahiert würde, welches sich die vermeintlichen Eliten dann injizierten, um länger zu leben. Die Theorie der gefangengehaltenen Kinder ist eine der populärsten und effektivsten Systematiken, um QAnon in den weltweiten Mainstream zu bringen. QAnon-Anhänger_innen gebrauchen den Hashtag #SaveTheChildren um den Aspekt des Menschen- und Kinderhandels im QAnon-Verschwörungskonstrukt zu propagieren, wobei typischerweise andere QAnon-Behauptungen ungenannt bleiben, wohl um potenzielle neue Apologet_innen nicht von vornherein abzuschrecken. #SaveTheChildren ist der schon vorher gebrauchte Begriff der gleichnamigen NGO, um auf wirklichen Kinderhandel und Missbrauch weltweit aufmerksam zu machen. QAnon-Anhänger_innen übernahmen diesen Hashtag und füllten die Kindeshandel-Debatte immer mehr mit QAnon-Inhalten. Hier wird die Rezeptivität vieler Menschen für Kindeswohl-Themen ausgenutzt, um sie auf QAnon aufmerksam zu machen. „SaveTheChildren“ wird zur Einstiegsdroge, die verschwörungsaffine Menschen auf den vermeintlich richtigen Weg bringen soll.

Dabei ist es auffällig und vielsagend, dass die neuen Verschwörungsnarrationen oft auf alte Diskriminierungsmythen zurückgreifen: Das Narrativ der „satanistischen Blutrituale“ zeigt Parallelen zu jahrhundertealten, antisemitischen und auch nationalsozialistischen Verschwörungstheorien, wie etwa der Ritualmordlegende. Antisemitismus als wiederkehrendes Phänomen findet seit Jahrhunderten in Verschwörungstheorien Anwendung., Das zeigt sich auch heute noch an den Vorwürfen gegen eine sogenannte Finanzelite, die im Kosmos der QAnon-Verschwörung besonders von der Person George Soros verkörpert wird. Analog zum nationalsozialistischen Konstrukt eines „Weltjudentums“, agiere dieser als Teil des Schattenstaats.. Die deutschen QAnon-Anhänger_innen übernehmen diesen „deep-state“-Glauben und beziehen ihn auf die deutsche Gesellschaft. Sie behaupten, dass der Schattenstaat auch Deutschland beherrsche und Angela Merkel eine „deep-state Marionette“sei. Damit besteht offenkundig die Gefahr, dass die Strukturen und Konstruktionsweisen antisemitischen und nationalsozialistischen Denkens, ganz unabhängig von der subjektiven Selbsteinschätzung der QAnon-Anhänger_innen in Bezug auf ihre politische Verortung, wieder verstärkt Einzug in die gegenwärtigen öffentlichen Diskursräume halten.

Ausbreitung im Zuge von Covid

Anfang 2018 wurde QAnon von der amerikanischen Rechten – nicht nur von AltRight, sondern auch von gemäßigten Rechtskonservativen – aufgegriffen und weiterverbreitet, sodass QAnon zur Mainstream-Verschwörungstheorie wurde. 2020, zu Beginn der weltweiten Ausbreitung des Covid-19 Virus, vervielfachte sich die Popularität und die Anhänger_innenzahl von QAnon mindestens um das Doppelte. Genaue Zahlen lassen sich nicht ermittelt, da Q’s Posts und die dazugehörenden Gruppen und Nutzer_innen über etliche Plattformen hinweg verteilt sind. Der Grund des plötzlichen Wachstums lässt sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 erklären. Das Virus führte durch seine schnelle Verbreitung zu einer weltweiten Unsicherheit. Unter dem Einfluss von Angst und Unsicherheit sind Menschen besonders anfällig, Verschwörungstheorien Glauben zu schenken, die ihrer unsicheren Situation eine gewisse Stabilität bieten. Covid-19 wurde von Q als eine geplante Ablenkung der Eliten sowie als direkter Angriff auf die Menschheit dargestellt und QAnon Netzwerke nahmen weitere Verschwörungstheorien von Impfgegnern und Covid-Leugnern in ihr Konzept auf. In Europa, besonders in Deutschland stieg die Zahl der QAnon Anhänger_innen drastisch. Bei Betrachtung der Social-Media-Präsenz von QAnon im deutschsprachigen Raum, die man besonders stark auf der Messaging-Plattform „Telegram“ vorfindet, lässt sich die Follower-Zahl auf mindestens 150.000 schätzen. Dazu kann man Aspekte von QAnon in vielen anderen Gruppen und Bewegungen vorfinden – die QAnon Verschwörungstheorien wurden von Reichsbürgern, deutschsprachigen Verschwörungstheoretikern und der rechten Szene – mitunter der AfD – aufgegriffen und verbreitet. Auffallend viele Überschneidungen sind zwischen QAnon und der „Querdenken“ Bewegung zu finden, die zunehmend von Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsextremen vertreten wird. QAnon als „big tent conspiracy“ bezieht die Interessen reiner Impfgegner_innen oder Covid-Leugner_innen, sowie auch den größten Teil der Rechten, thematisch in das Verschwörungskonstrukt mit ein und unterstützt diese. QAnons Verschwörungsnarrative wurden im Laufe des letzten Jahres von den prominentesten Querdenkern verbreitet, wenn auch nicht direkt als QAnon-Inhalt identifiziert. Auch in den Querdenker-Telegramkanälen, die mehrere hunderttausend Follower_innen haben, werden QAnon-Narrative direkt und indirekt aufgegriffen und finden Zuspruch.

Durch diese Entwicklung entsteht ein System um QAnon, in dem QAnon nicht notwendigerweise das Epizentrum bildet, aber eine große Rolle einnimmt. Der Großteil der Anhänger_innen des „Q“-Phänomens folgt den extremen Auswüchsen dieser Bewegung nicht: Qs Aufforderungen zur (Gewalt-) Tat und zum Umsturz der „Schattenregierung“ mögen vielen Anhänger_innen in der Praxis zu weit gehen.

Doch wenige Fanatiker_innen reichen aus, um großen Schaden anzurichten. In den Vereinigten Staaten gab es schon viele Fälle, bei denen Q’s Einfluss Anhänger_innen zu gewaltsamen Taten wie Kidnapping oder sogar Mord motivierte. Nicht zuletzt spielte QAnon beim Sturm auf das US-Kapitol eine Rolle – sowohl bei der Verbreitung des Aufrufes als auch bei der aktiven Beteiligung an einem der verstörendsten Angriffe auf die moderne Demokratie. Der als „QAnon Shaman“ bekannt gewordene Jake Angeli ist wahrscheinlich der bekannteste Teilnehmer des Sturms. Zugleich gilt er als einer der populärsten Anhänger und Vertreter von QAnon.

Doch nicht nur Teile der amerikanischen Anhänger_innen-schaft sind  kriminell, auch in Deutschland geht QAnon mit der rechten Szene und somit auch Strafdelikten aus der rechten Szene einher. Der Attentäter von Hanau, der im Februar 2020 rassistisch motiviert neun Menschen tötete, war offener QAnon-Anhänger. Der Anschlag war auf QAnon Plattformen später als Inszenierung des Schattenstaats dargestellt worden, der dazu dienen sollte, die AfD und QAnon zu diffamieren und deren Zensur zu fördern. Auch beim Sturm auf die Reichstagstreppe im Zuge einer Querdenker-Demonstration im August 2020 waren QAnon-Anhänger_innen aktiv beteiligt. Das Phänomen „QAnon“, seine Narrative und Verbreitungswege zu beobachten und zu verstehen ist daher eine vorrangige Aufgabe, weil es angesichts der Gefahren und der Verbreitung von QAnon und verwandten Bewegungen darum gehen muss, die resultierenden Schäden für Meinungsbildung, Öffentlichkeit und Demokratie einzudämmen und zu bekämpfen.

 

Nachweise:

https://www.theguardian.com/us-news/2020/aug/25/qanon-conspiracy-theory-explained-trump-what-is

https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon

https://www.thenation.com/article/archive/the-origins-of-blood-libel/

https://www.wired.com/story/opinion-the-dark-virality-of-a-hollywood-blood-harvesting-conspira

https://www.adl.org/qanon

https://www.bbc.com/news/blogs-trending-53997203

https://www.dw.com/de/qanon-ohne-donald-trump-eine-deutsche-nahaufnahme/a-56273727

https://de.wikipedia.org/wiki/4chan

https://www.zeit.de/kultur/2020-03/rechtsradikale-onlinenetzwerke-hanau-afd-ukip/seite-2

 

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