Wo das Flüchtlingsrecht und der Menschenrechtsschutz gefordert sind
Ein Interview mit Patrick Hönig
Erzwungene Migration ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine Realität für Millionen von Menschen weltweit. Besonders deutlich wird es am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo, die seit Jahrzehnten von Gewalt, politischen Instabilitäten und bewaffneten Konflikten geprägt ist. Rebellengruppen, staatliche Gewalt und anhaltende Unsicherheit zwingen viele Menschen zur Flucht, oft unter lebensbedrohlichen Umständen. Wer flieht, lässt nicht nur seine Heimat zurück, sondern oft auch Sicherheit, soziale Bindungen und jede Form von Stabilität. Aber endet die Gefahr tatsächlich mit der Ankunft in einem vermeintlich sicheren Aufnahmeland? Mit dieser Frage hat sich Patrick Hönig auseinandergesetzt und hat seine Antwort in seinem 2025 erschienenen Buch Wenn die Gewalt nicht endet: Erzwungene Migration in der Demokratischen Republik Kongo festgehalten.

© Patrick Hönig
Auf Grundlage eindrücklicher Interviews mit Geflüchteten aus dem Kongo zeigt er, dass Flucht kein klarer Schnitt zwischen Bedrohung und Schutz ist, sondern vielmehr ein Zustand anhaltender Unsicherheit. Die komplexen Lebensrealitäten vieler Geflüchteter werden vom internationalen Flüchtlingsrecht nur unzureichend erfasst und insbesondere die Risiken nach der Flucht weitgehend ausgeblendet.Wir haben mit ihm über die menschenrechtsproblematischen Entwicklungen im Kongo gesprochen. Das Interview macht deutlich, dass es nicht nur an konkreten Lösungen fehlt, sondern oft auch am politischen Willen, bestehende Realitäten anzuerkennen. Die Situation in der Demokratischen Republik Kongo ist kein Randthema, sondern Ausdruck globaler Zusammenhänge, die allzu oft erst dann Beachtung finden, wenn sie Europa unmittelbar betreffen. Gleichzeitig wird deutlich, dass Flucht neu gedacht werden muss, nicht als einmaliges Ereignis, sondern als komplexer, andauernder Prozess, der weit über nationale Grenzen hinausreicht.
NMRZ: Sie sind Konfliktforscher und Jurist, was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über den Konflikt im Kongo und über die tragische Situation der Geflüchteten zu schreiben?
Patrick Hönig: Mit der Situation in der Demokratischen Republik Kongo habe ich schon seit über zwanzig Jahren zu tun, erst als politischer Referent für die Friedensmission der Vereinten Nationen im Kongo, später im Zuge meiner Forschungen, großzügig unterstützt von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Das Phänomen erzwungener Migration hat mein Interesse geweckt, weil es so viele Menschen im Kongo betrifft, besonders im Osten des Landes, wo es immer wieder zu Kampfhandlungen kommt, mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass etwa eine Million Menschen aus dem Kongo geflüchtet sind; im Land selbst soll es ca. fünf Millionen Binnenvertriebene geben. Diese Zahlen, so hoch sie sein mögen, hat niemand hier im Kopf. Das Norwegian Refugee Council, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Oslo, listet den Kongo in seinem Ranking der am meisten vernachlässigten Vertreibungskrisen seit Jahren zuverlässig unter den Top 10, und doch deutet nichts darauf hin, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung etwas ändert.
Ihr Buch ist vor einem Jahr erschienen, was hat sich seitdem verändert?
Die Sicherheitslage im Osten des Kongo hat sich seit Beginn des Jahres 2025 rapide verschlechtert. Der Vormarsch der Rebellen des M23 hat im Buch noch Niederschlag gefunden, auch die Einnahme der Provinzhauptstädte Goma und Bukavu, beides Millionenstädte. Seitdem haben die Rebellen ihre Stellungen konsolidiert, in den von ihnen besetzten Gebieten eine eigene Verwaltung aufgebaut und eine neue Offensive gestartet. Die US-Regierung lud im Dezember 2025 den kongolesischen und den ruandischen Präsidenten nach Washington ein, beide setzten ihre Unterschrift unter eine Friedensvereinbarung, es gab einen Fototermin mit dem US-amerikanischen Präsidenten. Wenige Tage später nahmen Einheiten des M23 Uvira ein, eine Stadt, die etwa so viele Einwohner zählt wie Frankfurt am Main. Ohne die Unterstützung Ruandas wäre das nicht möglich gewesen, aber in den Medien fand die Eskalation der Gewalt kaum Erwähnung. Viele der im Zuge der jüngsten Waffengänge Geflüchteten sind in Behelfsunterkünften gestrandet, als Binnenvertriebene im Kongo selbst oder als Flüchtlinge in benachbarten Staaten. Auch Bujumbura, die größte Stadt Burundis [angrenzendes Nachbarland östlich des Kongos; Anm. d. Red.], nur wenige Kilometer von Uvira entfernt, ist durch die Fluchtbewegungen aus dem Kongo an die Grenzen seiner infrastrukturellen Leistungsfähigkeit gekommen.
Diese besorgniserregenden Entwicklungen führen oft zu tragischen und auch grausamen Erlebnissen wie höchst problematische Zustände in den Flüchtlingslagern sowie während der Flucht. Wie wird diese Situation eigentlich innerhalb des Kongos selbst wahrgenommen?
Viele Menschen im Osten des Landes fühlen eine tiefe Ohnmacht angesichts der fortwährenden Geländegewinne des M23 und der Willkürherrschaft, welche die von ihr eingesetzte Verwaltung ausübt. Man fragt sich, was die Regierung in Kinshasa eigentlich unternimmt, um die Rebellen aufzuhalten. Gleichzeitig erleben die Menschen, dass die Wazalendo, bewaffnete Gruppen, die im Auftrag der Regierung unterwegs sind, immer wieder in die Städte einfallen und sich ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung Schusswechsel mit dem M23 liefern. Ich habe mit dem Handy aufgenommene Videos aus Bukavu gesehen, die zeigen, wie Schulkinder auf der Suche nach Schutz in alle Richtungen davonlaufen, und die Menschen sagen mir, dass sie nicht wissen, an welchen Schutzheiligen sie sich noch wenden sollen. In der Diaspora nehme ich eine größere Distanz zum Geschehen wahr. In den Analysen ist oft von Automatismen die Rede, davon, dass die Regierungen in der Region immer wieder dasselbe tun, die immergleichen Knöpfe, auf die man drückt, mit den immergleichen Reaktionen der anderen Seite. Da schwingt auch manchmal Resignation mit. Das Schicksal der kongolesischen Geflüchteten findet insgesamt wenig Widerhall im nationalen Diskurs. Darüber darf man angesichts der oben genannten Zahlen schon erstaunt sein. Vielleicht ist es so, dass in einem Land, in dem die Defizite der Infrastruktur und der Daseinsvorsorge überall spürbar sind, kein gesellschaftliches Bedürfnis besteht, sich über die Voraussetzungen einer Rückkehr der Geflüchteten und ihre sozioökonomische Integration Gedanken zu machen.
Sie haben vor Ort Gespräche mit zahlreichen Geflüchteten geführt. Wie haben die Interviews Ihre Sicht auf die dortigen Geschehnisse und Politik beeinflusst? Gab es ein Erlebnis, das Sie besonders geprägt hat?
Interviews mit Geflüchteten, solchen aus dem Kongo oder anderswoher, werfen ein Schlaglicht auf staatliche Versäumnisse, denn als Flüchtling anerkannt wird nur, wer begründete Sorge hat, wegen Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen der politischen Überzeugung im Herkunftsland verfolgt zu werden. Große Fluchtbewegungen entstehen also nur, wenn ein Staat der Pflicht, die Rechte der Menschen, die in ihm leben, zu schützen, nicht nachkommt. Geflüchtete aus dem Kongo reden sehr offen über das Klima der Repression und der Gewalt, die im Land herrschen. Es gibt viele Geschichten, die mich nachdenklich gemacht haben, aber besonders eindrücklich war das Gespräch mit einer Ärztin, die mir erzählte, dass sie aus dem Kongo flüchten musste, weil die kongolesische Armee hinter ihr her war. Man warf ihr vor, sie habe in der Krankenstation, in der sie tätig war, auch Angehörige einer Miliz ärztlich versorgt. Die Offiziere dieser speziellen Armee-Einheit hatten also offensichtlich die Erwartung, dass die Ärztin zunächst Nachforschungen darüber anstellt, wen sie vor sich hat, bevor sie eine Blutung stillt oder einen Knochenbruch behandelt. Man muss sich das vorstellen: Jemand wird mit dem Tod bedroht, weil er oder sie sich an den Hippokratischen Eid hält, nach dem man Patienten, die einem anvertraut sind, nicht schaden darf. Wenn man aber dem militärischen oder politischen Gegner das Menschsein abspricht, setzt man eine Gewaltspirale in Gang, die sich nur schwer stoppen lässt.

© Patrick Hönig
Immer wieder gibt es Berichte von ähnlichen, schweren Menschenrechtsverletzungen. Welche konkreten Maßnahmen braucht es jetzt, um die aktuelle Notlage der Geflüchteten aus dem Kongo zu verbessern?
Was es jetzt braucht, ist erstens koordinierte humanitäre Hilfe für die Geflüchteten, über Landesgrenzen hinweg, denn es kann keinen Unterschied machen, ob Geflüchtete diesseits oder jenseits der Grenze, in Lagern oder Familien untergekommen sind. Es braucht zweitens eine ernsthafte diplomatische Initiative zur Herstellung einer belastbaren Waffenruhe im Osten des Kongo und ein klares politisches Signal in Richtung Ruanda, dass eine fortwährende Unterstützung der Rebellen Konsequenzen haben wird. Und drittens wäre es wichtig, Geflüchteten Angebote psychosozialer Unterstützung zu machen, denn Studien zeigen, dass traumatische Erlebnisse und post-traumatische Belastungsstörungen umso besser behandelt werden können, je weniger Zeit bis zum Beginn einer therapeutischen Maßnahme ins Land geht.
In Ihrem Buch führen Sie zudem aus, dass das internationale Flüchtlingsrecht zu kurz greife und Risiken im Aufnahmeland kaum berücksichtigt werden. Was sind die größten Baustellen im Flüchtlingsschutz? Wie müssten wir die Genfer Flüchtlingskonvention oder andere Regelungen anpassen bzw. erweitern?
Das internationale Flüchtlingsrecht basiert auf der Annahme, dass Menschen, denen im Herkunftsland Gefahr droht, sich durch den Übertritt einer Grenze in Sicherheit bringen können. Die Grundthese des Buches ist, dass in der Lebenswelt einer geflüchteten Person Gefahr ein Kontinuum darstellt, dass man vor Gewalt nicht sicher ist, im Herkunftsland ebenso wenig wie in einem Transitland oder im Aufnahmeland. Um welche Gefahren es sich handelt und was man dagegen tun kann, ist abhängig vom Kontext, und aus diesem Grund habe ich der Situation Geflüchteter in bewaffneten Konflikten, in Lagern oder in der Stadt, aber auch den nicht registrierten Geflüchteten jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet. Und ja, über eine Reform der Genfer Flüchtlingskonvention darf man sich gerne den Kopf zerbrechen, aber man sollte zweierlei bedenken. Erstens dient die Genfer Konvention nicht in erster Linie dem Menschenrechtsschutz, sondern der Wahrung der internationalen Sicherheit. Wenn ein Staat die Rechte der Menschen, die sich in ihm aufhalten, nicht zu schützen bereit oder in der Lage ist, sollen die anderen Staaten einspringen, um einen Zusammenbruch der internationalen Ordnung zu verhindern. Aus diesem Grund ist das, was ein Staat nach der Konvention zu tun verpflichtet ist, weit weniger als das, was zum Schutz der Menschenrechte notwendig wäre. Und zweitens ist es vielleicht eine gute Idee, sich in Erinnerung zu rufen, wie es gegenwärtig um die Akzeptanz des Völkerrechts bestellt ist. Ich fürchte, man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, man könne im derzeit vorherrschenden weltpolitischen Klima weitere Schutzmechanismen in die Konvention hineinverhandeln. Zieht man an einem Faden, könnte sich die Konvention in ihre Bestandteile auflösen, und zwar schneller, als man denkt. Schon heute tun viele Staaten, was sie können, um das Recht des Einzelnen, nicht über die Grenze zurückgeschoben zu werden, bevor ein Anspruch auf Schutz geprüft ist, zu umgehen und auszuhöhlen. Dieser Befund ist bitter, aber leider evidenzbasiert.
In der Tat leider ein sehr realistisches Risiko. Sie beschreiben, dass Geflüchtete im Kongo auch nach der Flucht noch unsicher leben. Welche konkreten Maßnahmen braucht es in Flüchtlingslagern oder Städten, um diese Risiken zu verringern?
Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass Flüchtlingspolitik immer auch Symbolpolitik ist. Es ist sicher kein Zufall, dass Dzaleka, das zentrale Flüchtlingslager Malawis, in einem ehemaligen Gefängnis 30 Kilometer von der Hauptstadt Lilongwe untergebracht ist. Die Bewegungsfreiheit der Geflüchteten ist eingeschränkt, oft erhalten sie keine Arbeitserlaubnis, all das ist kontraproduktiv, wenn man es mit der Integration ernst meint, aber politisch so gewollt. Was lässt sich konkret unternehmen? Nehmen wir die Flüchtlingssiedlungen im Westen Ugandas, in deren Nachbarschaft es viele brachliegende Flächen gibt, gleichzeitig aber auch Spannungen mit den Menschen in den umliegenden Kommunen, die sich immer wieder in Gewalt entladen. Um das Zusammenleben gedeihlicher zu gestalten, könnte man an die Gründung landwirtschaftlicher Kooperativen denken, in denen Geflüchtete und Einwohner*innen der umliegenden Gemeinden zusammenarbeiten. In den Städten werden Geflüchtete als Reservoir billiger Arbeitskräfte wahrgenommen, die den prekär beschäftigten Bürger*innen des Aufnahmelandes ihre Jobs streitig machen. Gäbe es qualifizierte Bildungsangebote und umfassende kommunale Strukturmaßnahmen, würde dies allen zugutekommen, die keinen eigenen Wassertank und Dieselgenerator haben, sondern von einer funktionierenden öffentlichen Daseinsvorsorge abhängig sind. Außerdem gibt es in den urbanen Zentren Kenias und Ugandas trotz steigender Flüchtlingspopulation nur sehr wenige Anlaufstellen für geflüchtete Menschen in Not. Ombudspersonen in den Rathäusern, spezielle Dezernate in den Polizeidienststellen, ein Dolmetscherservice in der kommunalen Verwaltung würden im Flüchtlingsschutz neue Maßstäbe setzen, natürlich, wenn möglich, alles mit internationaler Unterstützung.
Lassen Sie uns über die Region hinaus blicken: Was bedeutet Ihre Analyse für die aktuelle europäische Migrationspolitik?
Die europäische Migrationspolitik richtet sich nach den Fluchtbewegungen aus, die Europa unmittelbar betreffen. Im „Sommer der Migration“ 2015 kamen viele Menschen aus Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien nach Europa, alles Länder übrigens, die sich in Kriegen und Krisen befanden, an deren Entstehung oder Eskalation europäische Regierungen nicht unbeteiligt waren. Parallel zu den Fluchtbewegungen baute sich in Europa eine Empörungswelle auf, und man gab dem Impuls nach, das europäische Grenzregime zu ertüchtigen, statt sich, was sehr viel nähergelegen hätte, Gedanken darüber zu machen, wie man die Nachbarländer der Herkunftsstaaten bei der Unterbringung der Geflüchteten unterstützen kann. Worüber man in Europa nämlich gerne hinweggeht, ist der Umstand, dass acht oder neun von zehn Geflüchteten im eigenen Land oder in Ländern der Region Schutz suchen. Diese Verengung der Sichtweise bedeutet für die Flüchtlingskrise im Kongo, einer der größten in Afrika, dass sie auf dem Radar der europäischen Länder erst auftauchen wird, wenn es zu spät ist und die Menschen bereits auf dem Weg übers Mittelmeer sind. Und was die Diskussion über die Verminderung von Fluchtursachen betrifft, habe ich oft das Gefühl, man will einfach nicht sehen, dass Maßnahmen, die langfristig sinnvoll sein mögen, auf kurze Sicht die Situation Geflüchteter nicht verbessern werden. Wenn Geflüchtete keinen Schutz finden, werden sie weiterziehen, denn wir haben es mit Menschen zu tun, die Handlungsmacht haben und Entscheidungen treffen, für sich und ihre Familien.
Sie betonen auch immer wieder regionale Lösungsansätze. Besteht dabei aber nicht die Gefahr, dass sich internationale Akteure leichter aus der Verantwortung zurückziehen?
Das hört man von europäischen Entscheidungsträgern in der Tat sehr oft: Es solle doch bitte afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme geben und gemeint ist: Wir halten uns da raus. Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist gerade im Zuge einer Haushaltskonsolidierung empfindlich gekürzt worden, und einer der wichtigsten Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, das USAID, ist im vergangenen Jahr ganz von der Bildfläche verschwunden. Das tut allen Beteiligten sehr weh, und doch ist es wichtig, dass afrikanische Partner sich vernetzen und eigene Konzepte im Umgang mit Flüchtlingsbewegungen entwickeln. Ich möchte an eine Initiative der Organisation of African Unity (OAU) erinnern, dem Vorläufer der Afrikanischen Union (AU): In den 1960er Jahren wurde eine Koordinierungsstelle für die Vermittlung, Ausbildung und Fortbildung afrikanischer Flüchtlinge geschaffen, deren Ziel es war, ein Umsiedlungsprogramm innerhalb Afrikas aufzulegen. Die Idee war gut, aber es fehlte an Kapazitäten. Warum sollte man so etwas nicht noch einmal versuchen, warum nicht auch mit finanzieller Unterstützung Europas, damit sich niemand aus der Verantwortung stiehlt?
Welche Rolle könnten Universitäten, NGOs oder die Zivilgesellschaft vor Ort spielen, um Schutzlücken zu schließen und Fluchtursachen abzubauen?
Universitäten und andere wissenschaftliche Einrichtungen, der Non-Profit-Sektor, aber auch der Kunst- und Kulturbetrieb spielen für die Schließung von Schutzlücken eine wichtige Rolle, schon allein, weil sie Aufmerksamkeit für die Situation Geflüchteter schaffen. Und in zivilgesellschaftlichen Räumen hört man einander anders zu. Gerade erst habe ich Kenntnis erlangt von einem Kunstprojekt, das eine junge Architektin aus der Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Forum 32 Degrees East in Kampala durchführt. Es geht darum, im Austausch mit Geflüchteten in den Flüchtlingseinrichtungen Nakivale (Uganda) und Kakuma (Kenia) eine Vision für den Begriff „Zuhause“ zu stiften. Mir scheint es vielversprechend, neue Assoziationsketten zu schmieden und Verständnis für die existenzielle Erfahrung zu entwickeln, die in der Flucht begründet liegt. Geflüchtete Menschen haben eine große Ambivalenz der Gefühle, aber auch eine Fülle von Ideen, wenn es ums Ankommen geht, weit über das hinaus, was ihnen das UNHCR als dauerhafte Lösungen anbietet, nämlich Rückkehr ins Herkunftsland, Integration ins Aufnahmeland oder Umsiedlung in ein Drittland.

© Patrick Hönig
Kommen wir zum Schluss noch einmal auf den Konflikt im Kongo zurück. Welche Fragen im Hinblick auf die dortige Situation werden aus Ihrer Sicht zu selten gestellt? Und was ist Ihre zentrale Botschaft an Politik und Gesellschaft dazu?
Die liberale Demokratie ist nicht nur in Europa in der Krise, sondern auch in weiten Teilen des Globalen Südens. In der Sahelregion haben wir in den letzten Jahren gesehen, wie ein Militärputsch nach dem anderen demokratisch gewählte Regierungen hinweggefegt hat, unter dem spontanen Beifall signifikanter Teile der Bevölkerung. Viele Menschen in Ländern wie Burkina Faso, Mali und Niger haben schon lange nicht mehr das Gefühl, mit ihrer Stimme politische Entscheidungen beeinflussen zu können. Sie glauben, „demokratisch gewählt“ heißt nichts anderes als Europa genehm. Dieser Realität wird man ins Auge sehen müssen, wenn man im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit nicht nur kosmetische Veränderungen erreichen will. Im Kongo werden nach zwei regionalen Kriegen seit 2006 wieder Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abgehalten, aber Beobachter*innen gehen nicht davon aus, dass diejenigen Personen ins Amt einziehen, die die meisten Stimmen auf sich vereinigt haben. Was bedeutet also Demokratie im Kongo und anderswo abseits der Abhaltung demokratischer Rituale? Und wie füllen wir Begriffe wie Rechtsstaatlichkeit mit Inhalten, die sich den Menschen in ihrem Alltag mitteilen? Flucht und Vertreibung sind keine Naturphänomene wie Blitz und Donner, sondern Ausdruck politischer und sozialer Verwerfungen, auf die Menschen nicht anders zu reagieren wissen. Das zentrale Anliegen des Buches ist die Darstellung der Vielgestaltigkeit der Situationen, in denen Geflüchtete sich wiederfinden. Und schön, wenn sich beim Lesen der Eindruck einstellt, dass man ihnen eine Biografie zugestehen darf, die sie zu einem unverwechselbaren Individuum macht, denn das Leben einer geflüchteten Person ist nicht allein durch Flucht definiert.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führten Jil Maddalena und Felix Krauß.



