Rezensionen

Elisabeth Käsemann und die studentische Dritte-Welt-Solidarität

8. Juli 2013 | Von

Dorothee Weitbrecht: Aufbruch in die Dritte Welt. Der Internationalismus der Studentenbewegung von 1968 in der Bundesrepublik Deutschland, V & R unipress, Göttingen 2012, 421 Seiten

Diese bisher umfassendste Studie über den internationalistischen Impuls, der die deutsche Studentenbewegung der „Achtundsechziger“ wesentlich mitprägte und mit initiierte, ist nicht nur wegen ihres Inhalts bemerkenswert. Die Autorin hat zum Gegenstand ihres gut lesbaren Buches, das auf ihrer Dissertation im Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Eichstätt beruht, einen sehr persönlichen Bezug, den sie in der Einleitung nur kurz benennt. Dorothee Weitbrecht ist die Nichte von Elisabeth Käsemann, der bekanntesten der zahlreichen deutschen und deutschstämmigen Personen, die von der argentinischen Diktatur in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts „verschwunden wurden.“



Daniel Stahl – Neues zur Nazi-Jagd in Südamerika

26. Juni 2013 | Von

Daniel Stahl: Nazi-Jagd: Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechern. Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg. von Norbert Frei), Bd. 15. Göttingen : Wallstein, 2013

Nazi-Jagd, das war jahrzehntelang der Kampf zu allem entschlossener Einzelkämpfer (Wiesenthal/die Klarsfelds) gegen die angebliche SS-Fluchtorganisation ODESSA. Seit einigen Jahren hat die Forschung nachgewiesen, dass es diese Organisation nie gab und die Flucht von NS-Tätern nach Lateinamerika in ihren realen, viel kleineren Dimensionen dargestellt. Die jüngste Publikation hierzu ist Daniel Stahls: Nazi-Jagd : Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechern. Der Autor, Sohn deutschstämmiger paraguayischer Mennoniten, hat diese Dissertation in Jena vorgelegt. Er ist mit Europa und Lateinamerika vertraut, was zur Substanz seiner Arbeit beiträgt.



Robert Falco – französischer Richter im Nürnberger Prozess

2. April 2013 | Von

Robert Falco : Juge à Nuremberg – Souvenirs inédits du procès des criminels nazis, illustrations de Jeanne Falco, préface d’Annette Wieviorka, introduction de Guillaume Mouralis, Nancy : Éditions Arbre Bleu 2012

Robert Falco war der stellvertretende französische Richter im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Bei Kriegsende Richter am „Cour de cassation“, dem obersten Gerichtshof Frankreichs, hatte er sich für eine Tätigkeit am Internationalen Militärgerichtshof beworben, dessen Schaffung die Alliierten für den Hauptkriegsverbrecherprozess zu diesem Zeitpunkt planten. Das Justizministeriumschickte Falco zunächst als französischen Vertreter zur Londoner Konferenz, auf der im Sommer 1945 der Prozess vorbereitet und das Statut für den Gerichtshof ausgearbeitet wurden. Nach den Londoner Verhandlungen erfolgte Falcos Ernennung zum stellvertretenden Richter. Dadurch war Falco im Gegensatz zu seinem Landsmann Henri Donnedieu de Vabres bei der Urteilsfindung in Nürnberg zwar selbst nicht stimmberechtigt, nahm aber an allen Besprechungen des Richterkollegiums teil und verfolgte den gesamten Prozess von der Richterbank aus mit. Dies ist umso bemerkenswerter, da Falco damit als einziger Vertreter seines Landes die Vorbereitung und den Ablauf des gesamten Prozesses persönlich miterlebte. Seine tagebuchartig gegliederten Erinnerungen, die offensichtlich auf von ihm angefertigten Notizen basieren, behandeln diesen gesamten Zeitraum, von den Vorbereitungen in London angefangen bis hin zur seiner Abreise aus Nürnberg nach der Urteilsverkündung.



Pinochet – eine Täterbiografie

27. März 2013 | Von

Friedrich Paul Heller: Pinochet. Eine Täterbiografie in Chile, Stuttgart (Schmetterling Verlag) 2012, 352 Seiten

Der erfolgreiche Kino-Film „NO“ zeigt, wie eine gelungene Öffentlichkeitsstrategie nach 15 Jahren das Ende der Diktatur von Augusto Pinochet in Chile einläutete. Er zeigt auch, dass ein „Nein“ zu seiner Wiederwahl in Pinochets Plan nicht vorgesehen war. Wer aber dieser im Oktober 1988 endlich abgewählte Pinochet war, das kann der Film nur sehr bruchstückhaft vermitteln. Wer es genauer wissen will, der kann jetzt zu der ersten deutschsprachigen Biografie von Augusto Pinochet Ugarte greifen, die zugleich die erste ist, die seit seinem Tod überhaupt vorgelegt wurde. Geschrieben wurde sie von dem ausgewiesenen Chile-Kenner Friedrich Paul Heller, von dem auch auf dieser Website verschiedene Beiträge, nicht zuletzt zu dem von deutschen Emigranten in Chile betriebenen Folterzentrum Colonia Dignidad zu finden sind.



Über Völkermord und andere unvorstellbare Schreckenstaten

5. Januar 2013 | Von

Akhavan, Payam: Reducing Genocide to Law. Definition, Meaning, and the Ultimate Crime, Cambridge University Press 2012, ISBN 9780521824415, 191 Seiten
Schabas, William: Unimaginable Atrocities. Justice, Politics, and Rights at the War Crimes Tribunals, Oxford University Press 2012, ISBN 9780199653072, 232 Seiten

Ein iranischer und ein kanadischer Völkerrechtler haben die Möglichkeiten und Grenzen des internationalen Strafrechts aus unterschiedlichen Perspektiven neu beleuchtet. Gemeinsam ist ihnen die Frage nach den Erwartungen von Opfern und Öffentlichkeit an die internationalen Strafgerichtshöfe, nach deren Leistungsfähigkeit und Grenzen, und nach dem Verhältnis von politischer Wirkung und juristischen Schranken des internationalen Strafrechts.



Die Rechte der Opfer bei internationalen Strafgerichtshöfen

2. Januar 2013 | Von

McGonigle Leyh, Brianne: Procedural Justice? Victim Participation in International Criminal Proceedings. Cambridge / Antwerpen / Portland (Intersentia) 2012, 452 Seiten

Die Rechte von Opfern in internationalen Strafprozessen um Menschenrechtsverletzungen sind, wie die Rolle von Opfern in Strafprozessen überhaupt ein Thema, das erst in den letzten Jahren stärker in den Blick gerückt ist, oder besser gesagt, in den Blick gerückt worden ist, nämlich vor allem von den Opfern selbst. Waren sie noch in Nürnberg fast unsichtbar, allenfalls gelegentlich als Zeugen unter dem strengen Reglement dieser Rolle im Strafprozess auftretend, so haben sie in den neueren internationalen Gerichten allmählich mehr Bedeutung für die Verfahren erlangt.



Die Vereinten Nationen als Wertesystem

8. Dezember 2012 | Von

Otto Spijkers: The United Nations, the Evolution of Global Values and International Law, Cambridge, Antwerpen, Portland (Intersentia), 2012, 520 Seiten

Den Schrecken der faschistischen Diktaturen und des Zweiten Weltkriegs wollten die Gründer der Vereinten Nationen ein Gegenmodell einer auf Frieden und Menschenrechte gegründeten Weltordnung entgegensetzen. In der Präambel zur Charta der neuen Weltorganisation formulierten sie ihre „Entschlossenheit“, künftig Kriege zu vermeiden, ihren „Glauben“ an die Grundrechte und den Wert und die Würde der menschlichen Persönlichkeit sowie an die Gleichberechtigung von Mann und Frau und aller Nationen. Außerdem bekräftigten sie ihre Entschlossenheit, den sozialen Fortschritt zu fördern und Bedingungen für eine gerechte Weltordnung zu schaffen. Im ersten Kapitel der Charta formulierten sie dementsprechende „Ziele“ und „Grundsätze“.



Lateinamerika und der Völkerbund

8. Dezember 2012 | Von

Thomas Fischer: Die Souveränität der Schwachen. Lateinamerika und der Völkerbund, Stuttgart (Steiner Verlag) 2012, 459 Seiten

Als sich im April 1945 in San Francisco 50 Staaten versammelten, um einen neue Weltorganisation, die Vereinten Nationen, zu gründen, waren zwei Fünftel davon aus Lateinamerika. Sie vermochten ganz erheblich an der Verfassung und den Weichenstellungen der entstehenden UNO mitzuwirken. Auch nach dem Ersten Weltkrieg, beim ersten Versuch, eine solche weltumspannende Organisation mit dem Ziel der Erhaltung des Weltfriedens zu gründen, waren mehr als ein Drittel der Mitgliedstaaten aus Lateinamerika. Allerdings war der damals ins Leben gerufene Völkerbund, obgleich wesentlich vom US-amerikanischen Präsidenten Wilson vorangetrieben, in vieler Hinsicht eine europäisch dominierte Veranstaltung, insbesondere nachdem die USA sich dem Bund nicht anschlossen. Die stark europäische Ausrichtung der „Société des Nations“ ergab sich schon daraus, dass ihre Gründungsakte Teil des Friedensvertrags von Versailles war, der diesen Krieg beendete. […]



Die Nürnberger Nachfolgeprozesse – endlich eine Gesamtdarstellung

24. Juli 2012 | Von

Kevin Jon Heller: The Nuremberg Military Tribunals and the Origins of International Criminal Law, Oxford University Press 2012, 509 Seiten

Über das Internationale Nürnberger Militärtribunal (IMT), kurz den “Nürnberger Prozess” gibt es eine kaum noch zu überschauende Fülle an wissenschaftlicher und populärer Literatur. Über die zwölf weiteren Prozesse, die danach im gleichen Gerichtssaal gegen NS-Verbrecher stattfanden, ist die Literatur hingegen bis heute erstaunlich spärlich. So konnte der in Australien lehrende Straf- und Völkerrechtler Kevin Jon Heller 2011 tatsächlich das erste Buch vorlegen, das einen Gesamtüberblick über diese zwölf „Nürnberger Nachfolgeprozesse“, die von den amerikanischen Behörden durchgeführten „Nuremberg Military Tribunals“ (NMT) gibt. […]



Gewaltsames Verschwindenlassen

18. Juli 2012 | Von

Vermeulen, Marthe Lot: Enforced Disappearance. Determining State Responsibility under the International Convention for the Protection of All Persons from Enforced Disappearance, Cambridge/Antwerpen/Portland (Intersentia) 2012, 543 Seiten

Das Internationale Abkommen gegen das gewaltsame Verschwindenlassen ist erst seit Dezember 2010 in Kraft. Die holländische Juristin Marthe Lot Vermeulen hat eine neue, sehr umfangreiche, Studie über die Konvention vorgelegt, die sie aus dem spezifischen Blickwinkel der in ihr niedergelegten Staatenpflichten untersucht. […]